Charle Taylor

UN-Tribunal fällt Urteil Liberias Ex-Diktator Taylor schuldig gesprochen

Stand: 26.04.2012 16:36 Uhr

Das UN-Tribunal in Den Haag hat sein Urteil gefällt: Liberias Ex-Diktator Taylor ist schuldig - schuldig der Gräueltaten, die während des Bürgerkriegs im Nachbarland Sierra Leone begangen wurden. Ihnen fielen schätzungsweise 120.000 Menschen zum Opfer. Das Stafmaß muss allerdings noch festgelegt werden. Dem früheren Präsidenten droht lebenslange Haft.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Tommy steht auf einem Acker im Osten von Sierra Leone. Er pflanzt Süßkartoffeln. Mit seinen Krücken versinkt er im sandigen Boden. Er erinnert sich an den Krieg. "Die Rebellen haben mich erwischt. Wir rannten um unser Leben, ein paar meiner Freunde wurden erschossen. Mich haben sie gefangen genommen. Ich wollte nicht als Soldat für sie kämpfen, ich wollte zur Schule gehen. Da haben sie mir mit einer Machete mein rechtes Bein abgeschnitten", erzählt Tommy.

Das war vor zehn Jahren. Tommy ist heute Mitte 20 und hat den Bürgerkrieg überlebt. Er arbeitet auf einer Plantage, mit rund 80 Männern und Frauen seines Dorfes. Allen fehlen Arme, Hände oder Beine. Alle sind sie Opfer der Rebellen, die Anfang der 1990er Jahre Jagd auf Diamanten machten - und auf Hunderttausende Menschen.

Der Krieg in Sierra Leone beginnt 1991. Verbündete von Liberias damaligem Präsident Charles Taylor greifen Dörfer im Grenzgebiet zwischen Liberia und Sierra Leone an. Taylor braucht Geld für seinen eigenen Krieg im Nachbarland. Es ist die Stunde der Revolutionary United Front (RUF). Die Rebellen wollen die sierra-leonische Regierung loswerden und brauchen Waffen. Taylor kann sie liefern, er hat beste Verbindungen zu Waffenhändlern aus der ehemaligen Sowjetunion. Er schielt dabei auf die Diamantenminen im Osten von Sierra Leone. Von den Ereignissen erzählt auch der Hollywood-Blockbuster "Blood Diamond" mit Leonardo Di Caprio.

40.000 Tote in Freetown

Charles Taylor
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Charles Taylor

Am 6. Januar 1999 greifen die Rebellen die Hauptstadt Freetown an, der Angriff fordert mehr als 40.000 Tote. Jabati Mambou ist zu dieser Zeit 15 Jahre alt. Sein Leben ändert sich an diesem Tag um 7.45 Uhr abends. "Die Soldaten haben alle Jungs aus dem Haus gezerrt und in einer Reihe aufgestellt. Ich war der erste. Sie befahlen mir, meine rechte Hand auf den Boden zu legen. Dann kam einer mit einer Axt und schlug sie ab. Einfach so."

Spuren des Krieges bis heute sichtbar

Erst 2002 hat das Grauen ein Ende, die Vereinten Nationen schicken die bis dahin größte Blauhelmtruppe in einen Einsatz. Zehn Jahre später blickt John Abu-Kpawoh nachdenklich vom Campus der Fourah-Bay-Universität hinunter in die Bucht von Freetown. Durch den Krieg, sagt der Student, sei Sierra Leone beinahe zerbrochen. "Du kannst die Spuren des Krieges noch heute sehen. Die sichtbarsten Opfer sind die Amputees, die Menschen, denen Gliedmaßen fehlen. Aber da sind auch die vergewaltigten Frauen oder die Kindersoldaten. Es ist gut, dass Charles Taylor dafür verantwortlich gemacht wird. Damit hier endlich Versöhnung beginnen kann. Hier sind unvorstellbare Dinge geschehen, und ich bin Zeuge."

Taylor ist seit 2006 inhaftiert

Der Gerichtshof in Freetown, davor geht ein Soldat.
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Gerichtshof in Freetown. Die Gerichtsverhandlungen aus Den Haag werden nach Freetown übertragen.

Dass diese Gräueltaten geschehen sind, bezweifelt niemand. Doch die Anklage des UN-Sondergerichts für Sierra Leone wollte beweisen, dass der ehemalige Warlord Charles Taylor der Drahtzieher ist. Taylor sitzt seit 2006 in einer Zelle in Den Haag, während des zähen und extrem teuren Verfahrens plädieren seine ausgebufften Anwälte für "nicht schuldig". Für Peter Andersen, den Sprecher des Sondergerichts in Freetown, ist allein der Prozess bereits ein Erfolg, weil er einen Präzedenzfall schafft. "Lange Zeit war es in dieser Region so, dass Menschen mit viel Macht keine Strafe fürchten mussten. Sie waren unberührbar. Und genau das haben wir mit dem Special Court geändert. Es ist egal, wer Du bist, Du kannst verurteilt werden! Auch als Staatsoberhaupt. Wir machen wichtige Fortschritte im Kampf gegen die Straflosigkeit in diesem Land", so Andersen.

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