US-Soldaten bei einer Weihnachtsfeier in Afghanistan | Bildquelle: dpa

Transgender in US-Armee Dienen ohne Angst

Stand: 01.01.2018 12:30 Uhr

Mit Beginn des neuen Jahres werden auch Transgender in die US-Streitkräfte aufgenommen. Gerichte unterstützen den Vorstoß von Ex-Präsident Obama. Doch der Widerstand ist massiv - nicht nur von Präsident Trump.

Eine Reportage von Marc Hoffmann, ARD-Studio Washington

Für Ray Duvall glichen die meisten Jahre in der US-Armee einem Versteckspiel. Erst an der renommierten US-Militärakademie Westpoint bis 2008, dann auf verschiedenen Stützpunkten, als Leutnant im Pionierregiment. Transgender hatten keinen Platz.

"Aufgrund meines Auftretens sind andere davon ausgegangen, dass ich lesbisch bin. Ich habe es dabei belassen. Aber ich habe geschauspielert. Ich identifiziere mich weder als Mann noch als Frau", sagt Duvall. "Es gibt ein breites Spektrum, wie sich so genannte nicht-binäre Menschen identifizieren und ihr Geschlecht ausdrücken."

Duvall arrangierte sich, fiel nicht auf. Andere Transgender hatten es dagegen schwerer klarzukommen. Als "Andersartige" gebrandmarkt, drohte ihnen der Rauswurf.

2500 Menschen betroffen

Es geht grob geschätzt um rund 2500 Aktive in den US-Streitkräften, die sich als Transgender identifizieren. Das sind weniger als 0,5 Prozent im US-Militär, heißt es in einer Studie für das Pentagon von vor zwei Jahren. Auch wenn Interessenverbände von etwas höheren Zahlen ausgehen, ist es ein Bruchteil. Trotzdem wird in den USA seit längerem heftig gestritten über den richtigen Umgang mit Transgender in Uniform.

Menschen in New York demonstrieren gegen Trumps Transgender-Bann (Archivbild vom Juli 2017) | Bildquelle: AFP
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Menschen in New York demonstrieren gegen Trumps Transgender-Bann (Archivbild vom Juli 2017)

Duvall sagt dazu: "Das amerikanische Militär ist sicher die Institution mit den starrsten Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft. Es gibt für alles einen männlichen Standard und einen Standard für die Frau. Was dazwischen liegen könnte, wird nicht berücksichtigt. Es gibt Uniformen für Männer und Frauen, ebenso Umkleiden und Duschen, einen Standard-Haarschnitt für Männer und Frauen und bestimmte Leistungssportwerte." Man müsse in eine der Kategorien passen, so Duvall.

Ende des Transgenderbanns

Nachdem die Obama-Regierung die Truppe bereits für bekennende Schwule und Lesben geöffnet hatte, suchte sie nun nach einem Mittelweg für Transgender. Im Juli 2016, nach einer zwölfmonatigen Untersuchungsphase, verkündete der damalige Verteidigungsminister Ashton Carter das Ende des so genannten Transgenderbanns mit den Worten:

"Ab sofort dürfen amerikanische Transgender offen dienen. Sie dürfen deswegen nicht aus dem Militärdienst entlassen oder gesondert behandelt werden. Zusätzlich habe ich angewiesen: Die Geschlechtsidentität eines sonst qualifizierten Bewerbers darf keinen Ablehnungsgrund mehr darstellen."

Transgender müssten sich nicht länger verstecken. Carter erklärte, das Pentagon werde außerdem die medizinischen Kosten für all die Transgender im aktiven Dienst übernehmen, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen wollten. Neue Rekruten dagegen, die sich als Transgender identifizieren, müssen die Behandlung erfolgreich abgeschlossen haben.

Es geht vor allem um die soziale Anerkennung

Doch Experten weisen darauf hin: Nur ein Bruchteil aller Transgender strebt tatsächlich eine medizinische Behandlung zur Geschlechtsumwandlung an. Sei es durch Hormontherapie oder, seltener, kombiniert mit chirurgischen Eingriffen. Oft geht es Betroffenen um die soziale Anerkennung.

US-Präsident Trump, Außenminister Tillerson mit Angehörigen der US-Armee | Bildquelle: dpa
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US-Präsident Trump und sein Außenminister Tillerson bei einem Besuch der US-Streitkräfte in Südkorea

Ex-Verteidigungsminister Carter sagte vor zwei Jahren, für Transgender sollten die gleichen Standards gelten "wie für jeden anderen und jede andere, die sich verpflichtet." Für ihn sei das eine Frage des Prinzips. Es gehe darum, die "Bestqualifizierten für das Militär zu gewinnen, egal mit welchem Geschlecht sie sich identifizierten", so der damalige Pentagon-Chef.

Strenge Aufnahmekriterien

Carter stellte einen detaillierten Umsetzungsplan vor. Nach der sofortigen Anerkennung aller Transgender, die sich bereits im aktiven Militärdienst befunden hatten, sollte die Truppe ein Jahr später, also im Sommer 2017, in die nächste Phase eintreten. Dann sollten die Streitkräfte auch bereit sein, Transgender-Bewerber aufzunehmen, wenn sie die allgemeinen, strengen Aufnahmekriterien erfüllten.

Doch daraus wurde zunächst nichts. Der Neue im Pentagon - Trumps Verteidigungsminister General James Mattis - hatte den Stichtag zur Aufnahme von Transgender um ein halbes Jahr verschoben, auf den 1. Januar 2018.

Der Generalstabchef der Streitkräfte, General Joseph Dunford, erklärte, man brauche mehr Zeit: "Es wurden einige Bedenken geäußert bezüglich der Frage, nach welchen Kriterien Transgender künftig beurteilt werden sollen. Der Verteidigungsminister schaut sich das an. Das ist allerdings keine Abkehr von unserer Linie. Es geht lediglich um die nächste Umsetzungsphase, ab wann auch Transgender-Bewerber zugelassen werden."

Widerstand unter Offizieren

Die "Washington Post" berichtete von Widerstand in den eigenen Reihen, unter höheren Offizieren gegen Obamas Entscheidung. Als US-Präsident Donald Trump Wochen später, wie aus heiterem Himmel, dazu twitterte, fühlten sich viele Kritiker bestätigt.

Am 26. Juli 2017 erklärte Trump, er habe sich mit seinen Generälen und Militärexperten beraten. Die Vereinigten Staaten würden Transgender-Personen nicht erlauben, in den Streitkräften zu dienen. In einem weiteren Tweet sagte Trump, das Militär müsse sich auf den "entschlossenen und überwältigenden Sieg" konzentrieren. "Ich tue vielen Leuten einen Gefallen, dies offen auszusprechen. Es ist eine sehr komplizierte und verwirrende Angelegenheit für das Militär. Ich tue dem Militär einen großen Gefallen", so Trump Wochen später auf Nachfrage.

Trump spricht von hohen Kosten

Seine zwei Kernargumente: Einerseits die angeblich horrenden Kosten, die Transgender in Uniform verursachen würden. Andererseits die negativen Auswirkungen, die Transgender auf eine sonst effizient funktionierende Truppe hätten. Behauptungen, für die Wissenschaftler bisher keine Belege finden konnten. Sie verweisen auf Erfahrungen in anderen Ländern, darunter Deutschland, Frankreich und Israel. Außerdem hätten Untersuchungen gezeigt, dass der Zusammenhalt in den Einheiten keineswegs beeinträchtigt werde durch die Integration von Frauen, Homosexuellen und auch Transgender in das US-Militär oder in jede andere Truppe.

Trumps Kehrtwende per Twitter überraschte selbst das Pentagon. Verteidigungsminister Mattis befand sich zu dem Zeitpunkt gerade im Urlaub. Bis heute hat er sich nicht in die Karten schauen lassen, was er persönlich davon hält.

Es scheint allerdings, als versuchten die Generäle die Angelegenheit auszusitzen. Mattis kündigte jedenfalls eine weitere interne Untersuchung an. Mitte Februar will er einen Plan vorlegen, wie man Trumps Wunsch umsetzen könne. Pentagon-Vertreter erklärten vor einigen Monaten: Hunderte Transgender-Soldaten hätten sich mittlerweile geoutet. Nennenswerte Probleme seien nicht bekannt geworden.

Küstenwache steht zu Transgender

Admiral Paul Zukunft, Kommandant der US-Küstenwache, berichtet, wie er mit der politischen Kehrtwende aus dem Weißen Haus umgegangen ist: "Das Erste, was wir getan haben: Wir sind in Kontakt getreten mit allen 13 Mitgliedern der Küstenwache, die sich unter der neuen Obama-Richtlinie als Transgender geoutet hatten. Wir werden ihnen nicht den Rücken kehren." Man habe in sie investiert und werde das Vertrauen nicht brechen. "Das ist unsere Zusage. Es handelt sich um eine sehr geringe Zahl Betroffener. Aber sie leisten bedeutende Arbeit für die Küstenwache", so Zukunft.

Aber wahr ist auch, dass nicht jeder so denkt. Leutnant Duvall arbeitet heute für das National Center for Transgender Equality. Duvall berichtet von Widerständen: "Einige Teilstreitkräfte haben die Vorgaben besser umgesetzt als andere. Einige Stützpunkte innerhalb der Bereiche sind weiter als andere. Es gab große Unterschiede." Das dürfte viel mit der jeweiligen Bereichsführung zu tun haben sowie dem gelebten Kompanie-Geist.

Gesetzesvorstoß scheiterte knapp

Die Kritiker haben mit Trump und den Republikanern ihre Fürsprecher gefunden. Anfang Juli scheiterte im US-Kongress nur ganz knapp ein Gesetzesvorstoß, der dem Pentagon verboten hätte, medizinische Behandlungen für Transgender zu bezahlen.

Die führende Demokratin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, verweist auf Studienergebnisse nach denen die Behandlungskosten für Transgender tatsächlich nur einen kleinen Anteil ausmachten: "Es ist eine grausame und willkürliche Entscheidung. Diese beleidigt amerikanische Transgender, die sich entschieden haben unserem Land zu dienen und es zu verteidigen. "Trumps Behauptung zu den angeblich enormen medizinischen Kosten sei eine fette Lüge. "Tatsächlich sind die Kosten sehr gering. Das Pentagon gibt jährlich fünf Mal mehr für Viagra aus als für Geschlechtsumwandlungen."

Nancy Pelosi | Bildquelle: AFP
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Die führende Demokratin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, will selbst entscheiden, wann sie geht.

Konservative wie die Aktivistin Elaine Donelly sprechen dagegen wörtlich von einem "sozialen Experiment, das nun beendet werden müsse. Donelly leitet das Center for Military Readiness. Sie sagt: "Es gibt Leute, die sind einfach nicht berechtigt zum Dienst an der Waffe. Das hat körperliche oder aber psychologische Gründe. Transgender sind nur ein Teil davon. Natürlich ist es ein politisch sensibles Thema."

"Wir haben einen neuen Präsidenten"

Transgender hätten starke Interessenvertreter, so Donelly weiter. Das hieße aber nicht, dass es nach der Obama-Entscheidung nun so weitergehen müsse. "Wir haben einen neuen Präsidenten. Die Wähler haben sich für ein Ende der politischen Korrektheit in der Armee entschieden. Präsident Trump wird das Versprechen einhalten. Er tut es auf seine Art und Weise. Offizielle Schritte werden folgen. Und die Dinge werden umgesetzt, ohne negative Folgen für Einzelne", so Donelly.

Das letzte Wort haben allerdings die Gerichte. In mehreren Verfahren entschieden verschiedene Richter, dass die US-Regierung am Stichtag 1. Januar 2018 nicht rütteln darf. Das Militär habe genug Zeit gehabt, sich auf Transgender-Rekruten vorzubereiten, heißt es unter anderem in den Begründungen.

Während Trump weiter auf den Rechtsweg setzt, stellt sich das Pentagon mittlerweile darauf ein, ab 2018 Transgender aufzunehmen. Die Führung im Pentagon geht den unter Obama eingeschlagenen Weg weiter und ist bemüht, den politisch aufgeheizten Streit um Transgender aus der Truppe herauszuhalten.

Dienen ohne Angst

Leutnant Duvall sagt, nur wer frei von Angst dienen könne, sei ein guter, leistungsfähiger Soldat. Als Transgender beobachtete Duvall zumindest bei der US-Armee in den vergangenen Jahren einen Wandel: "Ich würde nicht sagen, dass sie liberal sind. Das Militär ist nach wie vor sehr konservativ. Aber sie sind sehr gut darin, Befehle zu befolgen. Und wenn es die Anweisung gibt, von nun an Transgender zu akzeptieren und sie zu integrieren, dann wird das gemacht."

Über alle Dienstgrade hinweg überwiege die Professionalität über persönliche Ansichten. "Zunächst mag es vielleicht lauten Protest geben. Aber am Ende des Tages werden sie den Wandel akzeptieren und problemlos mitziehen."

Transgender in den US-Streitkräften
Marc Hoffmann, ARD Washington
01.01.2018 10:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 30. Dezember 2017 um 06:09 Uhr.

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