Angehörige trauern, nachdem ein Angriff in Nusaybin mehrere Menschen das Leben kostete. (Archivbild) | Bildquelle: AFP

Waffenruhe in Nordsyrien endet "Niemand hier will Krieg"

Stand: 29.10.2019 03:07 Uhr

Bis heute Abend in Nordsyrien die Waffenruhe endet, sollen sich die Kämpfer der Kurdenmiliz YPG 30 Kilometer weit von der syrisch-türkischen Grenze zurückgezogen haben. Angehörige in der Grenzstadt Nusaybin sind besorgt.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Ein großer, kahler, neonbeleuchteter Raum im Obergeschoss eines Wohnhauses in Nusaybin im Südosten der Türkei. An der Wand gegenüber der Tür hängt das Foto eines jungen Mannes. Ein flaumiger Bart umrahmt das Gesicht des 20-Jährigen. Darunter das Datum, 17.10.2019. Im selben Raum sitzt ein Mann, der unglaublich traurig aussieht, und wie Mitte 60. Dabei ist Mervan erst 50 Jahre alt.

Der junge Mann auf dem Foto ist Mervans Sohn Zinar. "Es war Montag, gegen 10 Uhr morgens. Ich war zu Hause, als ich einen Anruf bekam. Es tut mir leid, aber du hast deinen Sohn verloren", erzählt er. "Ich war erschüttert, aber ich wusste auch, er ist für unser Recht und unsere Freiheit gestorben. Gott möge die Kurden in Frieden leben lassen."

Der 17. Oktober ist Zinars Todestag. Der Tag, an dem die Waffenruhe zwischen der Türkei und den kurdischen YPG-Milizen in Kraft trat. Zinar stammt aus Nusaybin, einer türkischen Stadt, die nicht dichter an der syrischen Grenze liegen könnte. Gestorben sei Zinar in dem Gebiet, dass der türkische Präsident Erdogan als künftige Sicherheitszone bezeichnet, durch eine türkische Bombe, sagt sein Vater.

Kampf gegen den IS "eine Ehre"

Zunächst habe Mervan nicht gewusst, dass sich sein Sohn den kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG auf der syrischen Seite der Grenze angeschlossen hatte, sagt er. "Er sagte, er sei glücklich in der YPG. Der IS ist eine grausame Organisation, die sogar Menschen enthauptet. Deshalb empfand er es als Ehre, gegen sie zu kämpfen."

Mehr als vier Jahre lang kämpfte er gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" an der Seite der USA, seit dem 9. Oktober gegen die Türkei und ihre Söldner. Nun ist er für immer in Syrien geblieben. "Er ist dort bei seinen Freunden beerdigt", sagt Mervan. "Seine Kameraden haben eine Trauerfeier für ihn abgehalten. Das ist für uns in Ordnung."

Sorgen um Angehörige

Ein paar Straßenzüge weiter sitzt die Lehrerin Roza in ihrem Wohnzimmer auf dem Teppichboden. An der Wand liegen Kissen zum Anlehnen, typisch für diese Region. Die beiden Kinder - eines ist zwei, eines ist fünf Jahre alt - spielen vor dem Fernseher, in dem ein Zeichentrickfilm läuft. Doch der friedliche Schein trügt. Roza macht sich Sorgen um ihren älteren Bruder.

"Am Anfang der türkischen Operation war es besonders schlimm, weil wir schreckliche Sachen gehört haben, über Tote und Verwundete. Deshalb haben wir uns viele Gedanken gemacht, wo er ist und wie es ihm geht", sagt sie. Rozas Bruder hatte sich 2014 der YPG angeschlossen, um die Stadt Kobane vom IS zu befreien. Heute ist er 38 und kämpft weiter.

Auf die Frage, ob sie das richtig finde, reagiert Roza ausweichend. "Ich habe in meinem Leben so viel Krieg und Leid erlebt. Krieg bringt keinen Frieden und keinen Vorteil, sondern nur Leiden. Als Schwester und Mutter wünsche ich, dass der Krieg schnell zu Ende geht. Niemand hier in Nusaybin will Krieg."

Frist für Kurdenmiliz läuft heute Abend aus

Damit der Krieg zu Ende geht, soll sich die die Kurdenmiliz bis heute Abend 30 Kilometer weit von der Grenze zurückziehen. Nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums hat sie das zum größten Teil getan. Roza hält aber für möglich, dass nicht alle Einheiten der Aufforderung nachkommen.

Mervan, der Vater des toten jungen Kämpfers, sieht einen Rückzug des YPG kritisch. "Ich hoffe der Kampf gegen den IS geht weiter - andernfalls kommen sie hier nach Kurdistan zurück." In einem Punkt geben sich viele Bewohner Nusaybins überzeugt. Die YPG sei keine Terrororganisation, wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan behauptet. Die YPG, das sind ihre Kinder und Geschwister.

Waffenruhe endet: Eindrücke von der türkisch-syrischen Grenze
Christian Buttkereit, ARD Istanbul, zzt. Nusaybin
29.10.2019 07:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 29. Oktober 2019 um 07:15 Uhr.

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