Khalifa Haftar | Bildquelle: AFP

Kämpfe in Libyen Haftar nutzt Öl als Druckmittel

Stand: 04.05.2019 12:47 Uhr

Im Kampf um Tripolis kommt die sogenannte Libysche Nationalarmee seit Wochen nicht voran. Jetzt versucht ihr Anführer Haftar, der Regierung die wirtschaftliche Grundlage zu entziehen: die Einnahmen aus dem Ölverkauf.

Von Michael Lohse, ARD-Studio Kairo

"Für dich Tripolis, wir kommen!" - Der selbst ernannte Feldmarschall Khalifa Haftar hatte sich sein militärisches Abenteuer wohl anders vorgestellt, als er seiner sogenannten Libyschen Nationalarmee (LNA) vor einem Monat den Marsch auf Tripolis befahl.

Noch immer steckt die Offensive im Süden der Hauptstadt fest. Und das, obwohl Haftar in den vergangenen Wochen immer mehr Truppen und Artillerie an die Front bringen ließ. Aber die Milizen, die sich mit der international anerkannten Regierung gegen ihn verbündet haben, halten bisher die Stellung.

In einem Stadtteil von Tripolis feuert ein regierungstreuer Kämpfer eine Granate ab | Bildquelle: AFP
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Milizen kämpfen an der Seite der Armee gegen die Truppen Haftars.

Die Öleinnahmen landen bei der Zentralbank

So verlagert Haftar den Konflikt zunehmend auf wirtschaftliches Gebiet und spielt seinen größten Trumpf aus: Öl. Seit 2016 haben seine Truppen fast alle wichtigen Ölfelder Libyens unter ihre Kontrolle gebracht. Bislang laufen alle Exporte über die staatliche Ölgesellschaft NOC, die ihre Gewinne an die libysche Zentralbank überweist. Doch jetzt erhöht Haftar den Druck auf die Firma mit Sitz in Tripolis.

Der Ministerpräsident von Haftars Gegenregierung in Tobruk, Abdullah al-Thani, beklagte kürzlich, 70 Prozent kämen zwar von den östlichen Feldern, die von der LNA kontrolliert würden, doch "bis heute haben wir keinen Cent von den Einnahmen bekommen". Diese gingen komplett an die libysche Zentralbank - "und die geben das Geld dann an die ganzen Milizen und bewaffneten Gruppen".

Neuer Mut durch Trump-Zuspruch

Auf die Verteilung der Einnahmen durch die libysche Zentralbank hatte Haftar sich keinesfalls aus Selbstlosigkeit eingelassen. Es blieb ihm schlicht nichts anderes übrig: Denn die internationale Kundschaft wollte nur mit der bewährten NOC Geschäfte machen. Alle Versuche, von Bengasi aus die Exporte selbst zu organisieren, scheiterten.

Im Zweifel schickten die USA ihre Spezialeinheiten los, um Tanker am Ablegen zu hindern. Doch nachdem US-Präsident Donald Trump kürzlich mit Haftar telefoniert und seine Rolle bei der Sicherung der libyschen Ölvorkommen gelobt hat, könnte sich der abtrünnige General ermutigt fühlen, es noch einmal zu probieren.

Die NOC hat sich eigentlich zur Neutralität verpflichtet. Doch Haftar bearbeitet führende Mitarbeiter, von diesem Kurs abzuweichen. Offenbar mit Erfolg: Immer mehr Tochtergesellschaften ergreifen Partei für ihn, zum Beispiel Sirte Oil oder die Firma Agoco mit Sitz in Bengasi, die allein rund ein Drittel des libyschen Rohöls fördert.

Zusätzlich erhöhte Haftar jüngst den Druck, indem er ein Kriegsschiff in den wichtigen Ölhafen Ras Lanuf schickte. Die Botschaft ist klar: Sollte es auf dem Schlachtfeld zum Sieg nicht reichen, kann ich Euch immer noch den Ölhahn abdrehen. Für Libyens stark exportabhängige Wirtschaft wäre das eine Katastrophe.

Karte: Libyen mit Tripolis
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Die wichtigsten Ölquellen im Osten des Landes sind unter Kontrolle Haftars.

Kämpfe machen zaghaften Aufschwung zunichte

Der Wirtschaftsminister der international anerkannten Regierung in Tripolis, Ali al-Issawi, rechnet ohnehin schon mit Folgekosten des Krieges in Milliardenhöhe. "Ohne Zweifel werden sich die Kämpfe negativ auf die Wirtschaft auswirken", prognostiziert er. "Es entstehen unerwartete Kosten für die Verletzten und Vertriebenen. Das wird sich negativ auf den Haushalt niederschlagen."

Gerade hatte sich die libysche Ölindustrie nach Jahren mit Anarchie, Bürgerkrieg und blutigem Chaos etwas erholt. Auf 1,1 Millionen Barrel täglich schätzt al-Issawi die Förderung derzeit - immerhin rund achtmal so viel wie im bisher schlechtesten Jahr 2014.

Haftars Eroberungen im Osten und Süden haben zu dieser Stabilisierung durchaus beigetragen, denn sie beendeten oftmals die Herrschaft lokaler Milizen. Doch die Rückkehr des Krieges droht alle Erfolge zunichte zu machen. Der Präsident der international anerkannten Regierung, Fayez al-Sarradj, erklärte, vor den Angriffen der LNA in Tripolis hätten viele ausländische Firmen versprochen, für Kooperationen in sicheren Gebieten zurückzukommen. "Aber die Angriffe haben uns wieder ganz an den Anfang zurückgeworfen."

Haftar braucht Devisen

Immerhin verfügt auch die Regierung in Tripolis über einen entscheidenden Hebel im Machtpoker: die libysche Zentralbank nämlich. Devisen, die Haftars Gegenregierung eigentlich zustehen, werden derzeit mit der Begründung zurückgehalten, man müsse die Empfängerbanken in Bengasi erst überprüfen.

Auf Devisen aber ist Haftar dringend angewiesen, sollte sich der Kampf um Tripolis noch lange hinziehen. Schließlich muss er den teuren Nachschub organisieren - und sein Hauptquartier in Bengasi liegt 1000 Kilometer von der Hauptstadt entfernt.

Haftar nutzt Öl als Druckmittel im Krieg in Libyen
Michael Lohse, ARD Kairo
04.05.2019 12:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. Mai 2019 um 14:00 Uhr.

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