11.04.2018, Türkei, Istanbul: Die ehemals in der Türkei inhaftierte Deutsche Mesale Tolu steht an der Anlegestelle in Karaköy.  | Bildquelle: dpa

Deutsche Journalistin Mesale Tolu wieder vor Gericht

Stand: 26.04.2018 04:54 Uhr

Die Journalistin Mesale Tolu ist zwar auf freiem Fuß, darf die Türkei aber nicht verlassen. Jetzt geht ihr Prozess weiter. Für die Anklage ist sie nicht nur eine Aktivistin, sondern eine Terroristin.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Gut vier Monate ist Mesale Tolu jetzt auf freiem Fuß. "Freiheit ist alles", sagt die junge Ulmerin. Doch ihre deutsche Heimatstadt Ulm ist unerreichbar. Sie hat eine Ausreisesperre, lebt mit ihrem Mann und ihrem dreijährigen Sohn Serkan in Istanbul - immerhin sind sie mal wieder zusammen nach Monaten der Trennung. Der Kleine steht im Moment im Mittelpunkt, nur ab und zu arbeitet Mesale Tolu als freie Journalistin, aber nicht mehr für die Etha, das linke Nachrichtenportal, für das sie vor ihrer Verhaftung vor einem Jahr vor allem übersetzt hatte.

Weiterer Journalist in Haft

Etha kommt immer mehr unter Druck. Erst Ende vergangener Woche waren drei Mitarbeiter in Istanbul festgenommen worden, darunter der Deutsch-Türke Adil Demirci: "Adil Demirci wurde nicht verhaftet, weil er Adil Demirci ist, sondern weil er für uns gearbeitet hat, weil man dadurch Etha unter Druck setzen will", schimpft die Etha-Chefin Dereya Okatan. Demirci wohnt in Deutschland, hat von dort aus frei für das linke Nachrichtenportal geschrieben. Er war nur zu Besuch in Istanbul.

Seine Anwältin Gülhan Kaya hat ihn vergangene Woche in der Haft besuchen können. "Man kennt das vielleicht schon von Mesale Tolu", sagt sie. "In schwierigen Zeiten wie diesen, im Ausnahmezustand, wo es gegen Medien und Oppositionelle massiven Druck gibt, war natürlich auch Adil Demirci klar, dass ihm so was passieren könnte. Aber genau wegen dieser schweren Zeiten hat er weiter für die Etha gearbeitet. Und trotzdem ist er etwas verwirrt und verblüfft, denn er ist zum ersten Mal verhaftet worden, zum ersten Mal hat er so eine Polizeirazzia in der Nacht erlebt."

Jemand zeigt ein Plakat her, das Mesale Tolus Gesicht und Namen trägt. | Bildquelle: dpa
galerie

Tolu hatte als Journalistin kritisch über die Türkei berichtet.

"Journalisten, keine Aktivisten"

Adil Demirci sieht sich, wie auch Mesale Tolu, als Journalist. Den Vorwurf, sie seien Aktivisten, weist die Etha-Chefin Okatan zurück. Und schon gar nicht seien sie Terroristen, wie es Tolu in ihrem Prozess vorgeworfen wird: "Mesale Tolu ist eine Journalistin. Der Vorwurf, sie sei Terroristin, kommt, weil sie einmal bei einer Beerdigung und einmal bei einer Anti-Korruptions-Demonstration war. Ich möchte gegenfragen: Kann man aufgrund dieser Taten einer Person vorwerfen, Terroristin zu sein? Das gleiche gilt auch für Adil Demirci und unsere anderen Kollegen, die zum Beispiel wegen Einträgen in sozialen Netzwerken verhaftet wurden."

Auch bei Demirci haben die Ermittler nach der Beerdigung und der Demo gefragt, erzählt seine Anwältin. Sie kann nur ahnen, was ihrem Mandanten vorgeworfen wird. Es gibt noch keine Anklageschrift, die Akten darf sie nicht sehen. Ihr Job ist in diesen Tagen nicht leicht, erzählt sie: "Gegen uns Anwälte werden immer wieder Ermittlungsverfahren eingeleitet. Das kann ganz simpel mal wegen einer Presseerklärung sein oder weil man sich mit einem Polizisten oder Justizbeamten beispielsweise wegen einer Akte gestritten hat. Da zögern die nicht lange. Neulich erst wollte ich einen Mann fotografieren, dem von einem Polizisten Handschellen angelegt wurden. Sofort wurde ein Verfahren gegen mich eingeleitet."

Für Mesale Tolu ist das nicht das Umfeld, in dem sie ihren kleinen Sohn groß ziehen will. Sie hofft, dass heute wenigstens ihre Ausreisesperre aufgehoben wird - ganz normal würde es dann wohl trotzdem nicht. Denn ihr Mann steht im selben Verfahren vor Gericht. Bei ihm sehen Prozessbeobachter wenig Chancen, dass er die Türkei nach dem Verhandlungstag verlassen darf. Völlig offen ist, wann ein Urteil fällt. Das heißt, die kleine Familie Tolu würde erstmal wieder auf unbestimmte Zeit getrennt.

Journalistin, Aktivistin, Terroristin? Prozess gegen Mesale Tolu geht weiter
Karin Senz, ARD Istanbul
26.04.2018 07:57 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. April 2018 um 06:09 Uhr.

Darstellung: