Trump trifft in Kenosha ein | AP

Trump in Kenosha Der ungebetene Gast ist da

Stand: 01.09.2020 21:43 Uhr

Obwohl er gebeten wurde, nicht zu kommen, ist US-Präsident Trump nach Kenosha gereist. In der Stadt war es nach Polizeischüssen auf einen Schwarzen zu Ausschreitungen gekommen. Trump dankte Polizisten und versprach Millionenhilfen.

Der Bürgermeister von Kenosha riet von einem Besuch ab, und auch der Gouverneur sprach sich offen dagegen aus, dass der US-Präsident die von Protesten und Unruhen geprägte Stadt in Wisconsin besucht. Doch niemand konnte Donald Trump überzeugen: Er ist nach Kenosha geflogen und traf dort Sicherheitskräfte und Ladenbesitzer, deren Geschäfte in den vergangenen Tagen geplündert worden waren.

Den Besitzern eines niedergebrannten Ladens versprach er schnelle Hilfe. Über die Polizisten vor Ort sagte der Präsident, sie hätten einen "fantastischen Job" gemacht. Trump besuchte auch das in einer Schule eingerichtete Kommandozentrum der Sicherheitskräfte in Kenosha. Dort sagte er, manche würden Recht und Ordnung als "zwei furchtbare Worte" ansehen. Sie seien aber "schön".

Trump besucht bei Ausschreitungen zerstörte Häuser in Kenosha | REUTERS

Trump besichtigte zerstörte Geschäfte in der Stadt. Bild: REUTERS

"Es war kein friedlicher Protest"

Law and Order, Recht und Ordnung, ist zu Trumps Thema im Wahlkampf geworden. Diesen setzte er nun auch in Kenosha fort. Einmal mehr warnte er, dass anderen Städten das gleiche Schicksal blühen würde wie Kenosha, wenn sein demokratischer Rivale Joe Biden die Wahl im November gewinnen würde. Kenosha sei von Krawallen getroffen worden, die "gegen die Polizei gerichtet und anti-amerikanisch gewesen seien", sagte Trump. "Es war kein friedlicher Protest, sondern inländischer Terrorismus."

Trump versprach zugleich eine Million Dollar Unterstützung für die örtliche Polizei und vier Millionen Dollar für den Wiederaufbau von Geschäften in Kenosha. Dem gesamten Bundesstaat Wisconsin würden 42 Millionen Dollar für die öffentliche Sicherheit bereitgestellt.

Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt

In Kenosha war es zu Unruhen gekommen, nachdem ein Polizist am 23. August dem Schwarzen Jacob Blake siebenmal in den Rücken geschossen hatte. Blake ist seitdem gelähmt. Der Vorfall löste Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt aus. Trotz einer nächtlichen Ausgangssperre kam es in den Folgetagen immer wieder zu Ausschreitungen. Dabei soll der 17-jährige Kyle R. - ein bekennender Trump-Anhänger - zwei Menschen erschossen haben. Er wurde wegen Mordes, versuchten Mordes und unerlaubten Waffenbesitzes angeklagt. Kyle Rs. Anwalt spricht von Notwehr. Sein Mandant habe gemeinsam mit anderen seine Gemeinde verteidigen wollen.

Auch Trump verteidigte den Schützen. Demonstranten hätten ihn "sehr gewalttätig angegriffen", sagte Trump. "Er hat versucht, von ihnen wegzukommen, nehme ich an, es sieht so aus, und er ist gestürzt." Er "wäre wohl getötet worden", fügte Trump hinzu.

Kampf um die Deutungshoheit

Das sehen Vertreter von "Black Lives Matter" und Teilnehmer der Demonstrationen ganz anders: Kyle R. agiere wie ein nationaler Terrorist, der gezielt durch Gewalt die Situation anheize. Viele geben Trump eine Mitschuld. Der Präsident verbreite Angst vor Chaos und Anarchie, verherrliche Waffenbesitz und unterstütze es indirekt, wenn sich plötzlich bewaffnete Milizen bildeten.

Auf Twitter brüstete sich Trump zudem damit, er habe Sicherheitskräfte des Bundes und die Nationalgarde nach Kenosha geschickt. Allerdings hatte Gouverneur Tony Evers den Einsatz der Nationalgarde - die in Friedenszeiten den Gouverneuren untersteht - zur Unterstützung der Polizei bereits zuvor autorisiert. Trump verkaufte den Einsatz dennoch als Erfolg seiner Regierung.

Trumps demokratischer Herausforderer Joe Biden warf dem Präsidenten vor, "die Werte der Nation zu vergiften". Bei einem Wahlkampfauftritt sagte Biden: "Es wüten Brände und wir haben einen Präsidenten, der die Flammen anfacht, anstatt sie zu bekämpfen."

Ein Treffen Trumps mit der Familie des angeschossenen Jacob Blake war nicht geplant. Diese habe ihn nur in Begleitung eines Anwalts sehen wollen, hatte der Präsident vor seinem Abflug gesagt. Ein Onkel des Mannes, Justin Blake, sagte: "Wir brauchen nicht noch mehr Schmerz und Spaltung von einem Präsidenten, der seinen Wahlkampf auf Kosten unserer Stadt voranbringen will."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 01. September 2020 um 22:15 Uhr.