Menschen liefern sich bei Protesten in Südafrika Straßenschlachten mit der Polizei | dpa

Proteste und Plünderungen in Südafrika "Die Lage ist außer Kontrolle"

Stand: 13.07.2021 18:02 Uhr

Brennende Warenhäuser, blockierte Autobahnen - die Proteste in Südafrika geraten zunehmend außer Kontrolle. Die Polizei wirkt machtlos, und Präsident Ramaphosa fürchtet eine Lebensmittelknappheit.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Die Szenen wiederholen sich an verschiedenen Orten. Wieder und wieder sind Plünderer unterwegs. Sie zerstören Eigentum und stehlen Waren, sie zünden Gebäude an und blockieren Autobahnen. Angefangen hat das mit politischen Protesten - inzwischen herrscht reine Gesetzlosigkeit im nordöstlichen Gauteng und dem östlichen Kwazulu-Natal.

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

Im Großraum Durban brennen mehrere Warenhäuser, dunkle Qualmwolken steigen in den Himmel. In Pretoria zerschlagen Plünderer in Einkaufszentren die Schaufensterscheiben und räumen die Läden leer. Es wirkt wie die reine Gesetzlosigkeit. Ein Passant in Alexandra, einer ärmeren Siedlung in Johannesburg, ist fassungslos: "Ich finde das überhaupt nicht in Ordnung. Die Leute zerstören doch ihre eigenen Ressourcen."

Auslöser der Proteste war der Haftantritt des früheren Präsidenten Jacob Zuma am Donnerstag. Er muss wegen Missachtung des Gerichts im Zuge von Korruptionsermittlungen für 15 Monate ins Gefängnis. Sehr schnell schlugen die Proteste in Gewalt um.

Es scheint, als hätten die Plünderer nichts zu verlieren. Sie sind arbeitslos, sie sind arm, sie haben Hunger. Die Polizei wirkt machtlos. Die Streitkräfte, die ihnen seit heute zur Seite stehen, haben strikte Regeln und assistieren nur - bisher.

Bürgerwehren formieren sich

"Die Situation ist außer Kontrolle, und enormer Druck lastet auf jedem Soldaten", sagt Darren Olivier, ein Militär-Experte. Sie seien nicht so ausgebildet wie Polizisten, wenn es um Deeskalation gehe oder wie man Menschenansammlungen kontrolliere. "Das ist sicher nicht ideal und wohl auch nicht unmöglich, dass Soldaten, die unter Druck stehen, vielleicht brutaler agieren als sie sollten", so Olivier.

Aber die Menschen, die unterwegs sind, sind zu viele - und sie sind großflächig verteilt in Gauteng und Kwazulu-Natal. Es ist wie eine Art Katz-und-Maus-Spiel mit den Sicherheitskräften. In Durban nehmen Anwohner ihre Sicherheit schon selbst in die Hand und setzen eine Bürgerwehr ein, um Wohnviertel und Geschäfte zu schützen. Denn die Folgen sind übel, sagt eine Apothekerin, die ihren Laden vorsorglich selbst ausgeräumt hat.

Schäden in Milliardenhöhe

"Es wird doch überall geplündert. Als wir hörten, dass in unsere Apotheke noch nicht eingebrochen wurde, dachten wir: retten wir, was geht. Es ist schlimm", sagt die Apothekerin. Ihr Geschäft sei nun leergeräumt und die Leute, mit denen sie arbeiteten, hätten jetzt keinen Job mehr.

"Selbst wenn wir die Versicherung fragen, wie lange dauert das dann? Wir sind kein Riesen-Unternehmen und haben Geld irgendwo rumliegen. Wir hängen vom Umsatz ab, den wir jeden Tag machen. Wir haben kein Geld, um Waren zu kaufen." Es werde eine Weile dauern, bis sie wieder auf die Füße kämen.

Die Folgen sind schwerwiegend. Der Schaden geht jetzt schon in Miliardenhöhe. Und mitten in der dritten Corona-Welle gibt es Unterbrechungen beim Impfprogramm. Weil die Autobahn N3 immer noch gesperrt ist, befürchtet selbst Präsident Cyril Ramaphosa Lieferengpässe. Denn die N3 ist eine Art Logistik-Ader. Sie führt vom bedeutenden Hafen in Durban ins Industriezentrum rund um Johannesburg.

Präsident befürchtet Lebensmittelknappheit

"Läden wurden geplündert und Infrastruktur zerstört. Wir werden in den nächsten Wochen einem großen Risiko von Lebensmittel- und Medikamentenunsicherheit ausgesetzt sein", so Präsident Ramaphosa.

Zweimal am Tag trifft sich jetzt eine Expertengruppe auf Regierungsebene, um darüber zu beraten, was zu tun ist und um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Die zündende Idee dafür fehlt bisher. Hunderte Menschen sind festgenommen worden, und doch wirkt jede Verhaftung wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die Stimmung ist aufgeheizt in Gauteng. Insgesamt starben laut Behördenangaben mindestens 45 Menschen bei Auseinandersetzungen, die meisten in Kwazulu-Natal, der Heimat von Ex-Präsident Zuma. In anderen Provinzen Südafrikas werden derzeit vorsichtshalber Pläne geschmiedet, wie dortige Einkaufszentren geschützt werden können.

Über dieses Thema berichtete am 13. Juli 2021 die tagesschau um 17:00 Uhr und MDR Aktuell um 17:11 Uhr.

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Moderation 13.07.2021 • 23:47 Uhr

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