Flaggen von China und Taiwan | Bildquelle: dpa

Taiwan-China-Konflikt Zwei ungleiche Brüder

Stand: 06.01.2019 11:32 Uhr

Der Ton zwischen China und Taiwan hat sich erneut verschärft: Peking droht - Taipeh bittet um internationale Hilfe. Warum ist die Beziehung so kompliziert?

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Das Ereignis symbolisiert das Ende des chinesischen Bürgerkriegs: Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus. Maos Kommunisten haben das Militär der Republik China besiegt. Doch viele Republikaner wollen sich nicht geschlagen geben und fliehen auf die dem chinesischen Festland vorgelagerte Insel Taiwan.

De facto gibt es seitdem, also seit fast 70 Jahren, zwei chinesische Staaten: die kommunistische Volksrepublik China und die Republik China, die offiziell immer noch so heißt, aber international bekannt ist unter dem Namen der Insel, auf der sie liegt - Taiwan.

Zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt

Die Volksrepublik China hat inzwischen eine bemerkenswerte Verwandlung durchgemacht. Aus einem unterentwickelten Land, in dem Hunderte Millionen Menschen bitterarm waren, ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt geworden. Nach Angaben der Weltbank lebten noch 1990 gut 755 Millionen Chinesen in Armut, 2015 waren es noch zehn Millionen.

Die wirtschaftliche Öffnung, die diesen enormen Aufschwung möglich gemacht hat, begann nach dem Tod von Mao vor gut 40 Jahren. Politisch ist die Volksrepublik immer noch eine Diktatur. Opposition, zivilgesellschaftliches Engagement oder Meinungsfreiheit lässt die kommunistische Führung in Peking nicht zu.

Stabile Demokratie

Taiwan hingegen hat sich seit Ende der 1980er-Jahre von einer Diktatur zu einer lebhaften Demokratie entwickelt. Die Insel gehört neben Südkorea und Japan inzwischen zu den politisch stabilsten Demokratien im Osten Asiens.

Die heute gut 23 Millionen Einwohner genießen alle Vorzüge eines modernen westlichen Staates: Meinungs-, Presse- und Demonstrationsfreiheit, einen funktionierenden Rechtsstaat und eine lebhafte, liberal gesinnte, Zivilgesellschaft.

Bei ihrer Neujahrsansprache am 1. Januar sagte Taiwans Präsidentin Tsai Ing-Wen in Taipei:

"Ich rufe China auf, unsere Existenz als Taiwan anzuerkennen. China muss respektieren, dass unsere 23 Millionen Einwohner auf Freiheit und Demokratie bestehen. Wir müssen unsere Differenzen friedlich und auf Augenhöhe lösen."

Keine Kompromisse

Worauf die taiwanische Präsidentin anspielte, sind die Forderungen der chinesischen Staats- und Parteiführung nach einer Wiedervereinigung beider Seiten, natürlich zu den Bedingungen der Führung in Peking.

Zu Kompromissen in Sachen Souveränität ist diese nicht bereit. Für sie ist Taiwan kein eigenes Land oder ein autonomer Landesteil - sondern eine abtrünnige Provinz. Ausnahmslos alle Landkarten in China müssen die Insel als integralen Landesteil der Volksrepublik darstellen, egal ob es um Lehrmaterial an Schulen oder Universitäten geht, um die Wetterkarte im Fernsehen oder einen als Deko-Element verwendeten Umriss Chinas auf T-Shirts oder Plakaten. Taiwan wegzulassen, ist verboten.

Am Mittwoch betonte Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping in Peking in einer an Taiwan gerichtete Rede noch einmal die Haltung seiner Regierung. Taiwan werde früher oder später an die Volksrepublik China angeschlossen, das sei historisch so vorgesehen.

Diese Wiedervereinigung mit China sei im Interesse der Menschen in Taiwan. Er hoffe auf eine friedliche Lösung, sagte Xi, aber:

 "Wir können nicht versprechen, dass wir auf den Einsatz von Gewalt verzichten. Wir behalten uns die Option vor, im Zweifel alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen. Dieser Hinweis richtet sich nicht  gegen unsere Landsleute in Taiwan, sondern an Kräfte von außerhalb, und an die sehr geringe Zahl von Unabhängigkeitsaktivisten in Taiwan."

Wichtiger Handelspartner

Es gehört zur Strategie der chinesischen Staats- und Parteiführung, so zu tun, als sei nur eine kleine Minderheit der Taiwaner gegen einen Anschluss an die Volksrepublik. Tatsächlich ist es umgekehrt: Eine große Mehrheit auf der Insel will die politische Eigenständigkeit und vor allem die demokratischen Freiheitsrechte behalten.

Von den politisch-gesellschaftlichen Unterschieden unberührt sind die inzwischen sehr engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Seiten. Die Volksrepublik China ist mit Abstand Taiwans wichtigster Handelspartner.

China und Taiwan - eine komplizierte Beziehung
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
06.01.2019 11:06 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Januar 2019 um 17:00 Uhr.

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