Eine Frau betet mit ihren Kindern in einer Kirche in Sri Lanka. | Bildquelle: AP

Nach Anschlägen in Sri Lanka Beten mit und gegen Angst

Stand: 12.05.2019 10:44 Uhr

Drei Wochen sind seit den Anschlägen in Sri Lanka vergangen. Das Militär sieht kaum noch Gefahr, doch die Angst ist geblieben. Das spiegelt sich auch in den ersten Gottesdiensten in Colombo wider.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Südasien

Auf den Straßen in Colombo patrouillieren nach wie vor viele Sicherheitskräfte. Vor allem vor Hotels, Moscheen, Tempeln und Kirchen. Leere Strände, leere Hotelzimmer. Auch drei Wochen nach den islamistischen Anschlägen am Ostersonntag stehen viele Menschen in Sri Lanka noch unter Schock. Trotzdem finden in den meisten Kirchen der sri-lankischen Erzdiözese Colombo ab heute wieder die ersten Sonntagsgottesdienste statt.

"Spüren noch die Angst in uns"

"Wir spüren immer noch die Angst in uns", sagt Lucia Fernando, "aber als ich in die Kirche eingetreten bin, war ich sehr glücklich. Das Glücksgefühl ist gerade größer als die Angst." 

Mehr als 250 Menschen sind ums Leben gekommen bei den Anschlägen vor drei Wochen, mehr als 500 Menschen wurden verletzt. Lucia kannte die Opfer nicht persönlich, aber sie trauert um ihre christlichen Schwestern und Brüder, der Gottesdienst spende ihr Trost.

In einer Sekunde alles verloren

Den kann Pradeep Thushantha seit drei Wochen nicht mehr finden. Weil er Nachtdienst hatte, war der Familienvater nicht mit in den morgendlichen Ostergottesdienst gegangen. Als er seine Familie von der Kirche abholen wollte, hörte er einen lauten Knall.

"Ich bin in die Kirche gelaufen und habe den Körper meiner Frau auf dem Boden liegen sehen. Ich habe ihr Kleid erkannt. Sie hat noch geatmet. Mein Sohn und meine beiden Töchter lagen neben ihr. Meine Kinder, alle tot. Ich habe sie nacheinander umarmt und Gott gefragt: Wie kann es passieren, dass alle meine Kinder, innerhalb nur einer Sekunde, auf einmal nicht mehr am Leben sind?"

Pradeeps Frau starb nur einen Tag später im Krankenhaus. Was bleibt, sind die Fotos von ihr und den Kindern, die Pradeep an der St. Sebastian Kirche aufgehängt hat. Bewacht von Dutzenden Soldaten.

"Menschen können in normales Leben zurückkehren"

Drei Wochen nach den Anschlägen bestehe allerdings kaum noch die Gefahr, dass Islamisten weiter angreifen könnten, sagte diese Woche Sri Lankas Armeechef:

"Wir haben die Situation unter Kontrolle. Die meisten Unterstützer hier im Land haben wir bereits verhaftet. Jetzt untersuchen wir noch, wie es zu den Anschlägen hat kommen können. Wir kümmern uns. Die Menschen in Sri Lanka können wieder zurück in ihr normales Leben."

In den vergangenen Tagen sind an einigen Orten Muslime und Christen aufeinander losgegangen, aber auch die haben die Sicherheitskräfte schnell unter Kontrolle bringen können.

Auch Klassenzimmer bleiben noch leer

Die meisten Menschen in Sri Lanka wollen einfach nur wieder in Frieden leben können, wie sie es eigentlich seit zehn Jahren getan haben. Zuvor hatte es auf der Insel einen Bürgerkrieg gegeben. Mehr als 25 Jahre hatte er gedauert. Morgen sollen die katholischen Schulen im Land wieder öffnen. Die rund 10.000 staatlichen Schulen sind schon seit vergangenem Montag geöffnet, bisher kommen aber nur sehr wenige Schüler zum Unterricht.

Lucia und ihre Nichte sitzen alleine auf einer Bank in der St. Philip Kirche in Colombo, weniger als die Hälfte der Bänke sind überhaupt besetzt. Viele Katholiken scheinen sich noch nicht wieder in ihr Gotteshaus zu trauen.

Drei Wochen später erste Sonntagsgottesdienste
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
12.05.2019 09:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Mai 2019 um 11:00 Uhr.

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