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Nach Thomas-Cook-Pleite Mallorca will anderen Tourismus

Stand: 07.10.2019 06:03 Uhr

Die Pleite des Reiseanbieters Thomas Cook kostet die spanische Tourismusindustrie Millionen. Vor allem die Balearen werden hart getroffen. Auf Mallorca denken Hotelliers bereits über Alternativen nach.

Von Marc Dugge, ARD-Studio Madrid

Zwei Wochen können reichen, um eine schlimme Nachricht zu verdauen. Aber bei der Thomas Cook-Mitarbeiterin Monique sitzt der Schock immer noch tief: "Wir hatten schon geahnt, dass was passieren würde. Es gab Gerüchte. Aber als die Nachricht dann  kam, am 23. September um 5.00 Uhr morgens… da war das schon ein riesiger Schlag. Wir sind hier wie eine Familie, sitzen alle im selben Boot - aber da sind viele Leute, die ohne ihr Gehalt nicht überleben können. Uns geht’s schlecht. Sehr schlecht…" 

Die Belgierin hat gerade das Gebäude von "Destination Incoming" verlassen - so heißt die Filiale von Thomas Cook in Palma de Mallorca. Drinnen herrscht eine geisterhafte Atmosphäre, berichten Mitarbeiter. Schließlich gehen die mehr als 700 Angestellten noch zur Arbeit, obwohl sie ihren September-Lohn nicht bekommen haben. Sie haben de facto nichts mehr zu tun.

Thomas Cook | Bildquelle: dpa
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Der Reiseanbieter Thomas Cook meldete Ende September Insolvenz an.

"Versagen in der Informationspolitik"

Alle warten auf Ansagen des Konkursverwalters, so Mitarbeiterin Vanessa: "Wir wissen noch nichts. Wir versuchen, den Tag irgendwie rumzubringen - wir bringen Kartenspiele mit und so. Ein paar Leute sitzen auch am Computer und schreiben an Bewerbungsbriefen."

Die Nachricht von der Pleite hat alle kalt erwischt - und für viel Verwirrung gesorgt, so Maria Frontera, Vorsitzende des Hotelverbands von Mallorca: "Du bist morgens aufgewacht und hast die Nachricht von der Pleite von Thomas Cook gehört. Und zur gleichen Zeit trafen in den Partnerhotels neue Gäste aus Deutschland ein. Das war so widersprüchlich! Das größte Versagen von Thomas Cook liegt in seiner Informationspolitik."

Der Schaden, den Thomas Cook auf den Balearen angerichtet hat, ist gewaltig. Er belaufe sich auf mindestens 150 Millionen Euro, so Iago Negueruela, Minister für Tourismus, Wirtschaft und Arbeit auf den Balearen.

Sonderkredite für örtliche Firmen

Seine Regionalregierung hat einige Soforthilfen angekündigt. So sollen lokale Thomas Cook-Mitarbeiter, die keinen Lohn mehr erhalten, bis zu vier Monate lang 500 Euro an Unterstützung bekommen. Und örtliche Firmen, die wegen der Pleite in finanzielle Schieflage geraten sind, Sonderkredite gewährt bekommen. Die Maßnahmen sollen das 300 Millionen-Euro Hilfspaket ergänzen, das die spanische Regierung gerade in Aussicht gestellt hat. 

Die Thomas Cook-Pleite sorgt für geschäftiges Treiben an allen Fronten - auch in dem kleinen Konferenzsaal der Handelskammer in Palma de Mallorca.

Dort hören vielleicht 70 Besucher einem Vortragenden zu, wie eine Insolvenz genau vonstatten geht - und welche Rechte der Geschädigte hat. Der Hotelier Javier Vich hat schon seine Lehren aus der Thomas Cook-Pleite gezogen: "Ich denke, wir müssen unseren Markt diversifizieren. Mallorca hängt von zwei großen Märkten ab: Von Großbritannien und von Deutschland. Wir haben jetzt gesehen, was das bedeutet –noch dazu, wenn man von zwei großen Touristikanbietern abhängig ist. Wir müssen uns vielleicht mehr auf weiter entfernte Märkte einstellen - und auf neue Kommunikationskanäle setzen."

Obergrenze für Touristen?

Das sieht auch Carme Riu so, Chefin des gleichnamigen Hotelkonzerns und graue Eminenz der Tourismusbranche auf Mallorca. In einem lokalen Fernsehsender geht sie sogar noch weiter.

Sie will nach der Thomas  Cook-Insolvenz ein anderes Tourismusmodell - und sogar eine Obergrenze für Besucher: "Die Touristen kommen auf die Balearen, weil wir wunderschöne, phantastische Inseln haben. Wenn sie zu voll sind, schaden wir dem Tourismus. Es muss ein Tourismuslimit geben, denn sonst machen wir uns auf lange Sicht selbst kaputt."

Wer Touristenlimits fordert, wurde auf den Balearen bisher eher als weltfremder Träumer belächelt. Jetzt kommt die Forderung sogar von Spaniens mächtigster Hotelchefin. Gut möglich, dass der Fall von Thomas Cook auf Mallorca noch einiges in Bewegung bringt.

Nach dem Schock: Wie Mallorca mit der Thomas Cook-Pleite umgeht
Marc Dugge, ARD Madrid
06.10.2019 23:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Oktober 2019 um 05:40 Uhr.

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