Fahne der Terrorgruppe Islamischer Staat | Bildquelle: AFP

Türkische Offensive in Syrien Kurdenmiliz stoppt Kampf gegen IS

Stand: 17.10.2019 12:10 Uhr

Die kurdischen Kämpfer in Nordsyrien haben ihren Einsatz gegen die IS-Terrormiliz eingestellt. Ihre Kräfte würden für den Kampf gegen die einmarschierende türkische Armee gebraucht, heißt es. Der IS sei nur noch "Nebensache".

Angesichts des türkischen Einmarsches in Nordsyrien haben die von Kurden angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ausgesetzt. "Wir haben in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass der Kampf gegen den IS im Fall eines Angriffs des türkischen Staates für uns zur Nebensache wird", sagte der Kommandeur der SDF, Maslum Abdi, vor Medien. Dieser Fall sei nun eingetreten. "Wir haben all unsere Aktivitäten gegen den IS eingefroren."

Dieser Rückzug hat den Angaben zufolge vor Ort schon zu einer Neuaufstellung der Terrormiliz geführt. An vielen Orten sei es zu Anschlägen und Explosionen gekommen, berichtete Abdi. Rund 12.000 IS-Mitglieder und ihre Angehörigen befänden sich noch in der Region. Auch die von den USA angeführte Anti-IS-Koalition schätzte die Zahl der IS-Angehörigen in Syrien und im Irak im Juni noch auf 14.000 bis 18.000 Personen.

Türkei nimmt strategisch wichtige Stadt ein

Die Türkei hatte am Mittwoch vergangener Woche ihre lange angekündigte Militäroffensive gegen die Kurdenmiliz begonnen. Nun nahm diese auch Teile der strategisch wichtigen nordsyrischen Grenzstadt Ras al-Ain ein, wie die Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet. Nach den intensiven Luftangriffen der vergangenen Tage hätten die türkischen Streitkräfte "etwa die Hälfte der Stadt eingenommen", sagte der Leiter der in London ansässigen Organisation, Rami Abdel Rahman.

Pro-türkische Kämpfer marschieren durch die strategisch wichtige Grenzstadt Ras al-Ain. | Bildquelle: AFP
galerie

Pro-türkische Kämpfer marschieren durch die strategisch wichtige Grenzstadt Ras al-Ain.

Die kurdische YPG-Miliz, die Teil der Demokratischen Kräfte Syriens sind, hatte in den vergangenen Tagen in Ras al-Ain erbitterten Widerstand gegen die türkische Armee und ihre militärischen Verbündeten geleistet. Mit einem dichten Netz an Tunneln und Schützengräben hatten die Kämpfer rund eine Woche lang die Angreifer zurückgehalten. 

"Die Option ist für uns inakzeptabel"

Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden bereits mehr als 200 SDF-Kämpfer sowie mindestens 72 syrische Zivilisten getötet. Zudem seien mehr als 300.000 Menschen in der Grenzregion auf der Flucht. Ankara meldete bislang sechs getötete türkische Soldaten sowie 20 Zivilisten.

Trotz internationaler Kritik auch aus Washington kämpft die türkische Armee im Nachbarland gegen die kurdische YPG-Miliz, die sie als Terrororganisation einstuft. Für die USA und andere westliche Staaten war die Kurdenmiliz hingegen jahrelang ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen die IS-Miliz - jedoch zogen die USA nun ihre Truppen aus der umstrittenen Region ab und ließen damit die Kurdenmiliz alleine in Nordsyrien zurück.

Der SDF-Kommandeur wies Spekulationen zurück, nach denen sich die Türkei später mit den inhaftierten IS-Gefangenen befassen werde. "Die Option ist für uns inakzeptabel", sagte Abdi. "Über das Schicksal der inhaftierten IS-Banden und ihrer Angehörigen entscheiden wir." Über den Umgang besonders ausländischer IS-Kämpfer wurde auch innerhalb der europäischen Staaten immer wieder gestritten.

Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (Syrian Observatory for Human Rights, SOHR) sitzt in Großbritannien und will Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentieren. Sie bezeichnet sich als unabhängig. Die Informationen der Beobachtungsstelle lassen sich nicht unabhängig überprüfen.  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Oktober 2019 um 10:00 Uhr.

Darstellung: