Menschen laufen an den bei Protesten im südafrikanischen Durban geplünderten Läden vorbei. | AFP

Nach Protesten und Plünderungen Atempause für Südafrika

Stand: 14.07.2021 18:29 Uhr

Die gewalttätigen Plünderungen in Südafrika haben das Land in eine tiefe Krise gestürzt. Inzwischen hat sich die Lage etwas entspannt - auch, weil sich immer mehr Bürger den Plünderern in den Weg stellen.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

"No to looting!" - "Nein zur Plünderei!" Das steht auf Pappkartons, die Menschen in Soweto auf einer Kundgebung in die Höhe halten. Hier, wo gestern ein Einkaufszentrum zerstört wurde, feuern sie sich gegenseitig an, Kriminellen die Stirn zu bieten.

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

"Wir sagen Nein. Wir zerstören unsere eigene Infrastruktur nicht. Lasst uns die Interessen der schwarzen Südafrikaner vertreten", skandieren die Teilnehmer der Kundgebung. "Wir zerstören uns doch nicht selbst. Wir schützen den Supermarkt, wir schützen das Kleidungsgeschäft, wir schützen das Einkaufszentrum. Lasst uns gemeinsam schützen, was uns gehört."

Anderswo haben sich richtige Bürgerwehren formiert, um ihre Wohnviertel und Geschäfte vor Plünderern zu sichern. Dieser Geist weht inzwischen durch beide betroffenen Provinzen, Gauteng und Kwazulu-Natal. In der Innenstadt von Durban etwa spielen sich bizarre Szenen ab. Einzelne Plünderer sind noch unterwegs und werden von Polizisten gejagt, während ganz normale Bürger schon anfangen, all den Müll zusammenzufegen, der verstreut liegt.

Keine generelle Entwarnung

"Wir versuchen aufzuräumen. Der Laden hier und der dort hinten, die standen in Flammen", sagt ein Mann. "Aber wir sehen die Polizei und hoffen einfach, dass es sicher genug ist, um sauber zu machen."

Grund für die Proteste und Plünderungen war der Haftantritt des früheren Präsidenten Jacob Zuma am Donnerstag. Er war wegen Missachtung des Gerichts im Zuge von Korruptionsermittlungen zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Die anschließenden Proteste schlugen schnell in Gewalt um. Viele Gebäude wurden komplett zerstört.

Derartig große Menschenmassen wie in den vergangenen Tagen sind nicht mehr unterwegs. Es sind nur noch einzelne, die auf Beutejagd sind. Zwar kann keine generelle Entwarnung gegeben werden, aber es ist zu spüren, dass der Wille da ist, die Situation zu verändern. Ab dem Mittag waren an verschiedenen Orten Minister und Parlamentarier zu sehen und sprachen mit den Menschen.

Schäden in Milliardenhöhe

Im armen Stadtteil Alexandra in Johannesburg packt das Militär mit an, um Diebesgut sicherzustellen. Eine Reporterin beschreibt das so: "Es waren Leute aus Alexandra, die der Polizei gesagt haben, wo die Sachen zu finden sind." Es würden Türen, Kleidung, Lebensmittel und Möbel verladen. "Auf dem Truck hier sieht man sogar Kühlschränke und Betten. Die Polizei hat es geschafft, diese Waren sicherzustellen."

Der Schaden ist dennoch gewaltig, er geht in Milliardenhöhe. Die Infrastruktur ist zerstört, und es mangelt an Nachschub. Händler versuchen derzeit, Lebensmittel und Benzin aus anderen Richtungen heranzuschaffen als normalerweise.

Die Folgen bekommen nun die Ärmsten zu spüren, sagt Andy du Plessis, der die Organisation Food Forward SA leitet, die gegen den weit verbreiteten Hunger in armen Gemeinden kämpft. "Unser Lager in Durban ist am Montagabend um zehn geplündert worden, auch unser Kühllaster wurde gestohlen. Alle Lebensmittel, die in unserem Lagerhaus waren, wurden geklaut", sagt du Plessis.

"Das ist pure Kriminalität"

Sie hätten ihre Aktivitäten in Kwazulu-Natal einstellen müssen. Und um ihre Güter zu schützen, hätten sie auch die Filialen in Johannesburg und im ganzen Land geschlossen. "Wir verteilen folglich derzeit kein Essen an arme Menschen. Das bereitet uns Sorgen."

Für den stellvertretenden Minister für Staatssicherheit, Zizi Kodwa, liegt der Gedanke nahe, dass es nicht nur die armen, arbeitslosen Menschen waren, die ihre Chance genutzt haben. "Wir verfolgen durchaus, wie Menschen angestiftet wurden." Bereits in der Vergangenheit hätte es hetzerische Aussagen gegeben, um das Land unregierbar zu machen. "Was wir jetzt sehen, das hat nichts damit zu tun, dass der frühere Präsident inhaftiert wurde. Das ist pure Kriminalität. Es steht ein Plan dahinter, der ganze Ablauf war gut organisiert", so Kodwa.

Die Ermittlungen in diese Richtung laufen bereits, während die Aufräumarbeiten weitergehen. Egal, ob weiter geplündert und gebrandschatzt wird oder nicht, die Opferzahlen sind schon jetzt ernüchternd. Mindestens 72 Menschen kamen bei den Unruhen ums Leben, wahrscheinlich sogar mehr. Das sind die blutigsten Proteste seit Beginn der Demokratie in Südafrika.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. Juli 2021 um 19:48 Uhr.