Bewaffnete Kämpfer sitzen auf einem Autodach und fahren mit Talibanflagge durch Idlib. | AFP
Weltspiegel

Terrormiliz IS in Ostsyrien Das Comeback der "Gotteskrieger"

Stand: 30.08.2021 11:13 Uhr

Im Osten Syriens haben sich zahllose Schläferzellen der Terrormiliz IS eingenistet und verbreiten Angst und Schrecken. Der Sieg der Taliban in Afghanistan gibt ihnen Auftrieb. Viele fürchten eine Wiederkehr des "Islamischen Staates".

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

"Wir beobachten Dich". "Wir wissen alles über Dich". "Wir werden Dich köpfen, zerstückeln". Es sind solche Nachrichten, die Hamoud al Nofal fast täglich auf seinem Handy erhält. Er hat gelernt, damit zu leben, versucht, gelassen zu bleiben. Nachgeben kommt für den Chef eines einflussreichen arabischen Stammes im Osten Syriens nicht infrage: "Sie fordern von mir, dass ich alles aufgebe, was ich zur Zeit mache und mich ihnen anschließe. Anderenfalls bringen sie mich um, auf welche Weise auch immer", erzählt der 55-Jährige.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Sein Stamm kämpfte zunächst gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad, dann gegen die Terrormiliz IS. Diktaturen und Extemismus sind ihnen zuwider. 450 Mitglieder mussten dafür schon ihr Leben lassen. Hamoud überlebte wie durch ein Wunder schon fünf Anschläge. Vor seinem Haus explodierten Autobomben. Sein Lastwagen flog in die Luft. Er wurde gezielt aus einem Auto beschossen.

Der Druck der Dschihadisten steigt in der Region. Ein Comeback des "Islamischen Staates" (IS) scheint wieder möglich. Für ihn und seinen Stamm geht es nun um die Existenz: "Sollte der IS hier wieder die Macht übernehmen, würde sich die Zahl der Opfer unseres Stamms sehr schnell von 450 auf 900 erhöhen. Der IS würde uns ausradieren."

Terror aus dem Untergrund

Im Dorf zeigt sich der Scheich kaum noch. Shaail gilt als IS-Hochburg im Osten Syriens. Eine von vielen in der Provinz Deir ez-Zor. Trotz Ölvorkommens leben viele Menschen in Armut, sind schlecht ausgebildet, häufig streng religiös. 2019 haben kurdische Kämpfer die Herrschaft der Islamisten in der Region mit Luftunterstützung der USA beendet.

US-Präsident Donald Trump verkündete seinerzeit den Sieg über die Terrormiliz. Das war verfrüht. Die selbst ernannten Gotteskrieger erneuerten sich, gingen in den Untergrund, verbreiten nun von dort Angst und Schrecken, ermorden jeden, der sich ihnen widersetzt und können auf viele Sympathisanten hoffen.

Blutige Anschlagsserie

Kurdische Spezialeinheiten der "Syrisch-demokratischen Kräfte" (SDF) aber wollen dem IS nicht weichen, zeigen in den Straßen Präsenz, gehen auf Patrouille, richten Kontrollpunkte ein. Vor allem nachts kommen die IS-Kämpfer aus ihren Verstecken, erpressen Schutzgeld, nehmen Geiseln, morden. Die SDF-Kräfte werden immer wieder selbst zur Zielscheibe ihrer Angriffe. "Sie füllen Motorräder mit Sprengstoff und zünden sie", erzählt Kommandeur Mohamed. "Sie setzen Sprengfallen gegen uns ein. Manchmal greifen sie uns als Gruppe an, schießen auf uns und verschwinden wieder." Viele Male sei das schon geschehen.

Tatsächlich steigt die Zahl der IS-Anschläge dramatisch. Im Juli waren es allein in der Provinz Deir ez-Zor 18. Der Sieg der Taliban gibt auch den Dschihadisten hier Auftrieb, glaubt SDF-Befehlshaber Abu Wael. Er sieht die kurdische Autonomie in Gefahr. Sie seien in einer entscheidenden Phase, müssten sich auf alles gut vorbereiten. Ohne Rückendeckung der USA könnten sie den Terroristen auf Dauer wenig entgegensetzen, fürchtet er: "In unserer Gegend ist die Zahl der IS-Zellen regelrecht explodiert. Wir tun, was wir können, um uns gegen diese Entwicklung zu stemmen. Aber unsere Möglichkeiten sind gering. Wir brauchen viel mehr Unterstützung."

Hoffnung auf Rückkehr des Kalifats

Im Al-Hol-Camp dagegen keimt die Hoffnung auf eine Rückkehr des IS. Zehntausende Frauen und Kinder sitzen in dem Lager in Ostsyrien ein. Einst lebten sie unter der IS-Herrschaft. Nach dem Fall ihrer letzten Hochburg Baghus 2019 gerieten sie in kurdische Gefangenschaft.

Die Kurden allerdings sind mit der Versorgung und Betreuung der Islamistinnen und Islamisten hoffnungslos überfordert. 8000 mussten sie in diesem Jahr deshalb schon entlassen, obwohl sie noch immer der alten Ideologie anhängen. Keiner weiß, wo sie heute leben.

Auch wenn der "Islamische Staat" und die Taliban erklärte Gegner sind, hat die Nachricht über deren Machtübernahme in Afghanistan im Camp Hoffnung ausgelöst. Die wenigen Frauen, die mit uns reden, zeigen sich erleichtert, hoffen nun auch auf eine schnelle Rückkehr des IS: "Das fänden wir als Muslime gut", sagt eine vollverschleierte Frau. "Wir brauchen den 'Islamischen Staat'. Wir sind hier Gefangene. Wenn der IS zurückkommt, sind wir wieder frei."

"Menschen würden abgeschlachtet"

Scheich Hamoud hat sich mit Sturmgewehren eingedeckt, will sich so vor den Terroristen schützen. Am Haus hat er Kameras installieren lassen, die jede Bewegung erfassen. Er hat Angst davor, dass seiner Heimat das gleiche Schicksal wie Afghanistan blühen könnte: "Es würde Mord und Zerstörung geben, Blutvergießen, Panik. Menschen würden abgeschlachtet, es wäre schrecklich."

Er befürchtet eine große Fluchtwelle, sollte es dazu kommen. Er aber will bleiben. Sein Schicksal legt er in die Hände Gottes, wie er sagt und hofft, dass sein Kampf gegen die Dschihadisten am Ende nicht umsonst gewesen ist.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. August 2021 um 05:53 Uhr.