Einheiten Aserbaidschans beschießen armenische Stellungen im Konflikt um Bergkarabach | Bildquelle: AP

Als Söldner angeworben Syrer als Kanonenfutter der Türkei

Stand: 23.10.2020 14:16 Uhr

Die Türkei mischt in den Konflikten in Libyen und um Bergkarabach mit und setzt dabei Männer aus Syrien ein. Die Söldner werden unter falschen Versprechungen ins Kriegsgeschehen geschickt.

Von Daniel Hechler und Tina Fuchs, SWR

Reem, Sanaa und Samer spielen "Und raus bist du". Sie sind froh. Endlich ist ihr Vater wieder da. Lange war er weg. Sie wissen nicht, wo er war: Geld verdienen, hatte er gesagt. Als er dann nach drei Monaten wieder zu Hause im syrischen Idlib war, gab es trotzdem nicht mehr Geld. Nur der Vater hatte sich verändert. "Alle dort wollten wieder zurück nach Hause. Das war unser einziges Ziel, denn dort lauerte nur der Tod", berichtet er. "Sie nannten uns Söldner. Und nahmen uns die Handys ab."

Jalal Al Gamrie - seinen Namen und die der anderen Syrer haben wir zu ihrem Schutz geändert - ist einer von Hunderten Syrern, die von der Türkei als Kämpfer exportiert werden - nach Libyen, nach Aserbaidschan. Unter falschen Versprechungen, wie drei Männer den ARD-Reportern erzählen: "Es wurde gesagt, wir werden nach Libyen geschickt, um türkische Stützpunkte zu bewachen, als diplomatische Mission."

Exklusiv: Wie sich Söldner für den Libyen-Krieg verpflichten ließen
Mittagsmagazin, 23.10.2020, Daniel Hechler, Tina Fuchs, ARD Kairo

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Raketenbeschuss statt Grenzsicherung

Ein anderer syrischer Familienvater aus dem von der Türkei kontrollierten Idlib erzählt, man habe ihnen gesagt, sie würden die Grenze bewachen. "Wir waren überrascht, dass sie uns dann direkt an die Front brachten und wir kämpfen mussten." Man habe ihnen Uniformen gegeben - "und dann fielen die Raketen, mit hoher Präzision. Tag und Nacht starben wir oder wurden verletzt - verloren Hände, Beine. Viele hatten nicht die militärische Erfahrung."

Die syrischen Söldner fühlen sich, so erzählen sie, als würde die Türkei sie wie Kanonenfutter einsetzen. Die Offiziere in Libyen und auch in Bergkarabach seien Türken, die Kämpfer an der Front aber seien Syrer, zumeist aus der von der Türkei besetzten syrischen Region um Idlib.

Ein ausgebranntes Fahrzeug steht  vor einem zerstörten Haus in Berg-Karabach | Bildquelle: dpa
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Der Einsatz von Drohnen und syrischen Söldnern hat Aserbaidschan im Konflikt um Bergkarabach erhebliche Vorteile verschafft.

Die Türkei schweigt

Uwe Halbach von der Stiftung Wissenschaft und Politik erklärt, wie schwierig es speziell bei dem neu aufgeflammten Kriegsgeschehen im Kaukasus ist, an gesicherte Informationen zu kommen. Unabhängige Institutionen seien nicht vor Ort. In russischen Medien sei die Zahl der syrischen Söldner in der Region mit 2000 angeben worden, die Türkei schweige sich bisher dazu aus.

Doch laut den Aussagen der syrischen Söldner gegenüber tagesschau.de werden die Männer auf der Straße angesprochen, in den Flüchtlingslagern um Idlib. Die türkischen Mittelsmänner stellten einen Monatssold von 2000 Dollar in Aussicht, lediglich für Bewachungsaufgaben, keinen Einsatz bei Kampfhandlungen. In Militär- oder Zivilflugzeugen würden die so Angeheuerten dann über die Türkei ausgeflogen, die Maschinen vollbesetzt mit Syrern, und dem Ziel Tripolis oder Baku.

Vor Ort würden sie direkt an die Front geschickt, nachdem ihnen zuvor die Handys abgenommen worden seien. Das in London ansässige Syrische Zentrum für Menschenrechte spricht von inzwischen mindestens 126 syrischen Getöteten im Konflikt um Berg Karabach.

Türkische und  syrische Flagge an einem Pfeiler in der syrischen Grenzstadt Afrin | Bildquelle: SWR
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Die syrischen Stadt Afrin ist unter türkischer Kontrolle, hier werden die Söldnereinsätze koordiniert.

Das Ziel: Ordnungsmacht in der Kaukasusregion

Die Türkei, so Politikwissenschaftler Halbach, strebe aggressiv die Rolle als neue Ordnungsmacht in der Kaukasusregion an, wolle die eigene Armee aber schonen. Viel zu verlieren habe der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan dabei nicht: Der Sold für die syrischen Söldner sei gering, der massive Einsatz von Drohnen billiger als Flugzeuge, erläutert Matthias Hartwig, Völkerrechtler am Max-Planck Institut für ausländisches Recht in Heidelberg.

Zumal die Türkei das internationale Übereinkommen über die Einstellung, Verwendung, Finanzierung und Ausbildung von Söldnern nicht unterschrieben habe. Die Europäische Union verhalte sich eher passiv. Die Syrer, die von der Türkei in den fremden Krieg geschickt werden, spielten bei den Überlegungen auf politischer Ebene keine Rolle.

Eine Entscheidung zwischen Hunger und Waffendienst

Die Lage in Idlib ist kompliziert. In die letzte Rebellenhochburg sind viele vor dem Assad-Regime geflohen. Geschätzt drei Millionen Menschen leben inzwischen dort, Hunderttausende in Flüchtlingslagern. Der syrische Machthaber Baschar al-Assad lässt keinen Zweifel daran, die Region im Norden wieder unter seine Kontrolle bekommen zu wollen. Doch die angrenzende Türkei hat sich auf die Seite der Rebellen geschlagen und besetzt weite Teile als selbsternannte Schutzmacht. Die Bevölkerung aber lebt weit unter der Armutsgrenze, vielfach ohne Zugang zu Wasser, Strom, ohne Dach über dem Kopf. 

Jalal Al Gamrie, der Vater von Reem, Samer und Sanaa, hat jeden Tag Landsleute auf dem Schlachtfeld in der Fremde sterben sehen, erzählt er. Er habe vor der Wahl gestanden: eine Waffe in die Hand nehmen oder seine Familie nicht mehr ernähren zu können. Da hatte er keine Wahl, sagte er. Aber nach zwei Monaten Krieg in einem fremden Land, nach pausenlosem Einsatz an der Front, sei er am Ende gewesen. Er hat zwar überlebt. Aber die von den türkischen Mittelsmännern versprochen 2000 Dollar habe er nicht voll bekommen. Er kenne keinen, der den ganzen Sold bekommen habe.

Über dieses Thema berichtete das ARD Mittagsmagazin am 23. Oktober 2020 um 13:00 Uhr.

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