Donald Trump | Bildquelle: AP

Trumps Wahlkampftaktik Provozieren, ablenken, vage bleiben

Stand: 19.08.2020 11:39 Uhr

Im Wahlkampf will Trump vor allem eines: Inhalte vermeiden. Stattdessen setzt er auf gezielte Provokationen und Ablenkung - worauf die Medien nur allzu gerne eingehen.

Von Arthur Landwehr, ARD-Studio Washington

Ein amerikanischer Kollege hat es vor ein paar Tagen mal so ausgedrückt: "Donald Trumps schärfste Waffe im Wahlkampf ist es, seinen Gegnern die Zeit zu stehlen." Genau das ist es, was man nicht nur im Wahlkampf fast täglich beobachten kann - nämlich dass der US-Präsident mit Provokationen die Agenda bestimmt, ohne wirklich Position zu beziehen.

Daran arbeiten sich dann politische Gegner ebenso wie Medien ab, während er gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen hat: Er bleibt im Gespräch, für Themen der anderen bleibt kein Raum, ebenso wenig für wichtige Dinge, die ihm schaden könnten.

Wahlbeteiligung soll niedrig bleiben

Derzeit unternimmt Trump jeden Versuch, die anstehende Wahl zu diskreditieren. Ziele scheinen dabei zu sein, die Wahlbeteiligung niedrig zu halten, was traditionell den Republikanern hilft, und eine Erklärung für eine mögliche Niederlage zu liefern.

Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung um die Post, Trumps offensichtlicher Versuch, die Leistungsfähigkeit dieser hochpopulären amerikanischen Institution zu sabotieren. Verknüpft hat er dies mit dem nie belegten Vorwurf, Briefwahl öffne Wahlbetrug Tür und Tor - obwohl er selber per Briefwahl abstimmen will. Das erweckt vor allem den Eindruck, er wolle einer möglichen Niederlage schon einmal vorbauen und Gründe schaffen, die Wahl anzufechten.

Vermeintliche Forderungen als Fragen verpacken

Den Beweis dafür hat allerdings bisher ebenso wenig jemand erbracht, wie Trumps Vorwürfe gegen die Briefwahl bewiesen sind. Hinzu kommt die Spekulation, Trump würde sich bei einer Niederlage im Weißen Haus verschanzen oder er fordere, die Wahl zu verschieben, um seine Macht auf längere Zeit zu sichern. Schaut man das genau an, gibt es diese Forderung nicht, einzig die Diskussion darum.

Stets schwammig formulieren

Oft übersehen wird nämlich, dass Trump sprachliche Tricks nutzt, um Vorwürfe und Forderungen in den Raum zu stellen, ohne es wirklich zu tun. Beispiel Wahltermin: Trump soll, so heißt es in vielen Veröffentlichungen, gefordert haben, die Wahl zu verschieben. Das hat er nicht.

Im allerersten Tweet zu diesem Thema wettert er gegen eine allgemeine Briefwahl zum Schutz gegen Ansteckung mit dem Coronavirus. "Sollten wir vielleicht die Wahl verschieben, bis die Menschen ordentlich und sicher wählen können???", heißt es da. Keine Forderung, keine Positionierung, nicht mehr als diese eine Frage. Im medialen Aufschrei passiert aber genau das, was Trump tatsächlich will: Es wird breit über eine Verschiebung der Wahl diskutiert, und der mediale Raum ist erst einmal von ihm besetzt.

Fragen statt Aussagen

Die texanische Rhetorikprofessorin Jennifer Mercieca zeigt in einem neuen Buch ("Demagogue for President: The Rhetorical Genius of Donald Trump"), wie kontrolliert und gezielt Trump solche sprachlichen Tricks einsetzt.

Ein weiteres Beispiel: Es war nicht Trump, der die These in den Raum gestellt hat, er könnte sich weigern, das Weiße Haus zu verlassen, sollte er die Wahl verlieren. Dies stammt tatsächlich aus einem im Magazin "The Atlantic" beschriebenen erdachten "Was wäre wenn"-Szenario. Trump hatte nur in einem Tweet gefragt: "Glaubt ihr, dass mich die Menschen bitten werden, länger zu bleiben?" Das wiederum bezog sich auf das Ende von zwei Amtszeiten.

Erhöhter Erregungszustand in den Medien

Genau das, was auch hier die Absicht scheint, passiert anschließend. Gegner und Presse gleichermaßen lassen sich provozieren, geraten in einen erhöhten Erregungszustand, bis sich ein Journalist in einem Interview ein Herz fasst und den Präsidenten direkt fragt: "Wenn Sie verlieren, werden Sie dann auch gehen?" Trump wäre nicht Trump, ließe er diesen Elfmeter liegen. "Schauen wir mal", sagt er, und hält die Nation am köcheln.

"Manche sagen Ja - aber viele sind dagegen"

Noch ein Beispiel gefällig? Trump soll überlegt haben, Edward Snowden zu begnadigen, wird breit berichtet. Was wirklich passiert ist: In einem Interview der "New York Post" fragt ihn die Redaktion nach Snowden. Antwort: "Von dem haben wir lange nichts gehört. Aber ja, über den wird gesprochen, er hat viele Leute, die zu  ihm stehen, die glauben, dass er ungerecht behandelt wurde."

Am Wochenende dann gibt Trump eine Pressekonferenz in seinem Golfclub, und ein Reporter stellt öffentlich eine Frage nach Snowden. Trump nutzt ein weiteres seiner sprachlichen Muster: "Manche sagen Ja, aber viele sind dagegen. Ich weiß nicht viel darüber, aber ich schaue mir das genau an." Alles bleibt offen, er hat sich sprachlich zum Entscheider gemacht, seine Rolle als Präsident unterfüttert, sich überlegt gezeigt.

Geben und Nehmen

Viel von dem, was zur Washingtoner Aufregung gehört, ist Teil eines Gebens und Nehmens, von dem viele profitieren. Trump aus den genannten Gründen, aber auch die Medien gewinnen. Sie stehen im Konkurrenzkampf gegeneinander, die Nachrichtenkanäle müssen vor allem Sendezeit füllen. Jede Provokation gibt Gelegenheit, für Stunden mit Experten zu diskutieren und die eigene Klientel zu befriedigen. Verloren geht die Distanz, mit kühlem Kopf über die wichtigen Dinge zu reden.

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