Flaggenzeremonie in Lhasa

Tibetischer Protest gegen Peking Serie der Selbstverbrennungen reißt nicht ab

Stand: 11.06.2012 10:45 Uhr

In den tibetischen Gebieten Chinas haben sich binnen eines Jahres mehr als 30 Menschen selbst angezündet - aus Protest gegen die chinesische Herrschaft. Die Regierung verurteilte die Aktionen scharf, aber stoppen konnte sie die Vorfälle bislang nicht. Sie macht den Dalai Lama mitverantwortlich.

Von Ruth Kirchner, ARD-Hörfunkstudio Peking

Ein Kloster in den tibetischen Gebieten von West-China. Dutzende von Mönchen in dunkelroten Gewändern singen und beten. Doch die Harmonie trügt. In den tibetischen Gebieten in Sichuan, Qinghai, Gansu und in Tibet selbst sind die Spannungen so groß wie seit den schweren Unruhen von 2008 nicht mehr.

Szenenwechsel: Tibetische Frauen stehen schreiend und klagend um einen verkohlten Körper. Wieder hat sich ein junger Mann mit Benzin übergossen und angezündet. Bilder von den Selbstverbrennungen soll nach dem Willen der chinesischen Behörden niemand sehen, sie haben Tibet und Teile der tibetischen Gebiete für Journalisten gesperrt. Doch Aktivisten haben Filme ins Internet gestellt - aufgenommen sind sie meist mit Handy-Kameras.  

Einige der meist jungen Leute haben Audio-Nachrichten hinterlassen, deren Echtheit sich allerdings nicht überprüfen lässt. Er verbrenne sich aus Protest gegen die Besetzung Tibets durch die Chinesen, sagte beispielsweise ein 25-Jähriger, bevor er sich im April selbst anzündete und starb. Das Leiden des Tibeter sei größer als die Tragödie des eigenen Tods.

Peking beschuldigt den Dalai Lama

Auf die nicht abreißende Serie der Selbstverbrennungen reagierten die Behörden mit Härte, verstärkten massiv Kontrolle und Überwachung in den tibetischen Gebieten, vor allem in den Klöstern - und machen den Dalai Lama im indischen Exil für die Proteste verantwortlich: "Einige Organisationen und Personen haben extreme Aktionen wie Selbstverbrennungen angestiftet und provoziert", sagt Außenamtssprecher Liu Weimin. Dahinter steckten politische Absichten, um die Regierung unter Druck zu setzen und die Abspaltung Tibets voranzutreiben.

Der Dalai Lama
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Die Regierung in Peking macht den Dalai Lama für die Selbstverbrennungen mitverantwortlich.

Doch Menschenrechtsgruppen sehen das anders. Sie werfen der Regierung vor, mit ihrer unversöhnlichen Haltung die Lage nur weiter zu verschärfen. Jede Art von Kritik an den Zuständen in Tibet würde unterdrückt, sagt Sophie Richardson von Human Rights Watch in New York: "Es gibt derzeit keine Mechanismen über die die Tibeter ihre Sorgen artikulieren könnten - außer Proteste und Selbstverbrennungen. Denn die chinesische Regierung will ja nicht einmal anerkennen, dass die Menschen überhaupt Beschwerden haben, die es Wert sind diskutiert zu werden."

China verweist auf die wirtschaftlichen Erfolge in den tibetischen Gebieten, auf die steigenden Einkommen, die bessere Gesundheitsversorgung. Zugleich versuchte Peking, Tibet mit der aktiven Ansiedlung von Han-Chinesen zu befrieden. Viele Tibeter fühlen sich daher heute an den Rand gedrängt, in ihrer Sprache, Kultur und Religion marginalisiert.

"Es ist ein riesiger Verlust"

Trotzdem seien Selbstverbrennungen nicht der richtige Weg, sagt die bekannte tibetische Schriftstellerin Woeser, die in Peking lebt und von den Behörden scharf überwacht wird. Mit der ARD sprach sie per Internet-Telefon: "Es gibt nur sechs Millionen Tibeter. Es ist ein riesiger Verlust, dass so viele sich selbst verbrennen. Können wir nicht Leben erhalten und etwas anderes tun? Selbstverbrennungen sind nicht die einzige Form des Protests."

Eine Entspannung der Lage in den tibetischen Gebieten oder ein Dialog ist derzeit nicht abzusehen. Gespräche zwischen Vertretern des Dalai Lama und der chinesischen Regierung liegen seit zwei Jahren auf Eis. Der Dalai Lama spricht angesichts der chinesischen Politik in Tibet von einem "kulturellen Völkermord".  China bezeichnet ihn als Spalter und Separatisten. Unversöhnlicher können die Standpunkte kaum sein. 

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