Chinesische Panzer auf dem Tiananmen | Bildquelle: picture alliance / AP Photo

Tiananmen-Platz Weltkulturerbe als Schönfärberei?

Stand: 18.07.2018 12:11 Uhr

China will den Tiananmen-Platz zum UNESCO-Kulturerbe erklären lassen. Kritiker werfen der Regierung Schönfärberei vor. Sie wolle, dass die Erinnerung an die Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 komplett verblasst.

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

Der Tiananmen Platz - der Platz am Tor des Himmlischen Friedens - ist nicht nur ein zentraler Ort und beliebtes Touristenziel in Peking, direkt neben der Verbotenen Stadt. Bei vielen Menschen ruft der Name auch unweigerlich Erinnerungen an die blutige Niederschlagung der Demokratie-Proteste im Jahr 1989 hervor. Dabei wurden im Zentrum der chinesischen Hauptstadt Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen von der Armee getötet. Genaue Zahlen gibt es nicht. Bis heute ist das Massaker nicht aufgearbeitet und in China ein Tabu - verordnet von ganz oben. Doch die Staats- und Parteiführung möchte offenbar, dass der Platz zusammen mit 13 anderen Stätten UNESCO-Weltkulturerbe wird.

Nichts soll an Ereignisse von 1989 erinnern

Jeden Morgen, exakt zum Sonnenaufgang, wird auf dem Pekinger Tiananmen-Platz zur Nationalhymne die chinesische Flagge gehisst. Nichts hier erinnert an die tragischen Ereignisse vom Juni 1989. Das ist die Absicht der Staats- und Parteiführung. Nicht nur auf dem Platz, auch aus dem kollektiven Gedächtnis sollen die Ereignisse verschwinden.

Chinesische Panzer auf dem Tiananmen | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Daran soll sich in China niemand erinnern: Demonstranten setzen im Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz einen Panzer in Brand.

Deswegen lernen Schüler auch nichts über die brutale Niederschlagung der studentischen Demokratiebewegung im Unterricht. Man findet nichts darüber in Museen und Bibliotheken. Das wird deutlich, wenn man Menschen auf der Straße fragt, was sie mit dem Platz im Zentrum Pekings Verbindung bringen: "Ich denke zuerst an Mao Zedong. Jetzt an Präsident Xi Jinping", sagt ein 86-jährige Mann. "Unserem Staat geht es gut, ich bin sehr froh." Ein 20-Jähriger antwortet: "Tiananmen ist sehr groß. Viele Zeremonien finden dort statt, sehr festlich. Auch Militärparaden haben dort stattgefunden, sehr spektakulär."

In China kennt kaum jemand den "Panzermann"

Auch wenn man im chinesischen Internet, das hochgradig zensiert wird, nach den Ereignissen vom Juni 1989 sucht, findet man nichts. Wer beispielsweise versucht, den entsprechenden Wikipedia-Artikel auf Chinesisch zu laden, bekommt eine Fehlermeldung angezeigt.

Im unzensierten Internet stößt man dagegen schnell auf historische Dokumente. Ein CNN-Reporterteam hat am 5. Juni 1989 die bewegende Szene festgehalten, wie ein Demonstrant eine Panzerkolonne am Tiananmen-Platz aufhält. Im Hintergrund sind Schüsse zu hören.

Der unbekannte Mann wurde im Westen "Tank Man" - zu Deutsch "Panzermann" - getauft. Das Video auf Youtube ist über drei Millionen Mal angesehen worden. In China kennt "Tank Man" kaum jemand. Das Video ist nicht abrufbar, die Plattform Youtube ist nicht zugänglich, wie alle Angebote von Google.

Keine historische Sehenswürdigkeit

Tiananmen, das Tor des Himmlischen Friedens, geht auf ein Tor aus dem 15. Jahrhundert zurück. Der namensgebende Platz wurde erstmalig im 17. Jahrhundert errichtet. Nun soll er, zusammen mit 13 weiteren Stätten im Zentrum Pekings, UNESCO-Weltkulturerbe werden. "Ich finde das absurd. Das Tor ist gar nicht mehr original. Während der Kulturrevolution wurde Tiananmen schon heimlich abgerissen", sagt der Historiker Zhang Lifan und fügt hinzu: "Das neue Tor ist ein totaler Betonklotz. Tiananmen ist keine historische Sehenswürdigkeit mehr, sondern eine Kopie."

Tiananmen-Platz in Peking | Bildquelle: WU HONG/EPA-EFE/REX/Shutterstock
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Der Platz des Himmlischen Friedens steht auf der Wunschliste Chinas für die Weltkulturerbe-Stätten.

Auch das Mausoleum des Revolutionsführers Mao Zedong auf dem Tiananmen-Platz steht auf der Wunschliste der Staats- und Parteiführung. Mao rief 1949 auf dem Platz die Volksrepublik aus. Seine radikale Politik bedeutete für Millionen Chinesen den Tod. Auch darüber findet in China keine öffentliche Auseinandersetzung statt. Der Historiker Zhang ist einer von wenigen im Land, die sich kritisch äußern: "Meiner Meinung nach ist es äußerst grotesk. Mao Zedong war der größte Zerstörer chinesischer Kultur. Nun könnte seine Grabstätte sogar Weltkulturerbe werden, sollte das Projekt erfolgreich sein."

Führung will kontroverse Symbole schönfärben

Ein Sprecher der Gedenkhalle für den Vorsitzenden Mao, wie das Mausoleum offiziell heißt, sagte der Staatszeitung "Global Times", die historische Bedeutung Maos erkläre sich von selbst. Ein Professor einer Parteihochschule wird von dem Blatt mit dem Satz zitiert, Mao werde "international weitgehend respektiert". Von den Millionen Toten steht in der Zeitung nichts.

Kritiker werfen der Staats- und Parteiführung Geschichtsrevisionismus vor. Sie wolle die kontroversen Symbole der kommunistischen Herrschaft schönfärben - unter dem Motto, wenn Platz und Mausoleum erstmal Weltkulturerbe sind, vergessen die Menschen die dunklen Seiten der Geschichte.

Kulturerbestatus ändert nichts an geschichtlichem Gedächtnis

Der Historiker Zhang glaubt nicht, dass das funktioniert: "Wenn man sich die Weltgeschichte anschaut und das, was Tiananmen und der Platz erlebt haben, dann glaube ich, dass sich die Menschen daran ewig erinnern werden. Das geschichtliche Gedächtnis wird nicht kleiner werden, nur wegen eines Weltkulturerbestatus."

Ob die 14 Orte im Zentrum Pekings letztendlich Weltkulturerbe werden, entscheidet die UNESCO, die eine Reihe strikter Kriterien hat. Laut Staatsmedien sollen die Stätten bis 2030 die Voraussetzungen für eine Bewerbung erfüllen. 2035, so heißt es, könnten sie auf die Liste aufgenommen werden.

Tiananmen-Platz: Ort des Grauens oder Unesco-Weltkulturerbe?
Benjamin Eyssel, ARD Peking
18.07.2018 11:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 18. Juli 2018 um 06:15 Uhr.

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