Der Abschuss einer Rakete vom Typ S 200 im Iran (Archivbild)  | Bildquelle: AP

Hintergrund Was ist das iranische Raketenprogramm?

Stand: 08.05.2018 08:58 Uhr

Einer der Hauptgründe, warum die USA und Israel das Atomabkommen mit dem Iran platzen lassen wollen, ist das iranische Raketenprogramm. Worum geht es dabei?

Von Reinhard Baumgarten, SWR

Tatsächlich geht das zur international bindenden UN-Resolution 2231 gewordene Abkommen auf die Raketenproblematik ein. Konkret sind alle vorausgegangenen UN-Resolutionen, die sich mit der Entwicklung ballistischer Raketen durch den Iran befassen, durch Resolution 2231 ersetzt worden. Darin wird der Iran aufgefordert, alles zu unterlassen, was zu Entwicklung und Bau von Raketen führen könne, die Atomsprengköpfe tragen könnten.

Teheran argumentiert, der Iran besitze, baue und plane keine Atomwaffen. Deshalb verfange die Kritik westlicher Staaten am iranischen Raketenprogramm nicht. Für die iranische Führung sind ballistische Raketen unverzichtbarer Bestandteil zur Landesverteidigung. "Ob ihr es mögt oder nicht", erklärte erst unlängst Präsident Hassan Rouhani, "wir werden unsere Militärkapazitäten entsprechend den Notwendigkeiten zur Verteidigung (unseres Landes) ausweiten."

Überfall auf den Iran in den 1980er-Jahren

Es gibt keinen international verbindlichen Vertrag, der Herstellung und Besitz ballistischer Raketen regelt. Weltweit verfügen 31 Staaten über derartige Waffensysteme - darunter neun Staaten mit Atomwaffen.

Teherans Beharren, Raketen entwickeln, testen und stationieren zu dürfen, hat einen konkreten und für viele Iraner auch traumatischen Hintergrund - der sogenannte "Städtekrieg" zwischen Irak und Iran in den 1980er-Jahren. "Sie waren keinem Krieg ausgesetzt, in dem auf ihre Städte Raketen herabregneten, die Chemiewaffen transportierten", hält der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif Kritikern entgegen. "Sie standen nicht ohne eine einzige Rakete da, um zurückschießen zu können, damit Saddam Hussein vielleicht aufhört."

Der iranische Präsident Hassan Rouhani | Bildquelle: AP
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Der iranische Nation werde sich nicht brechen lassen, so Irans Präsident Hassan Rouhani.

1980 überfiel der Irak den benachbarten Iran. Der Krieg dauerte acht Jahre. 1983 erwirkte Washington auf Drängen des irakischen Diktators Saddam Hussein ein weitreichendes Waffenembargo gegen die Islamische Republik Iran, das im Kern bis heute besteht.

1984 unterlief Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi dieses Embargo und lieferte dem Iran 20 Scud B Raketen. Syrien und Nordkorea folgten. Mit Hilfe Nordkoreas entwickelte der Iran in den Folgejahren mit Shahab 1 und 2 die ersten Raketen Marke Eigenbau. Nordkorea stand auch Pate bei der Entwicklung der ersten Feststoffraketen Irans, die unter den Namen Ghadr 1, Fathe und Sajjil firmieren, Reichweiten von bis zu 2000 Kilometern und bis zu 700 Kilogramm Traglast haben.

Keine Nuklearwaffen im Iran

Teheran verfügt über Kurz-, Mittel- und Langstreckenraketen. Darüber, wie viele es sind, wird in Expertenkreisen weidlich spekuliert - die Zahlen für Raketen mit größerer Reichweite bewegen sich zwischen 250 und 500. Teheran macht keine konkreten Angaben, versucht aber gleichzeitig den Eindruck einer extrem wehrfähigen Nation zu vermitteln. Irans Kritiker nehmen die Prahlerei der iranischen Führung andererseits gern als Beleg für die unberechenbare Gefährlichkeit des Mullah-Regimes.

Militärisch gesehen stufen Experten vor allem Kurzstreckenraketen und in beschränktem Maße auch Mittelstreckenraketen als wirkungsvoll ein. Langstreckenraketen oder gar Interkontinentalraketen gelten nur dann als wirkungsvolle Waffen, wenn sie mit Atomsprengköpfen bestückt werden. Der Iran verfügt nicht über Nuklearwaffen. Wohl aber Israel, dessen Raketen eine größere Reichweite und eine deutlich höhere Zielgenauigkeit haben.

Das iranische Raketenprogramm wird von der Revolutionsgarde betrieben, die direkt Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei untersteht. Oberster Raketenbauer ist General Ali Abdollahi, der jüngst prahlte, der Iran verfüge nunmehr über Raketen mit einer Reichweite von 2000 Kilometern und einer Zielgenauigkeit von acht Metern. Internationale Raketenexperten bezweifeln das. Sie gehen von einer Zielgenauigkeit von 1 bis 2,3 Kilometern aus.

Karte: Jemen, Saudi-Arabien und Iran
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Der Iran versucht, den Eindruck einer extrem wehrfähigen Nation zu vermitteln.

"Keine globale Bedrohung"

"Das ballistische Raketenprogramm Irans", konstatierte das internationale Friedensforschungsinstitut SIPRI Ende Oktober vergangenen Jahres, "stellt keine globale Bedrohung dar." Darüber, ob es eine regionale Bedrohung darstellt, wird im Nahen Osten heftig gestritten. Mit dem Raketenprogramm versucht Teheran, aus der Not eine Tugend zu machen. Denn rüstungs- und wehrtechnisch ist der Iran seinen potenziellen Kontrahenten deutlich unterlegen.

Im Vergleich dazu Saudi-Arabien: Riad hat seit 1997 im Schnitt zwölf Prozent seines Bruttoinlandprodukts für Rüstung und Verteidigung ausgegeben. Der Iran dagegen vier bis fünf Prozent. Die saudischen Rüstungsausgaben beliefen sich in den vergangenen Jahren auf jährlich 70 bis 80 Milliarden Dollar. Teheran hat etwa 15 Milliarden Dollar jährlich aufgewandt.

Raketentest im Iran | Bildquelle: REUTERS
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Rüstungs- und wehrtechnisch ist der Iran seinen potenziellen Kontrahenten deutlich unterlegen. Eine globale Bedrohung stelle es nicht dar, so das Friedenforschungsinstitut SIPRI.

Kampfflugzeuge und Flugabwehr veraltet

Das 1983 beschlossene internationale Waffenembargo gegen den Iran gilt großteils noch heute. Konkret heißt das: Die rund 330 iranischen Kampfflugzeuge, die gut 1500 Panzer, Hubschrauber, Flugabwehr und vieles mehr ist technologisch veraltet, während Saudi-Arabien, die Verei­nigten Arabischen Emirate und Israel regelmäßig mit modernstem amerikanischem und europäischem Militärgerät ausgestattet werden. Hinzu kommt, dass amerikanische Rüstungskonzerne an alle Staaten des Golfkooperationsrats - ausgenommen Oman - teure Raketenabwehrsysteme verkauft haben.

Die Warnung vor den Raketen Irans ist somit auch Grundlage für glänzende Geschäfte. Israel hat mit US-Hilfe drei Raketenabwehrsysteme entwickelt und installiert: Iron Dome für Kurzstrecke, David‘s Sling für Mittelstrecke und Cruise Missiles, sowie Arrow für Langstrecke (Arrow 3 speziell gegen den Iran).

Saudi-Arabien und Israel haben Raketen mit größerer Reichweite

Um Israels heftigem Widerstand gegen das Atomabkommen zu begegnen, hatte die Obama-Administration Israel F-15 Strike Eagles und V22 Osprey Kipprotor Wandelflugzeuge im Gesamtwert von 3,1 Milliarden Dollar geliefert. In den kommenden zehn Jahren wird Washington zudem Israel zusätzliche fünf Milliarden Dollar zur Verbesserung seiner Raketenabwehr gewähren.

Saudi-Arabien und Israel verfügen über ballistische Raketen mit größerer Reichweite und besserer Zielgenauigkeit. Riad und Jerusalem reden nicht groß darüber. Die Hardliner in Teheran hingegen pinseln bei Tests mitunter Texte auf ihre Raketen. So geschehen im März 2016 während des Besuchs von US-Vizepräsident Joe Biden. "Israel muss vom Antlitz der Erde getilgt werden", war dort auf Hebräisch zu lesen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 09. Mai 2018 um 10:00 Uhr.

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