Antonio Tajani | Bildquelle: AFP

Exklusivinterview mit der ARD Tajani warnt vor Millionen Flüchtlingen

Stand: 26.06.2017 14:38 Uhr

EU-Parlamentspräsident Tajani hat ein besonderes Interesse am Thema Migration. Immerhin sei seine Heimat Italien in der EU am stärksten davon betroffen. Mehrere Millionen Flüchtlinge könnten noch folgen, warnte Tajani im Exklusivinterview mit Karin Bensch.

Von Karin Bensch, ARD-Studio Brüssel

Antonio Tajani legt die Stirn in Falten. Er befürchtet in Zukunft neue Flüchtlingsströme. Tajani ist Präsident des Europaparlaments, also Nachfolger von Martin Schulz, und er ist Italiener.

Italien ist am stärksten betroffen von Flüchtlingen, die über das Mittelmeer nach Europa kommen. Seit Jahresbeginn haben sich etwa eine halbe Million Menschen auf diesen lebensgefährlichen Weg gemacht.

Flüchtlinge treiben vor der Küste Libyens im Mittelmeer. | Bildquelle: dpa
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Italien ist am stärksten betroffen von Flüchtlingen, die über das Mittelmeer nach Europa kommen.

Millionen von Migranten könnten folgen

"Wenn wir die Probleme in Afrika südlich der Sahara nicht gemeinsam lösen, dann werden in fünf, sechs Jahren Millionen Migranten kommen", warnt Tajani. Der afrikanische Kontinent sei eine Großbaustelle.

"Es gibt vielerorts Kämpfe zwischen Volksstämmen. Die Terrorgruppe Boko Haram sät Feindschaft zwischen Christen und Muslimen. Und der Klimawandel hat Folgen", sagt der 63-jährige Politiker der konservativen Berlusconi-Partei Forza Italia. 

Europa brauche eine langfristige Strategie, um zu helfen, die Probleme in Afrika zu lösen. "Wir müssen so bald wie möglich ein Abkommen mit Libyen abschließen, so wie es bereits eines mit der Türkei gibt", fordert der Parlamentspräsident. Ein umstrittener Vorschlag, der bereits vor Monaten auf den Tisch kam, von vielen europäischen Politikern aber wieder verworfen wurde, weil die politische Lage in Libyen viel zu instabil ist.

Flüchtlingslager in Afrika

Zudem spricht sich Tajani dafür aus, dass Flüchtlingslager in Afrika gebaut werden. Südlich der Sahara, dort wo viele Flüchtlinge herkommen. Mithilfe des Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. "Man kann Lager in Niger bauen, in Nigeria und in der Zentralafrikanischen Republik", fordert der Italiener.

Frauen stehen vor Zelten in einem Flüchtlingslager in Somalia. | Bildquelle: obs
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Tajani spricht sich dafür aus, dass Flüchtlingslager in Afrika gebaut werden.


All das klingt nach Abschottung und danach, dass Flüchtlinge bereits im Vorgarten Europas gestoppt werden sollen, damit sie künftig kein Problem mehr für die Europäische Union sind.

Parlamentspräsident Tajani schüttelt den Kopf. Es gehe auch darum, in Afrika zu investieren, in kleine und mittlere Unternehmen, um die Wirtschaft vor Ort anzukurbeln, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Bessere Ausbildung und Möglichkeiten vor allem für junge Leute. "Wenn die jungen Afrikaner jede Hoffnung verlieren, dass sie auch bei sich zuhause gut leben können, werden sie in Zukunft Afrika verstärkt verlassen", meint Tajani.

Ausgaben kontrollieren

Dennoch: Europa könne afrikanischen Staaten nicht einfach Geld schenken. "Europäische Missionen und die Vereinten Nationen müssen kontrollieren, dass das, was Europa für Wachstum, Entwicklung und gegen Armut gibt, nicht für den Kauf von Waffen verwendet wird, sondern dort ankommt, wo es gebraucht wird", fordert der Parlamentspräsident.

Umverteilung nicht das größte Problem

Auch wenn viel über die Umverteilung von Flüchtlingen innerhalb Europas gestritten wird: Nach Ansicht des Parlamentspräsidenten sind die Schutzbedürftigen, die bereits in der EU sind, nicht das größte Problem.

"Es geht vielmehr darum, was derzeit in Afrika passiert, mit all den gefährlichen Folgen, die das für die Stabilität des Kontinents hat, und damit auch für künftige Migrationsströme. Dort, in Afrika, müssen wir handeln", meint Tajani, "und zwar schnell".

EU-Parlamentspräsident Tajani fürchtet Millionen von Migranten
K. Bensch, WDR Brüssel
26.06.2017 12:10 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. Juni 2017 um 22:15 Uhr.

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