Die antike Stadt Hasankeyf in der Türkei | Bildquelle: dpa

Umstrittener Staudamm Hasankeyf geht unter

Stand: 10.06.2019 12:27 Uhr

Aller Protest war vergeblich: In der Türkei beginnt nach mehr als 20 Jahren Streit heute die Flutung der antiken Siedlung Hasankeyf. Entstehen wird ein Stausee mit einer Fläche so groß wie München.

Es ist eine der ältesten menschlichen Siedlungen im Zweistromland Mesopotamien: Hasankeyf in der Türkei. Archäologische Funde zeigen, dass hier bereits im Neolithikum, also vor mindestens 8000 Jahren, Menschen gewohnt haben. Später siedelten hier die Römer. In byzantinischer Zeit war Hasankeyf Bischofssitz. Für Reisende ins Morgenland war die antike Stadt ein wichtiger Knotenpunkt.

Das Tal ist ein Anziehungspunkt für Archäologen. Kirchliche Bauten, aber auch tausende Jahre alte Wohnhöhlen gibt es hier zu erforschen. Oder besser: gab. Denn von heute an wird Hasankeyf und seine anthropologischen Schätze langsam aber sicher unter Wassermassen verschwinden.

Heute schließt der Ilisu-Staudamm seine Schleusen und hindert den Tigris daran, weiter zu fließen. Langsam, aber sicher wird sich der Fluss dann an den Mauern des Damms aufstauen und zu einem künstlichen See anwachsen, der mit mehr als 300 Quadratkilometern in etwa eine Fläche haben wird wie München.

Der Tigris bei Hasankeyf/Türkei | Bildquelle: REUTERS
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Noch führt der Tigris bei Hasankeyf wenig Wasser. Nach und nach entsteht hier ein Stausee mit einer Fläche so groß wie München.

Jahrzehntealte Pläne

Die Idee für den Ilisu-Staudamm entstand bereits in den Fünfzigern; die konkreten Planungen beginnen dann vor mehr als 20 Jahren. 1997 beauftragt die türkische Regierung ein internationales Firmenkonsortium mit dem Bau. Doch vom ersten Moment an formiert sich massiver Widerstand. Die Firmen pochen darauf, dass die Türkei Mindestanforderungen erfüllt, was Umsiedlung, Umwelt- und Kulturgüterschutz angeht.

Nach fünf Jahren zieht sich das Konsortium zurück, ein neues wird gebildet. Vertreten sind darin auch deutsche Firmen. 2007 scheint das Projekt einen entscheidenden Schritt nach vorn zu machen: Die Regierungen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz erteilen Exportrisikogarantien, nachdem Ankara zugesagt hat, gewisse Bedingungen hinsichtlich des Naturschutzes und der Umsiedlungen zu erfüllen.

Doch nur ein Jahr später fällen internationale Experten ein vernichtendes Urteil, was die Umsetzung dieser Vorgaben angeht. Die Geldgeber stellen ein Ultimatum, das Mitte 2009 abläuft. Die Staatengemeinschaft zieht sich zurück, und mit ihr auch viele der Baufirmen. Asiatische Konzerne springen ein. Sie brauchen acht weitere Jahre, um den Ilisu-Staudamm fertigzubauen.

Aller Protest vergebens

All die Jahre über ebbte der Protest, der zeitweise sogar international organisiert wurde, nie ab. Bis zum heutigen Tag haben die Gegner des Staudammprojekts es immerhin geschafft, die Flutung des Tals von Hasankeyf aufzuhalten. Doch nun scheint doch alles vergebens. Innerhalb des nächsten Jahres wird der Tigris langsam aber sicher alles schlucken.

Das alte und das neue Hasankeyf (Türkei) | Bildquelle: REUTERS
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Umsiedlung einer antiken Stadt: das alte und das neue Hasankeyf.

Die Bewohner des Tals werden umgesiedelt: Das neue Hasankeyf entsteht einige Kilometer weiter, in einer Höhe, die das Wasser nicht erreichen wird. 710 Häuser wurden gebaut, doch wohnen dürfen dort nur ortsansässige Familien. Für Alleinstehende ohne Angehörige ist keine Bleibe vorgesehen, sie müssen wegziehen. Aber Hasankeyf ist ohnehin stark geschrumpft in den letzten Jahren: Von einst 10.000 Bewohnern sind nur noch 2000 übrig.

Auch Teile der antiken Bauten wurden umgesiedelt. Entstanden ist etwas, das abfällig "Disneyland für alte Monumente" genannt wird. Das Gros der archäologischen Schätze wird unter Wasser verschwinden. Ein Akt der Zerstörung, den Kritiker mit der Sprengung von antiker orientalischer Stätten durch die radikalislamischen Taliban vergleichen.

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"Disneyland für alte Monumente"

Das Grabmal von Zeynel Bey wurde mittels einer fahrbaren Plattform umgesetzt. (Archiv)

Zeynel Bey tomb
Zeynel Bey tomb

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Benachbarten Regionen droht Dürre

Nicht nur für die Menschen vor Ort ist die gigantische Stauvorrichtung ein Problem. Weil der Tigris jenseits des Damms nur noch einen Bruchteil der bisherigen Wassermassen führen wird, droht den dahinter liegenden Regionen Dürre. So auch dem benachbarten Irak, dessen Zweistrom-Ebene zwischen Euphrat und Tigris wegen zahlreicher Staudämme in der Türkei und Syrien schon lange nicht mehr so grün und fruchtbar ist wie ehedem. Für irakische Landwirte könnte das ohnehin schon gravierende Problem lebensbedrohlich werden.

Profitieren vom Ilisu-Staudamm werden nach Einschätzung von Beobachtern wohl nur diejenigen, denen der Strom zugute kommt, der dort produziert werden wird. Dass die versprochenen Bewässerungssysteme für die Landwirtschaft tatsächlich angelegt werden, daran bestehen angesichts der Erfahrungen mit vergleichbaren Projekten begründete Zweifel; und selbst wenn, werden sie wohl maximal ortsansässigen Großgrundbesitzern zugänglich sein - und nicht den kurdischen Kleinbauern, die in der Region leben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Juni 2019 um 09:50 Uhr.

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