US-Präsident Trump. | Bildquelle: AP

Trump und die Coronakrise Im Nebel des Postfaktischen

Stand: 31.03.2020 16:08 Uhr

Lange hat US-Präsident Trump die Corona-Krise ignoriert, viel zu spät scheint er die Gefahr zu erkennen. Dennoch ist er laut Umfragen beliebt wie nie. Wie kann das sein?

Eine Analyse von Klaus Scherer, NDR

Es war womöglich der Game Changer, die Wende, in den Sympathie-Umfragen von Donald Trump. Gerade noch schienen die US-Demokraten wieder einmal sicher, den Präsidenten in der Corona-Krise des Unvermögens überführt zu haben, da konnte er sich erstmals über Zustimmungswerte von fast 50 Prozent freuen. Steigt da etwa einer aus seinem Umfragetief empor wie seinerzeit Gerhard Schröder nach der Elbeflut? Die Überschwemmungen hatten Schröder zuerst Fernsehbilder als Held auf der Deichkrone beschert - und danach die Wiederwahl als Bundeskanzler.

Folgt man dem konservativen US-Publizisten George Will, dem schon der Aufstieg Sarah Palins Sorgen machte, kann sich der amtierende US-Präsident indes schon deshalb kein fremdes Wissen aneignen, weil Trump "nicht einmal weiß, was es heißt, etwas zu wissen". So formulierte es Will nach Trumps Wahlsieg.

Versäumnisse nur "Erfindung"

Tatsächlich hat Trump auf die Bedrohung zunächst wie üblich reagiert. Erst tat er seine Ignoranz als "Erfindung" der Demokraten ab, die ihm schaden wollten. Dazu brüstete er sich, das Virus sei in den USA bereits "unter Kontrolle" und "gestoppt". Kaum hatte die Infektionswelle das widerlegt, prahlte er - nicht minder faktenfern -, er habe die Pandemie in Wahrheit früher als seine Kritiker erkannt.

Trump schob die Schuld an Versäumnissen der Obama-Regierung zu und feierte sich als vielgeachtetes Medizin-Talent. Und weil Staatsführer im Verteidigungsfall mehr Rückhalt genießen als sonst, ernannte er sich schließlich zum "Kriegspräsidenten", der entgegen aller Virologen-Ratschläge schon zu Ostern die Kirchen wieder "randvoll" sehe. Amerika sei nun mal "nicht dafür gemacht", still zu stehen. Ganz Feldherr also. Ganz Trump. Das "stabile Genie". Warum auch sollte er sich ändern?

Trumps Lernkurve

Dennoch ist nicht auszuschließen, dass auch Trumps Lernkurve bald nach oben gehen könnte - ganz wie die Corona-Zahlen. Nichts sei gefährlicher, so passte er zuletzt die Losung an, "als einen Sieg zu feiern, bevor er errungen ist". Und man sollte nicht einmal ausschließen, dass ihm ausgerechnet die Opposition dabei hilft, sein Umfragehoch noch auszubauen. Denn im Nebel des Postfaktischen, den Trump seit Jahren wirft, flankiert von seinen Getreuen im US-Senat und bei FoxNews, haben auch die Demokraten gelegentlich die Orientierung verloren. Schon mehrfach schienen sie allzu gewiss, dass Trumps endgültige Entzauberung bevorstehe.

Trump'sche Reality-Show

Doch weder der Mueller-Report vermochte ihm erkennbar zu schaden, noch das Impeachment-Verfahren, obwohl es klarer machte als je zuvor, wie wenig sich Trumps Unterstützer um Wahrheit und Beweise scherten. Stattdessen schien ein wesentlicher Teil des Publikums der Trump'schen Reality-Show mehr und mehr genervt davon, wie lange sich die Demokraten daran jeweils festbissen.

Nun müssen sie aufpassen, dass ihre Drohung, Trump irgendwann für seine fatale Corona-Ignoranz zur Rechenschaft zu ziehen, am Ende nicht ebenso nach hinten losgeht. Denn wer würde das noch hören wollen, wenn der Kriegsherr den ersehnten Sieg über das Virus verkündet - gerade wenn der Krieg verlustreich war?

Trump, der "Dealmaker"

Nachdem Joe Biden als Herausforderer so gut wie feststeht, tun die Demokraten gut daran, Amerika täglich aufs Neue vorzuführen, wie sich die Alternative zu Trump anfühlen könnte. Mal wieder ein geerdeter Teamplayer, mal wieder ein Zuhörer? Denn viel spricht noch immer dafür, dass Trump das nie können wird.

Schon als die unter immensem Druck stehenden Bundesstaaten-Gouverneure vom Weißen Haus die versprochenen Atemmasken anmahnten, verlangte Trump persönliche Dankbarkeit als Bedingung. Sonst riefe er sie gar nicht erst an, sagte er. Trump, der "Dealmaker". Auch jetzt. Für ihn, so scheint es, bleibt Amerika weiterhin zuallererst er selbst. Dabei war es selten so leicht wie jetzt, das Land zusammenzuführen.

"Über Herrn Trump nicht mehr zu reden", ...

Als Schröder auf dem Deich gefragt wurde, ob er die Sorgen seiner Landsleute teile, wusste er, was er zu antworten hatte. Und zwar möglichst allen. Deshalb war er ja da. Auf die Frage eines NBC-Journalisten, was der US-Präsident heute jenen Amerikanern sagen könne, "die Angst haben", fertigte Trump lieber den Reporter ab. "Was für eine gemeine Frage", erwiderte er. "Ich würde ihnen sagen, was für ein miserabler Reporter du bist."

Und was antwortet Publizist Will auf Trumps schillerndes Umfragehoch? Nur eine Zeile. "Ich habe einen Eid geschworen", teilt er vieldeutig mit, "über Herrn Trump nicht mehr zu reden, so lange es nicht unbedingt notwendig ist."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. März 2020 um 23:27 Uhr.

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