Die antike Stadt Hasankeyf in der Türkei | Bildquelle: dpa

Umstrittener Staudamm Flutung von Hasankeyf vertagt

Stand: 10.06.2019 14:54 Uhr

In der Türkei verschiebt sich die Inbetriebnahme des umstrittenen Ilisu-Staudamms abermals. Der Grund: Es hat zu viel geregnet. Die Proteste gegen das umstrittene Projekt dürften nun weitergehen.

In den vergangenen Wochen hatten die internationalen Proteste gegen den Ilisu-Staudamm nochmal Fahrt aufgenommen, doch es schien, als sei aller Widerstand zwecklos. Nun macht das Wetter den Gegnern des Bauprojekts wieder Hoffnung.

Ursprünglich hatten die Stauvorrichtungen heute geschlossen und die Rückhaltung des Tigris im Tal von Hasankeyf beginnen sollen. Doch nach Informationen des ARD-Studios Istanbul muss die Stauung offenbar abermals auf unabsehbare Zeit verschoben werden.

Der Grund: Es hat zu viel geregnet in letzter Zeit, der Tigris führt zu viel Wasser. Würde man den Damm jetzt schließen, stiege der Pegelstand des Stausees zu schnell. Doch die Bauarbeiten in Hasankeyf sind noch nicht abgeschlossen: Höhlen müssen abgestützt oder versiegelt und Anwohner ins neue Hasankeyf umgesiedelt werden.

Der Tigris bei Hasankeyf/Türkei | Bildquelle: REUTERS
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Der Tigris bei Hasankeyf: Weil er nach starkem Regen zu viel Wasser führt, muss die Inbetriebnahme des Ilisu-Staudamms weiter verschoben werden.

Jahrzehntealte Pläne

Damit verzögert sich ein Bauprojekt, dessen Grundidee bereits seit den Fünfzigern besteht. Konkret wurde es 1997: Damals beauftragte die türkische Regierung ein internationales Firmenkonsortium mit dem Bau. Doch vom ersten Moment an formierte sich massiver Widerstand. Die Firmen pochten darauf, dass die Türkei Mindestanforderungen erfüllt, was Umsiedlung, Umwelt- und Kulturgüterschutz angeht.

Nach fünf Jahren zog sich das Konsortium zurück, ein neues wurde gebildet. Vertreten waren darin auch deutsche Firmen. 2007 dann machte das Projekt scheinbar einen entscheidenden Schritt nach vorn: Die Regierungen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz erteilten Exportrisikogarantien, nachdem Ankara zugesagt hatte, gewisse Bedingungen hinsichtlich des Naturschutzes und der Umsiedlungen zu erfüllen.

Doch nur ein Jahr später fällten internationale Experten ein vernichtendes Urteil, was die Umsetzung dieser Vorgaben angeht. Die Geldgeber stellten daraufhin ein Ultimatum bis Mitte 2009. Anschließend zog sich die Staatengemeinschaft sich zurück, und mit ihr auch viele der Baufirmen. Asiatische Konzerne sprangen ein; sie brauchten acht weitere Jahre, um den Ilisu-Staudamm fertigzubauen.

Umstrittener Bau an antiker Stätte

Hasankeyf ist eine der ältesten menschlichen Siedlungen im Zweistromland Mesopotamien. Archäologische Funde zeigen, dass hier bereits im Neolithikum, also vor mindestens 8000 Jahren, Menschen gewohnt haben. Später siedelten hier die Römer. In byzantinischer Zeit war Hasankeyf Bischofssitz. Für Reisende ins Morgenland war die antike Stadt ein wichtiger Knotenpunkt.

Das Tal ist ein Anziehungspunkt für Archäologen. Kirchliche Bauten, aber auch tausende Jahre alte Wohnhöhlen gibt es hier zu erforschen. Doch wenn der Staudamm in Betrieb genommen wird, werden Hasankeyf und seine anthropologischen Schätze langsam aber sicher unter Wassermassen verschwinden.

Dann hindert der Damm den Tigris daran, weiter zu fließen. Langsam, aber sicher wird sich der Fluss dann an den Mauern des Damms aufstauen und zu einem künstlichen See anwachsen, der mit mehr als 300 Quadratkilometern in etwa eine Fläche haben wird wie München.

Umsiedlung der Menschen und Monumente

Die Bewohner des Tals ziehen nach und nach ins neue Hasankeyf, das einige Kilometer weiter entsteht - in einer Höhe, die das Wasser nicht erreichen wird. 710 Häuser wurden gebaut, doch wohnen dürfen dort nur ortsansässige Familien. Für Alleinstehende ohne Angehörige ist keine Bleibe vorgesehen, sie müssen wegziehen. Aber Hasankeyf ist ohnehin stark geschrumpft in den letzten Jahren: Von einst 10.000 Bewohnern sind nur noch 2000 übrig.

Das alte und das neue Hasankeyf (Türkei) | Bildquelle: REUTERS
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Umsiedlung einer antiken Stadt: das alte und das neue Hasankeyf.

Auch Teile der antiken Bauten wurden bereits umgesiedelt. Entstanden ist etwas, das abfällig "Disneyland für alte Monumente" genannt wird. Das Gros der archäologischen Schätze wird unter Wasser verschwinden. Ein Akt der Zerstörung, den Kritiker mit der Sprengung von antiker orientalischer Stätten durch die radikalislamischen Taliban vergleichen.

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"Disneyland für alte Monumente"

Das Grabmal von Zeynel Bey wurde mittels einer fahrbaren Plattform umgesetzt. (Archiv)

Zeynel Bey tomb
Zeynel Bey tomb

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Benachbarten Regionen droht Dürre

Nicht nur für die Menschen vor Ort ist die gigantische Stauvorrichtung ein Problem. Weil der Tigris jenseits des Damms nach der Inbetriebnahme nur noch einen Bruchteil der bisherigen Wassermassen führen wird, droht den dahinter liegenden Regionen Dürre. So auch dem benachbarten Irak, dessen Zweistrom-Ebene zwischen Euphrat und Tigris wegen zahlreicher Staudämme in der Türkei und Syrien schon lange nicht mehr so grün und fruchtbar ist wie ehedem. Für irakische Landwirte könnte das ohnehin schon gravierende Problem lebensbedrohlich werden.

Profitieren vom Ilisu-Staudamm werden nach Einschätzung von Beobachtern wohl nur diejenigen, denen der Strom zugute kommt, der dort produziert werden wird. Dass die versprochenen Bewässerungssysteme für die Landwirtschaft tatsächlich angelegt werden, daran bestehen angesichts der Erfahrungen mit vergleichbaren Projekten begründete Zweifel; und selbst wenn, werden sie wohl maximal ortsansässigen Großgrundbesitzern zugänglich sein - und nicht den kurdischen Kleinbauern, die in der Region leben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Juni 2019 um 09:50 Uhr.

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