Tsai Ing-Wen | Bildquelle: AFP

Taiwans Präsidentin vereidigt Corona ist nicht ihr größtes Problem

Stand: 20.05.2020 10:41 Uhr

Taiwan hat die Corona-Krise im Griff. Nur 400 Infektionen gab es insgesamt. Die wiedergewählte Präsidentin Tsai zeigte sich trotzdem bei ihrer Vereidigung sehr ernst. China gibt dazu Anlass genug.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Ostasien

Vier Monate nach ihrer Wiederwahl war es nun endlich soweit: Im Garten des Taipeh-Gästehauses hatten sich trotz Corona-Krise einige Gäste eingefunden, um später zu feiern. Von dort aus konnten sie verfolgen, was im Präsidentenpalast passierte.

Tsai Ing-Wen wird für ihre zweite Amtszeit vereidigt. Mit fast versteinertem Gesicht tritt sie im schlichten schwarzen Hosenanzug nach vorn - für ein bisschen Fröhlichkeit sorgen nur zwei prächtige bunte Blumenbouquets.

Antrittsrede ohne Opposition

Nach dem Amtseid wird ihr eine kleine geschlossene Holzkiste mit ihrem Amtssiegel überreicht. Die Bommeln daran sind so widerspenstig, dass Tsai ein bisschen Mühe hat, sie anschließend auf das ihr präsentierte Tablett zu stellen. Trotzdem bleibt ihr Gesicht nahezu regungslos.

Vom Palast geht die 63-jährige Politikerin der demokratischen Fortschrittspartei dann ins Gästehaus, wechselt unterwegs kurz das Jackett und hält dann ihre Antrittsrede. Die Opposition ist nicht gekommen.

Bereit für Dialog mit China

Bis kurz vor Schluss erwähnt sie das heikelste Thema gar nicht: Die künftige Zusammenarbeit mit China.

"In den vergangenen vier Jahren haben wir trotz der komplizierten, sich ständig verändernden Lage in der Meeresstraße von Taiwan die größten Anstrengungen unternommen, um Frieden und Stabilität zu bewahren, was auch von der internationalen Gemeinschaft honoriert wurde. Wir werden uns weiterhin bemühen und sind bereit, mit China in einen Dialog zu treten, um einen konkreten Beitrag für die regionale Sicherheit zu leisten."

Klares Nein zu "Ein Land, zwei Systeme"

Friede, Gleichheit, Demokratie und Dialog - diese Worte wolle sie unterstreichen, fuhr Tsai fort. Der Formel "Ein Land, zwei Systeme", die von China propagiert wird, erteilte sie eine Absage. Man werde nicht akzeptieren, dass Peking den Status Quo zunichte mache, sagte sie:

"Die Beziehungen mit China befinden sich an einem historischen Wendepunkt. Beide Seiten sind dafür verantwortlich, einen Weg für den langfristigen Umgang miteinander zu finden, der vermeidet, dass es mehr Konfrontationen und Meinungsverschiedenheiten gibt. Inmitten einer sich wandelnden Lage werde ich an unseren Prinzipien festhalten und mit einer offenen Einstellung nach Lösungen suchen und mich der Verantwortung stellen."

Dazu gehört auch: sich weiter um ihre Verbündeten zu bemühen und zu versuchen, Allianzen zu bilden. Taiwan war in den letzten Jahren auf Druck von China zunehmend isoliert und aus dem Fokus gerückt.

Mehr internationale Aufmerksamkeit

Durch die gute Bekämpfung der Corona-Epidemie mit bislang nur 440 bestätigten Infektionen und sieben Todesfällen rückte die Insel jedoch stärker in die internationale Aufmerksamkeit und appellierte erneut an die Weltgesundheitsorganisation, ihr einen Beobachterstatus bei den Sitzungen einzuräumen. Mehrere Länder, darunter die USA und Deutschland, unterstützten Taiwan dabei.

Gebracht hat das jedoch bisher nichts. China pocht weiter darauf, dass Taiwan nicht als souveräner Staat anerkannt wird.

Appell an China

Doch die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt - und deshalb sagte Tsai Ing-wen am Schluss ihrer Rede in Richtung Peking:

"Ich hoffe auch, dass die chinesische Führung entsprechend ihrer Verantwortung gerecht wird, gemeinsam für eine langfristige Entwicklung stabiler beidseitiger Beziehungen zu sorgen."

Taiwans Präsidentin vereidigt
Kathrin Erdmann, ARD Tokio
20.05.2020 09:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Mai 2020 um 08:00 Uhr.

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