Menschen sitzen am Strand in Kilyos, im Norden Istanbuls.

Corona-Pandemie Urlaub in der Türkei - ohne die Bevölkerung

Stand: 07.05.2021 23:48 Uhr

Die Türkei ist zurzeit im Lockdown: Die Menschen dürfen das Haus nur zum Einkaufen und Arbeiten verlassen. Für Touristen gilt das alles nicht - sie dürfen sich vor Ort frei bewegen.

Von Marion Sendker, ARD-Studio Istanbul

"Kommen Sie in die Türkei. Jetzt auch ohne Türken", heißt es in einer Satire-Tourismuswerbung in der Türkei. Während Touristen sich im Land frei bewegen dürfen, müssen die Türken selbst seit mittlerweile mehr als einer Woche zuhause bleiben. Nur Besuche beim Arzt oder im nächsten Supermarkt sind erlaubt. Viele Türken fühlen sich deswegen von ihrer Regierung wie Menschen zweiter Klasse behandelt.

Unmut bei der Bevölkerung

Auch Suat, der gerade seine Istanbuler Wohnung zum Einkaufen verlassen hat, hält die Regelung für völlig inakzeptabel: "Die Touristen laufen überall herum und können das Virus verbreiten. Und jetzt kommen auch noch Touristen aus Drittländern mit starken Fallzahlen dazu, die hier Zwischenstopp machen, um einer Quarantäne im eigenen Land zu entgehen. Ich glaube, wir werden zu einem Paradies für angesteckte Touristen."

Einige Kilometer weiter weg, im Altstadtviertel Sultanahmet, herrscht reges Treiben. Durch eine Polizeiabsperrung strömen Touristen auf den Platz zwischen Hagia Sophia und Blauer Moschee. Auf einer Bank sitzen dort die Italienerinnen Chiara und Francesca und genießen die Sonne.

Sie seien zum ersten Mal in Istanbul, erzählt Chiara: "Ich kam mit Vorurteilen, aber die Realität hat mich schnell eingeholt, denn die Stadt ist wundervoll! Die Menschen sind total hilfsbereit, das Wetter ist toll, die Architektur ist phantastisch. Wir empfehlen Istanbul jedem, denn es ist wirklich schön hier."

Abends eine leere Stadt

Vor Corona hätten die beiden keine Angst - sie seien sicher in Istanbul, weil sich alle an die Regeln halten würden. Nur eins stört die Frauen aus Italien: Tagsüber gäbe es zwar Fremdenführer für sie, aber abends sei die Stadt wie ausgestorben. "Es wäre schön, auch am Abend die Altstadt zu besuchen und vielleicht eine Fahrt in den Sonnenuntergang auf dem Bosporus zu machen - dass das nicht geht, nervt mich schon", sagt Chiara.

Die beiden Italienerinnen gehören zu den wenigen europäischen Touristen in der Türkei, erzählt der Kastanienverkäufer Sedat, der ein paar Meter weiter seinen Stand hat. Er ärgert sich vor allem darüber, dass er seit Wochen keinen einzigen Deutschen mehr gesehen habe. Momentan kämen vor allem Ukrainer, Russen, Pakistaner und Araber, sagt Sedat sichtlich genervt - bevor er in ein plötzliches Schwärmen verfällt: "Ich liebe die Deutschen so sehr - ‚Einen, meinen, deinen...‘ - und wünschte sie wären hier!"

Um die Deutschen wieder anzulocken, reiste der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu vor kurzem nach Berlin. Zwar gehört Tourismus nicht direkt zu seinem Aufgabengebiet, aber er ließ es sich nicht nehmen, im Gespräch mit seinem Amtskollegen Heiko Maas eindringlich für Urlaub in der Türkei zu werben.

Cavusoglu wirbt in Berlin um deutsche Touristen

"Wir werden jeden bis Ende Mai impfen, der auch nur einen Touristen zu Gesicht bekommt. Nicht nur alle die, die in Hotels oder Restaurants arbeiten, sondern auch Busfahrer oder die, die an Flughäfen arbeiten oder Reiseleiter." Außerdem dürften wie schon vor einem Jahr nur die Hotels öffnen, die ein zertifiziertes Hygienekonzept vorweisen können.

Der charmanten Prahlerei zum Trotz konnte Cavusoglu Deutschland noch nicht überzeugen, die Reisewarnung für die Türkei aufzuheben. Und auch in der Türkei handelte sich der Minister für seine Äußerungen in Berlin Ärger ein.

Es gehe mal wieder nicht um das Volk, schimpft Hüseyin, ebenfalls in Istanbul gerade auf dem Weg zum Supermarkt: "Die Einheimischen werden ignoriert. Die Regierung impft nur, um die Touristen zu schützen. Es geht ihr nicht um die einheimischen Angestellten."

Türkische Wirtschaft steckt in der Krise

Die Bevorzugung der Touristen deutet darauf hin, wie verzweifelt die türkische Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan gerade sein muss. Touristen werden wohl dringend benötigt, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, die sich durch das Missmanagement der Erdogan-Regierung und die Corona-Pandemie nahezu täglich verschlechtert. Erdogan selbst hatte zu Beginn der fast dreiwöchigen Ausgangssperre verkündet, dass die Infektionszahlen nach der dreiwöchigen Ausgangssperre bei etwa 5000 am Tag liegen sollen.

"In einer Zeit, in der sich Europa gerade öffnet, müssen wir unserer Fallzahlen schnell auf weniger als 5000 am Tag reduzieren, um nicht zurückzubleiben. Es ist wichtig, dass wir in den kommenden Tagen gemeinsam mehr Opfer bringen, um Lockerungen zu ermöglichen und mit Tourismus, Wirtschaft und Bildung belohnt werden zu können."

Von mehr als 60.000 Neuinfizierten am Tag auf 5000 - und das in drei Wochen. Ein hehres Ziel. Aktuell, nach gut einer Woche Ausgangssperre, stecken sich den offizielle Zahlen zufolge noch gut 20.000 Menschen pro Tag mit dem Virus an.

Die Ärztin Nuriye Ortayli hat im türkischen Fernsehen dagegen so ihre Zweifel. "5000 ist auch keine gute Zahl. Im Januar hatten wir etwa 7000 neue Fälle am Tag. Das war eine Zahl, mit der wir die Schulen öffnen konnten. Es stellt sich jetzt jedoch heraus, dass das Ziel des Epidemie-Managements nicht darin besteht, die Schulen wieder zu schließen, sondern Touristen aufzunehmen."

Daraus macht die türkische Regierung auch keinen Hehl. Sie rechnet schon mit etwa 30 Millionen Urlaubern in diesem Jahr - das wären fast so viele wie vor Corona.