Tierärztin Behatriz Odebrecht mit dem Ameisenbären Manuel Fritz | Matthias Ebert/SWR

Amazonas-Waldbrände Fischhaut heilt verbrannte Waldtiere

Stand: 22.11.2020 08:19 Uhr

Bei den Urwaldbränden in Brasilien starben unzählige Tiere. Die, die mit Verbrennungen überlebten, können Ärzte heilen - mit einer Therapie, die bisher nur bei Menschen angewandt wurde.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Auf einem Metalltisch wird Ameisenbär Manuel Fritz in den OP-Saal geschoben. Diesen Namen hat ihm Tierärztin Behatriz Odebrecht gegeben, als man ihr das Tier mit blutenden Brandwunden an den Pfoten übergeben hatte. Manuel Fritz hatte sich auf dem glühend heißen Waldboden in Brasiliens Bundesstaat Minas Gerais die Pfoten verbrannt. Vor der Behandlung mit Fischhaut vergräbt das dreijährige Tier seinen Rüssel unter dem langen Fell. Es hat Schmerzen.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Für Odebrecht beginnt jetzt Neuland: Sie probiert an Manuel Fritz eine neue Therapie für Wildtiere aus. Bislang hat die Wissenschaftlerin der Universität Ceará vor allem die Haut von Menschen mit Verbrennungen mit der Haut des Tilapia-Barsches behandelt. Nun jedoch - nach den massiven Waldbränden 2020 im brasilianischen Amazonas- und im Pantanal-Feuchtgebiet - versucht Odebrecht auch Wildtiere zu retten. "Wir dachten: 'Wenn es bei Menschen funktioniert, wieso soll es nicht auch bei Wildtieren so sein?'"

Die schlimmsten Brände seit 50 Jahren

Dieses Umdenken war nötig geworden, weil die Brände in Brasilien im zweiten Jahr in Folge Rekordmarken erreicht haben. Vor allem im Feuchtgebiet Pantanal wüteten in diesem Jahr die schlimmsten Brände seit mehr als 50 Jahren. Weil in der Regenzeit extrem wenig Niederschläge registriert wurden, stiegen die Flüsse nicht wie üblich über die Ufer. Als dann Farmer ihre Felder zur Vorbereitung der nächsten Saison abbrannten, wie es in dieser Gegend üblich ist, gerieten die Brände schnell außer Kontrolle.

Wegen der Winde, die immer zur Mittagszeit aufkommen, überwanden die Flammen sogar Flüsse. Allein in diesem Jahr zerstörten sie eine Fläche von der Größe Nordrhein-Westfalens. Die Rettungskräfte waren völlig überfordert. Auch, weil die Bolsonaro-Regierung Mittel für Brandschutzmaßnahmen in diesem Jahr reduziert hatte.

Die Opfer sind Affen, Tapire und Ameisenbären, die in den Flammen die Orientierung verloren und nicht rechtzeitig fliehen konnten. Sie verbrannten qualvoll. Manuel Fritz konnte gerettet werden und muss nun für die Behandlung betäubt werden - und wird mit Hilfe eines Schlauches am Ende seines Rüssels beatmet. Während Odebrecht die Fischhaut zuschneidet, schaut ihr in der Tierklinik von Uberaba ein halbes Dutzend Ärzte über die Schulter, um diese neue Heilmethode zu erlernen. "Tilapia-Fischhaut ist sehr proteinreich, schließt die Wunde ab, hält das Gewebe feucht und verhindert mikrobiologische Entzündungen", erklärt Odebrecht.

Fütterung der verletzten Tiere | Matthias Ebert/SWR

Freiwillige Tierschützer bringen den Tieren per Boot Früchte zum Fressen. Bild: Matthias Ebert/SWR

Hungernde Tiere: "Es bricht mir das Herz"

Zur gleichen Zeit laden am Ufer des Flusses Rio Paraguay freiwillige Tierschützer Kürbisse und Bananen auf ihre Boote. Sie wollen trotz brütender Hitze aufbrechen, um hungernde Wildtiere zu versorgen. "Ich arbeite seit 40 Jahren in dieser Region", sagt Vogelkundler Douglas Trent, "aber noch nie habe ich ein solches Desaster erlebt. Es bricht mir das Herz, weil ich weiß, dass die Tiere seit diesen schlimmen Bränden leiden."

Mit ihren Booten fahren sie tief hinein ins Pantanal-Feuchtgebiet, einer der artenreichsten Regionen der Erde. Douglas erkennt sofort, welche Katastrophe sich bis vor wenigen Wochen hier abgespielt hat. Überall zeichnen sich verbrannte Urwälder am Ufer ab: verkohlte Baumstämme. Ganze Landstriche wurden von den Flammen vernichtet. Deshalb finden die Tiere kaum noch Nahrung. Die Tierschützer zerstückeln die mitgebrachten Papayas und Maniok-Wurzeln und schütten Maismehl auf dem trockenen Urwaldboden aus. "Die Tiere hungern", sagt Trent, der Gründer der Tierschutz-Organisation "Bichos do Pantanal". "Deshalb müssen wir alle drei Tage neues Futter herbringen."

Der frisch operierte Ameisenbär Manuel Fritz mit Ärztin und Pflegern | Matthias Ebert/SWR

Der frisch operierte Ameisenbär Manuel Fritz ist wieder munter. Bild: Matthias Ebert/SWR

Sie installieren an der Futterstelle Kameras mit Bewegungsmeldern, um zu ermitteln, wie viele Tiere das Flammeninferno überhaupt überlebt haben. Kurz darauf bei der Weiterfahrt ein Lichtblick: Am Ufer tauchen erst Wasserschweine auf, dann ein Tapir und zu guter Letzt die Königin des Pantanal: ein ausgewachsenes Jaguar-Weibchen, das am Ufer faulenzt. Dieser Moment ist für Trent etwas Besonderes.

In der Tierklinik von Uberaba bedeckt Odebrecht die letzte wulstige Pfote von Manuel Fritz mit Fischhaut. Nachdem alles passgenau aufgetragen wurde, kommt ein Verband drauf. "Sobald seine Pfoten vollständig verheilt sind, löst sich die Fischhaut von alleine ab", erklärt sie. "Sie verklebt nie mit der Wunde." Kurz darauf ist der Ameisenbär wieder putzmunter und tapst mit dem Verband noch etwas hilflos umher. Bald schon kann er wieder ausgewildert werden - dank der neuen Therapie, die derzeit überall in Brasilien angewandt wird.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 22. November 2020 um 19:20 Uhr.