Niederländischer Außenminister Frans Timmermans im UN-Sicherheitsrat

Niederländischer Außenminister vor den UN "Frage des menschlichen Anstands"

Stand: 22.07.2014 16:16 Uhr

In bewegenden Worten hat der niederländische Außenminister Timmermans vor dem UN-Sicherheitsrat Gerechtigkeit für die Opfer des Flugs MH17 gefordert. Bis an sein Lebensende werde er nicht verstehen, warum die Leichen "für ein politisches Spiel" missbraucht wurden. Lesen Sie hier Auszüge seiner Rede.

"Wir sind hier zusammengekommen, um über eine Tragödie zu sprechen: Den Abschuss einer Verkehrsmaschine und den Tod von 298 unschuldigen Menschen. Männer, Frauen und eine niederschmetternde Zahl von Kindern haben ihr Leben verloren. Sie waren auf dem Weg in den Urlaub, nach Hause, zu ihren Liebsten, ihrer Arbeit oder internationalen Verpflichtungen.

Seit Donnerstag denke ich darüber nach, wie furchtbar die letzten Momente ihres Lebens gewesen sein müssen, als sie wussten, dass das Flugzeug abstürzen wird. Haben sie die Hand eines geliebten Menschen gehalten? Haben sie ihre Kinder fest an sich gedrückt, haben sie einander in die Augen gesehen, ein letztes Mal, ein stummer Abschied? Wir werden es nie erfahren.

Der Tod von beinahe 200 meiner Landsleute hat ein Loch in das Herz der niederländischen Nation gerissen, er hat Trauer, Wut und Verzweiflung ausgelöst. Trauer über den Verlust geliebter Menschen, Wut über die Gräueltat, ein ziviles Flugzeug abzuschießen, und Verzweiflung darüber, mitanzusehen, wie quälend langsam die Arbeit voranging, die Absturzstelle zu sichern und die Leichen der Opfer zu bergen.

Für die Niederlande hat eine Sache Vorrang vor allen anderen: Die Opfer nach Hause zu bringen. Es ist eine Frage des menschlichen Anstands, sterbliche Überreste mit Respekt zu behandeln, und die Bergung sollte ohne jegliche Verzögerung vonstattengehen. In den vergangenen Tagen gab es sehr verstörende Berichte, dass Leichen bewegt wurden und ihre Besitztümer geraubt wurden.

Ich möchte Sie für einen Moment nicht nur als Vertreter ihre Länder ansprechen, sondern als Ehemänner und Ehefrauen, als Väter und Mütter - stellen Sie sich vor, Sie erfahren, dass Ihr Mann getötet wurde und dann, zwei oder drei Tage später sehen Sie Bilder, wie irgendein Verbrecher den Ehering von seiner Hand stiehlt.

Bis an mein Lebensende werde ich nicht verstehen, warum es so lange gedauert hat, bis den Rettern erlaubt wurde, ihre schwierige Arbeit zu machen und dass die Leichen von Menschen für ein politisches Spiel missbraucht wurden. Wenn irgendjemand hier an diesem Tisch von einem politischen Spiel spricht, dies war eines. Es wurde mit menschlichen Überresten gespielt und das ist verabscheuungswürdig.

Bilder von Kinderspielzeug, das herumgeworfen wurde, Gepäck, das geöffnet wurde, und Reisepässe, darunter die von Kindern, die im Fernsehen gezeigt wurden - sie wandeln unsere Trauer in Wut.

Wir verlangen ungehinderten Zugang zu der Stelle. Wir verlangen, dass die Absturzstelle mit Respekt behandelt wird. Wir verlange Würde für die Opfer und die vielen Menschen, die um sie trauern. Ich fordere die internationale Gemeinschaft, den Sicherheitsrat, alle, die Einfluss auf die Lage haben, auf: Erlaubt uns, die sterblichen Überreste der Opfer nach Hause zu ihren Familien zu bringen. Ohne weitere Verzögerungen. Sie haben es verdient, zu Hause zu sein."

Übersetzung: dpa

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Juli 2014 um 17:00 Uhr.

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