Sudan

Amals Kampf um die Zukunft des Sudan "Meine Kinder sollen es besser haben"

Stand: 24.06.2019 04:00 Uhr

Bei der Niederschlagung der Proteste in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum wurden Amal beide Arme gebrochen. Trotzdem gibt sie nicht auf. Sie unterstützt die Opposition nun von zu Hause aus.

Von Anne Allmeling, zzt. Khartum

Amals Arme sind fest bandagiert. Die zierliche Frau kann ihre rechte Hand bewegen. In der linken fehlt ihr jedes Gefühl. Trotzdem empfängt die Gitarrenlehrerin und Mutter von vier Kindern ihre Gäste mit einem Lachen. Sie hat sich in das Haus ihres Vaters zurückgezogen, wo keiner sie beobachtet.

Denn Amal will erzählen, was am Morgen des 3. Juni in der sudanesischen Hauptstadt Khartum passiert ist: "Die Angriffe auf uns haben auf der Nilstraße begonnen. Die Jugendlichen sind auf die Brücke geflohen. Aber die Angreifer sind ihnen gefolgt. Ich wusste, dass etwas Schlimmes geschieht."

Kurz darauf hört Amal Schüsse. Sie und die anderen Demonstranten auf dem Platz vor dem Militärhauptquartier versuchen, sich in Sicherheit zu bringen, laufen um ihr Leben. Bewaffnete Männer schlagen auf sie ein.

Der Anführer der Dschandschawid im Sudan:  Mohammed Hamdan Dagalo, genannt Hemeti. | Bildquelle: AFP
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Der Anführer der Dschandschawid im Sudan: Mohammed Hamdan Dagalo, genannt Hemeti.

Wer ist verantwortlich?

"Als meine Arme gebrochen waren, begannen sie, mir auf den Kopf zu schlagen. Ich bin zu Boden gefallen. Als ich auf dem Boden lag, kamen die Männer und traten mich. Sie beschimpften uns. Einer von ihnen fragte mich: 'Was hast Du?' Ich sagte: 'Meine Arme sind gebrochen'. Und er erwiderte: 'Deine Arme sind nicht gebrochen. Niemand hat sie Dir gebrochen.'"

Nach stundenlangem Umherirren, erzählt Amal, findet sie den Weg in ein Krankenhaus. Aber sie wird nicht behandelt: Die Klinik ist überfüllt mit Menschen mit Schusswunden und lebensgefährlichen Verletzungen. Mehr als 60 von ihnen sterben in dieser Nacht. Freiwillige Helfer schreiben Amals Namen auf, verschicken ihn über WhatsApp. Ein Nachbar liest die Nachricht, holt Amal ab und bringt sie nach Hause.

Wer den Sitzstreik vor dem Militärhauptquartier in Khartum niedergeschlagen hat, ist noch nicht geklärt. Wie Amal machen viele Sudanesen die Schnelle Eingreiftruppe dafür verantwortlich - eine von mehreren Milizen, die das alte Regime stark gemacht hat. Die bewaffneten Männer haben an allen großen Straßenkreuzungen in der Hauptstadt Position bezogen. Ihr Anführer, Mohammed Hamdan Dagalo, genannt Hemeti, gilt als der neue starke Mann im Sudan.

Wer vertraut Hemeti?

In einer großen Halle in der Hauptstadt lässt sich Hemeti feiern. Frauen aus der Umgebung von Khartoum halten Reden, winken mit Fähnchen, jubeln ihm zu. "Wir kommen hierher zu unseren Vertretern, Al Burhan und Dagalo. Wir wollen ihnen sagen, dass wir sie unterstützen und ihnen beistehen. Denn diese Leute bringen uns Sicherheit, die wichtigste Sache für unser Land. Für uns ist Sicherheit wichtiger als das Essen", so eine von ihnen.

Nicht alle in der Halle sind davon überzeugt. In den hinteren Reihen machen sich einige Frauen über die Lobeshymnen lustig, bezeichnen die Rednerin auf der Bühne als Lügnerin. Sie seien hier, weil sie Geld bräuchten, sagen sie - und deuten damit an, dass sie für ihr Kommen bezahlt werden. Ins Mikrofon wollen sie das allerdings nicht sagen.

Dann ergreift Hemeti das Wort: "Der stellvertretende Chef des Militärischen Übergangsrats beschwört die Einheit des Sudan. Dabei werden dem Milizenführer Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen - vor allem während des Bürgerkriegs in der Region Darfur."

Was bringt die Zukunft?

Amal ist davon überzeugt, dass Hemeti und seine Kämpfer auch verantwortlich für die jüngste Gewalt gegen Oppositionelle in Khartum sind. Es klopft an der Tür. Drei junge Frauen aus der Nachbarschaft begrüßen Amal, zeigen ihr selbstgemalte Plakate. Draußen haben sich einige Dutzend Männer, Frauen und Kinder versammelt, ziehen durch die Nachbarschaft.

Amal begleitet die Demonstranten ein paar Meter. Dann geht sie zurück nach Hause. Sie will nicht wieder ins Visier der Sicherheitskräfte geraten - obwohl sie und ihr Mann den Protest gegen die Regierung unterstützen. "Wir möchten, dass unsere Kinder in einer gesunden Umgebung aufwachsen. Sie haben die Freiheit und den Wandel im Protestlager erlebt. Dort gab es Schulen, Musik und alles Mögliche. Für uns war es ein Stück Paradies."

"Meine Kinder sollen es besser haben": Amals Kampf um die Zukunft des Sudan
Anne Allmeling, ARD Kairo
24.06.2019 05:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Juni 2019 um 05:44 Uhr.

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