Drei Bewohnerinnen von Togoga in Äthiopien | AFP

Nach Luftangriff in Tigray "Am Rande eines totalen Zusammenbruchs"

Stand: 24.06.2021 19:17 Uhr

Nach dem Luftangriff Äthiopiens in der Region Tigray hat die Versorgung der teils schwer verletzten Menschen begonnen. Zugleich wählt das Land eine neue Regierung. Experten warnen vor einem Zusammenbruch der Region.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Im Krankenhaus von Mekelle kümmern sich Ärzte und Helfer um Dutzende neu eingelieferte Patienten. Die Verwundeten sind nach einem Luftangriff in die Hauptstadt der Tigray-Region gebracht worden. Viele haben notdürftig angelegte Verbände an Armen und Beinen.

Antje Diekhans ARD-Studio Nairobi

Der Arzt Kinfe Redae steht neben einem Bett mit einem Baby. Er klagt gegenüber der Nachrichtenagentur AP, dass Patienten erst nach Stunden ins Krankenhaus kamen. "Viele Menschen sind verletzt worden, aber sie konnten nicht medizinisch versorgt worden. Die Straßen waren vom Militär gesperrt. Dieses Baby hat Verletzungen am Bauch und an der Brust."

Mehr als 40 Menschen wurden durch den Luftangriff getötet. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz half dabei, die Verwundeten nach Mekelle zu bringen, sagt Sprecherin Alyona Synenko. "Wir konnten den Transport in die regionale Hauptstadt organisieren. Für uns ist es sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass medizinisches Personal geschützt werden muss", so Synenko. "Gerade in Situationen wie diesen ist das unerlässlich."

Äthiopische Militär bestreitet Zivilisten-Beschuss

Es gibt Berichte, dass Krankenwagen des Roten Kreuzes vom Militär an der Weiterfahrt gehindert wurden. Ein Wagen soll sogar beschossen worden sein. Die Sprecherin wollte das aber nicht bestätigen.

Das äthiopische Militär begründet den Luftangriff damit, dass gegen Kämpfer vorgegangen werden sollte, die sich in der Stadt verschanzt hatten. Es seien auch nur Milizionäre verletzt oder getötet worden. "Unsere Flugzeuge haben Augen, sagt ein Militärsprecher. Sie können Zivilisten und Kämpfer unterscheiden. Unsere heroischen Streitkräfte haben einen erfolgreichen Einsatz durchgeführt."

Die äthiopische Regierung in Addis Abeba hatte im November eine Militäroffensive gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) begonnen, die bis dahin in der gleichnamigen Region im Norden Äthiopiens an der Macht war. Hintergrund waren jahrelange Spannungen zwischen der TPLF und der Zentralregierung. Inzwischen sind weitere Akteure beteiligt, darunter eritreische Truppen und Milizen.

Bereits Tausende Menschen getötet

Tausende Menschen sind schon ums Leben gekommen. Wegen des Vorgehens steht Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed international stark in der Kritik. Er trat mit seiner Wohlstandspartei in dieser Woche bei Wahlen an und zeigte sich nach seiner eigenen Stimmabgabe in einem Interview mit dem Sender BBC euphorisch. "Diese Wahlen verlaufen frei und fair. Ich hoffe, es werden die besten in unserer Geschichte."

Die Tigray-Region war bei den Wahlen außen vor. Auch in anderen Bezirken konnte bisher nicht abgestimmt werden. Trotzdem hofft Abiy darauf, sich durch die Wahl als Regierungschef zu legitimieren. "Mit den Wahlen soll die Lage stabilisiert werden. Aber das ist nicht die richtige Strategie", sagt Ostafrika-Experte Rashid Abdi. "Der Ministerpräsident hätte die Chance gehabt, den Konflikt in Tigray zu beenden und einen nationalen Dialog anzustoßen. Stattdessen steht das Land am Rande eines totalen Zusammenbruchs."

Die Regierung setzt nicht auf Dialog sondern auf Militärschläge. Der Krieg in Tigray geht offenbar in die nächste Runde.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 24. Juni 2021 um 18:13 Uhr.