Menschen in einem Basar in Teheran | Bildquelle: ABEDIN TAHERKENAREH/EPA-EFE/REX/

Reaktionen auf Sanktionen Viele Iraner haben Existenzangst

Stand: 07.08.2018 18:19 Uhr

Irans Präsident Rouhani reagiert auf die neuen US-Sanktionen mit Durchhalteparolen. Aber viele Iraner sind skeptisch, fürchten den wirtschaftlichen Niedergang - auch wenn nur wenige das offen sagen mögen.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Amirhossein sitzt auf einem Hocker im Schatten. Der 55-Jährige hat ein kleines Lebensmittellädchen in Teheran. Die Regale sind relativ voll. Aber der Laden ist leer - und Amirhossein ist richtig sauer nach der Rede von Präsident Hassan Rouhani gestern Abend: "Hast du dir die Ansprache angeschaut? Warum soll ich mir so viele Lügen anhören? Er lügt und weiß auch, dass er lügt. Warum soll ich meine Zeit mit Lügen vergeuden?", schimpft er.

Rouhani hatte am Montagabend dem Staatsfernsehen ein Interview gegeben und erklärt, wie es nach den US-Sanktionen seiner Meinung nach weiter geht: "Europa bietet heute der USA die Stirn, obwohl es immer ein Verbündeter der USA war. Wir stehen in der Welt heute also nicht alleine da. Der Iran gilt in diesen Länder als vertrauenswürdiger Partner", gab sich Rouhani zuversichtlich.

Wechselstube in Teheran | Bildquelle: AP
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Wechselstube in Teheran: Der Dollar wird zusehends teurer für die Iraner.

Kriegsrhetorik kommt nicht gut an

Allerdings weiß Irans Präsident auch: Ausländische Unternehmen werden mit den USA Probleme bekommen, wenn sie weiter mit dem Iran Geschäfte machen: "Wir warten darauf, dass Europa jetzt auch handelt. Ende August wird es ein Treffen geben zwischen den Partnern des Abkommens, vor allem mit der Europäischen Union", sagt Rouhani.

Es wurde auch spekuliert, ob es darüber hinaus ein Treffen zwischen den USA und dem Iran geben könnte. Rouhani hat das nicht ganz ausgeschlossen, aber hohe Hürden gesetzt. Den Taxifahrer Kourosh ärgert das maßlos: "Differenzen müssen freundschaftlich beigelegt werden. Wir schaffen das doch nicht durch einen Krieg. Warum ruft er ständig 'Nieder mit Amerika'? Er soll sich doch endlich mit ihnen verständigen."

Kouroshs Kollegen stehen um ihn herum und nicken, während er schimpft. Aber Kourosh ist der einzige Fahrer der sich traut, so offen zu reden.

Arbeiter in einem Basar in Teheran | Bildquelle: ABEDIN TAHERKENAREH/EPA-EFE/REX/
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Arbeiter auf einem Basar in Teheran: Schon einige haben ihre Jobs in Folge der Sanktionen verloren.

Firmen machen dicht

An einer Straßenecke lehnt ein junger Mann an seinem Auto. Farhad ist 36 Jahre alt und sportlich-leger gekleidet. Er hat mal für das deutsche Unternehmen Würth gearbeitet, nun aber seinen Job verloren - als Folge der Sanktionen. "Wegen der Sanktionen und weil der Dollar plötzlich viel teurer wurde, konnten wir nicht mehr verkaufen. Es heißt jetzt 'stand by' und warten. So geht es allen Mitarbeitern."

Immer mehr Iraner sind arbeitslos. Auch Taxifahrer Kourosh hat Existenzangst: "Die Verteuerung des Dollars hat alles vernichtet. Die Sanktionen zeigen bereits ihre Wirkung. Die Stadt ist fast leer. Warum sollen die Leute noch rauskommen?"

Tatsächlich ist es ziemlich leer auf den Straßen, im Geschäftsviertel tummeln sich mehr Verkäufer als Kunden. Die Stimmung ist bedrückend. "Ich habe seit heute Morgen keinen Rial verdient. Ich habe eine Familie und muss noch die Miete zahlen. Früher konnte ich zumindest die Familie versorgen. Heute kann ich, ehrlich gesagt, nicht mal mehr ein Brot bezahlen", sagt Kourosh.

Der iranische Präsident Rohani im Fernseh-Interview | Bildquelle: AFP
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Appelliert an den Kampfgeist seines Volkes: Präsident Rouhani.

Viele verlieren den Glauben an Rouhani

Die Iraner sind krisenerprobt und haben einen langen Atem. Und genau auf den setzt auch Präsident Rouhani: "Wenn die Bürger, die Streitkräfte und die Regierung zusammenhalten, wird uns niemand in die Knie zwingen können. Und diese Sanktionen werden ihr Ziel nicht erreichen."

Rouhani wiederholt solche Parolen immer und immer wieder und versucht so, dem Volk so Hoffnung zu machen. Für den Kourosh hat der Präsident das wohl mindestens einmal zu oft gesagt. Er schäumt: "Hoffnung? Die haben wir schon lange verloren. Wir werden uns bald hier auf der Straße zerfleischen. Merke Dir diese Worte!"

Der erste Tag der US-Sanktionen im Iran
Karin Senz, ARD Istanbul
07.08.2018 17:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. August 2018 um 18:00 Uhr in den Nachrichten.

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