Panusaya Sithijirawattanakul | Bildquelle: REUTERS

Panusaya Sithijirawattanakul Das Gesicht der Proteste in Thailand

Stand: 15.10.2020 09:25 Uhr

Eine ungerechte Schulstrafe weckte ihren Widerstandsgeist - heute ist die 22-jährige Panusaya Anführerin der Studentenproteste in Thailand. Nun wurde sie verhaftet.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

“Wir haben der Polizei einen offenen Brief an den König übergeben, wir haben gezeigt wie stark wir sind”, ruft Panusaya Sithijirawattanakul unter dem Jubel Tausender Studenten. Spätestens seit ihrem Auftritt im September in Bangkok ist die 22-Jährige bekannt als Gesicht der königs- und regierungskritischen Proteste.

Beim Facetime-Interview mit der ARD sitzt sie in ihrem Zimmer im Studentenheim. Vor Minion-Comicpostern streichelt sie die Katze neben ihr auf dem Sofa, lächelt freundlich die Kamera - nicht der Hauch von Revoluzzerhabitus. Eine Bürgertochter, behütet aufgewachsen mit zwei Schwestern.

"Ich wurde nicht bestraft, die anderen schon"

Politik habe sie nicht interessiert bis zu jenem Vorfall in der höheren Schule, der eine Menge sagt über die thailändische Gesellschaft und warum die Jugend so wütend ist:

“An diesem Tag hatten wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht, so dass der Lehrer uns bestrafen musste. Dazu werden den Schülern die Finger zusammengebunden und der Lehrer schlägt mit einem Lineal auf die Nägel. Eine sehr schmerzhafte Prozedur, und ich hatte kurz zuvor gehört, dass sie gesetzlich verboten worden war. Also sagte ich nein - und wurde nicht bestraft, die anderen aber schon. Hinterher waren die deshalb böse auf mich, weil ich mich ausgeschlossen hatte. Es ist doch eine Schande, dass die Person, die uns über unsere Rechte informieren sollte, uns diese vorenthält.”

Panusaya Sithijirawattanakul | Bildquelle: NARONG SANGNAK/EPA-EFE/Shutterst
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"Wovor soll ich Angst haben?, antwortet Panusaya auf die Frage, wie groß die Gefahr ist, verhaftet zu werden.

Bei Majestätsbeleidigung drohen 15 Jahre Haft

Es ist ein wenig wie Europa in den späten 1960er-Jahren: Mehr und mehr Studenten sind nicht mehr bereit, Regeln und Hierarchien einer verkrusteten Gesellschaft zu akzeptieren. Sie stellen traditionelle Institutionen in Frage und fordern mehr Demokratie.

Eigentlich habe sie nicht öffentlich über die Monarchie sprechen wollen, sagt Panusaya Sithijirawattanakul, Spitzname Rung. Aber dann wurde der Menschenrechtsanwalt Anon Nampa nach seiner Rede bei einer Großdemonstration verhaftet. Er hatte Neuwahlen gefordert und die Abschaffung des "Les Majeste" - jenes Gesetzes, das Majestätsbeleidigung in Thailand mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft.

"Also dachte ich, einer muss es ja tun"

“Niemand war zu dieser Zeit in unserer Gruppe bereit, die Risiken eines öffentlichen Auftritts  auf sich zu nehmen", erzählt die 22-Jährige. "Also dachte ich, einer muss es ja tun. Denn wir können jetzt nicht mehr zurück hinter die Forderungen, die wir gestellt haben - sonst haben wir verloren."

Es gibt dieses Foto von König Rama: Bauchfrei mit tätowierten Oberarmen nimmt er auf dem Flughafen München den Salut seiner Luftwaffenoffiziere entgegen. Bei den Protesten in Bangkok parodieren Demonstranten diese Szene. Noch vor einem halben Jahr wären sie dafür verhaftet worden, doch aus wenigen Stimmen ist längst ein Chor der Entrüstung geworden.

Eine Monarchie wie in Großbritannien

"Im Gegensatz zu seinem Vater ist der jetzige König sehr unbeliebt", sagt Panusaya. "Und jetzt haben wir das Internet, wo man alle Informationen über sein bizarres Leben in Deutschland finden kann."

Und je mehr Leute darüber sprechen, desto geringer werde auch die Angst, sagt sie und betont: "Wir wollen die Monarchie ja nicht abschaffen." Sie solle aber so werden wie in Großbritannien, "wo man offen über die königliche Familie sprechen kann".

"Sie haben den Zeitpunkt verpasst, uns zum Schweigen zu bringen"

Inzwischen ist die Studentenführerin verhaftet worden. Das hatten viele Beobachter erwartet, nachdem bereits zahlreiche ihrer Mitdemonstranten in Arrest sitzen. Der thailändische Regimekritiker Wanchalarm Satsaksit wurde in Kambodscha entführt und bleibt bis heute verschwunden.

Nein, sagte Panusaya zum Zeitpunkt des Interviews, sie habe keine Angst. "Wovor soll ich Angst haben? Dass sie mich anklagen, verhaften oder verschwinden lassen? Ich denke, sie haben den Zeitpunkt verpasst, uns zum Schweigen zu bringen."

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Fassung dieses Textes hieß es: "Ein Wunder, dass Panusaya noch nicht verhaftet wurde." Der Text ist nach Bekanntwerden ihres Arrests aktualisiert worden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Oktober 2020 um 13:00 Uhr.

Korrespondent

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Holger Senzel, NDR

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