Baustelle des umstrittenen TAV-Projektes. | Bildquelle: AFP

Schnellstrecke TAV Italiens Stuttgart 21

Stand: 12.03.2019 09:18 Uhr

Sie soll Frankreich und Italien verbinden: die Hochgeschwindigkeitszugstrecke TAV. Der Bau liegt nun für sechs Monate auf Eis - denn in Italien gibt es erbitterten Widerstand gegen das Projekt.

Eine Reportage von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Ganz oben ragt der Monte Orsiera fast 3000 Meter in die Höhe, sein Gipfel ist noch mit Schnee bedeckt. Dahinter liegt Frankreich, davor ein enges Tal mit einer Großbaustelle, umgeben von einem fast vier Meter hohen Maschendrahtzaun mit Stacheldrahtrollen. Auf einer kleinen Anhöhe flattern Fahnen mit der Aufschrift "No TAV" an einer Holzhütte. Davor steht Fulvio, schaut auf die stillliegende Tunnelbaustelle und zuckt mit den Schultern.

"Für uns sind es sechs Monate Zeitgewinn. Aber letztendlich interessieren uns diese politischen Spiele nicht. Uns interessiert der Umweltschutz - und der Schutz der Gesellschaft, die ganz anderes braucht, als Milliarden in diesen völlig nutzlosen Bau zu stecken."

Bauarbeiten bei Schnee an einem Tunnel der Hochgeschwindigkeitsstrecke TAV in Italien | Bildquelle: AFP
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Die Kosten für die Strecke liegen nach Schätzungen bei rund 20 Milliarden Euro.

Es geht um die geplante Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke Turin-Lyon, auf Italienisch kurz TAV, eine Art italienisches Stuttgart 21. Am Wochenende hätte das Projekt fast die italienische Regierung zu Fall gebracht - ehe der Weiterbau nach zähen Verhandlungen um sechs Monate verschoben wurde.

Fulvio, 66 Jahre alt und früher Elektriker bei Philips, widmet sich seit mehr als 15 Jahren fast ausschließlich dem Kampf gegen die umstrittene Bahntrasse in den Alpen westlich von Turin. Bei der Parlamentswahl hat er mit seiner Stimme die Partei stark gemacht, die versprochen hatte, den Bau der TAV zu verhindern.

Baustopp für sechs Monate

"Ich habe die Fünf-Sterne-Bewegung gewählt." Er sei enttäuscht, dass es jetzt nicht den versprochenen Stopp gebe, sondern nur sechs Monate Pause. Aber die Fünf-Sterne-Bewegung habe viele gegen sich, die große Interessen verfolgten und könne deswegen den Bau nicht stoppen. "Aber zum Glück gibt es uns," sagt Fulvio.

Der angehende Rentner, hat bereits mehrere Strafanzeigen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt erhalten und musste auf Anweisung eines Richters vier Monate in Hausarrest verbringen.

Die in Teilen militante No-TAV-Bewegung hat in der Region aber durchaus Rückhalt in Teilen der Bevölkerung. Das ist auch ein Grund dafür, warum in einigen Orten in der Nähe der Baustelle die Fünf-Sterne-Bewegung mit ihrem Bekenntnis gegen die geplante Bahntrasse Rekordergebnisse von 40 Prozent und mehr erzielt hat - und jetzt als Regierungspartei den Bau auf italienischer Seite für zumindest ein halbes Jahr auf Eis gelegt hat.

Unternehmer fürchten ohne TAV Nachteile

In Rivoli, einem Vorort von Turin, sitzt Nicola Scarlatelli und schüttelt darüber den Kopf. "Man spielt nicht so auf Zeit." Es gebe Unternehmen, die bereits im Vertrauen auf diesen Bau, der vor Jahren durch das italienische Parlament beschlossen und durch internationale Verträge besiegelt wurde, investiert hätten. "Man spielt nicht so mit dem Schicksal von Menschen. Man kann sich nicht davor drücken, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung übernehmen", so Scarlatelli.

Der 61 Jahre alte Inhaber eines kleinen Industriebetriebs in Rivoli und Sprecher der mittelständischen Unternehmer für die Großregion Turin, ist überzeugt, dass ohne die schnelle Bahnverbindung nach Frankreich - und von dort aus weiter bis nach Spanien und Portugal - die Gegend um Turin keine Zukunft hat.

Eine Unterstützerin der Hochgeschwindigkeitsstrecke TAV hält vor blauem Himmel ein Plakat hoch | Bildquelle: REUTERS
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Unterstützer der Strecke argumentieren mit wirtschaftlichen Vorteilen.

Die Ost-West-Verbindung, die von Lissabon bis Kiew gehen soll, werde kommen, meint er. Sie werde dann vielleicht etwas weiter nördlich verlaufen - und Turin und Umgebung blieben, umgeben von den Alpen, vom Rest Europas abschnitten. "Alles, was wir hier seit Jahrzehnten an mittelständischen Betrieben auf internationalem Niveau haben, riskiert verloren zu gehen", warnt der Unternehmer.

Eine Position, die in Rom von Matteo Salvinis Lega in der Regierung, aber auch fast allen Oppositionsparteien unterstützt wird.

In der Region selbst ist in dem seit Anfang der 2000er Jahre schwelenden Konflikt keine Bewegung in Sicht. Von den Gegnern der TAV, sagt Rentner-Rebell Fulvio, werde es auch in den jetzt beschlossenen sechs Monate Atempause keine Kompromisse geben. "Für uns gibt es nur die Option Null. Kein Bau. Alles andere, was sie sich vielleicht einfallen lassen, ist für uns nicht akzeptabel."

Rebellische Rentner und verzweifelte Unternehmer
Jörg Seisselberg, ARD Rom
12.03.2019 08:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. März 2019 um 06:45 Uhr in Informationen am Morgen.

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