Warteschlange vor einem staatlichen Laden für den Grundbedarf in Colombo (Bild vom 15.09.2021). | EPA

Notstand Sri Lanka in der Dauerkrise

Stand: 28.09.2021 16:01 Uhr

Händler, die sich keine Warenvorräte mehr leisten können und teure Kapitalmarkt-Kredite: Sri Lanka kommt aus der wirtschaftlichen Krise nicht heraus. Der Dauer-Notstand ist auch ein politisches Risiko.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

In Sri Lankas Hauptstadt Colombo verkauft Lebensmittelhändler Balanchandran seit 25 Jahren Reis und Zucker. Jetzt sind seine Vorräte fast aufgebraucht. Nachschub kann er sich nicht leisten: Der Einkaufspreis liegt über dem Verkaufspreis, den die Regierung für Lebensmittel temporär eingeführt hatte - ein Verlustgeschäft für den Händler.

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Nicht nur die Preise für Reis, Zucker, Zwiebeln und Kartoffeln sind gestiegen. Auch Milchpulver, Kerosin und Gas sind knapp. Vor vielen Geschäften bildeten sich zeitweise lange Schlangen.

Sri Lankas Präsident Gotabaya Rajapaksa hatte bereits am 31. August den wirtschaftlichen Notstand erklärt, um - wie es hieß - die rasante Inflation einzudämmen. Die Landeswährung hatte um acht Prozent an Wert verloren. Die Lebensmittelpreise waren rasant gestiegen.

Ein Reishändler wartet in Colombo auf Kundschaft (Foto vom 15.09.2021). | EPA

Warten auf Kundschaft: Viele Bürger auf Sri Lanka kämpfen mit gestiegenen Lebensmittelpreisen - und manche Händler können die Handelspreise nicht mehr erwirtschaften. Bild: EPA

Teure Kredite vom Kapitalmarkt

Muttukrishna Sarvananthan gründete und führt im Norden Sri Lankas das private Point Pedro Institut für Entwicklung. Wenn man die aktuelle Situation verstehen wolle, sagt der Ökonom, müsse man sich Sri Lankas Wirtschaft der zurückliegenden Jahrzehnte genauer ansehen. Die Pandemie habe die ökonomische Lage lediglich verschärft. "Uns gehen die Devisen aus, die Devisenreserven sind erschöpft." Von mehr als 7,5 Milliarden Dollar im Jahr 2019 sind sie auf rund 2,8 Milliarden Dollar im Juli 2021 zurückgegangen.

Seit 2006 besorge sich Sri Lanka zunehmend Darlehen auf dem internationalen Kapitalmarkt, erklärt Sarvananthan - zu Zinssätzen, die wesentlich höher als die für Darlehen von Organisationen wie der Weltbank oder der Asiatischen Entwicklungsbank liegen. "Wir haben viele Kredite aufgenommen; für den Konsum, aber auch für Investitionen wie Autobahnen, einen neuen internationalen Flughafen, einen neuen Hafen. Aber nichts davon wirft Gewinne ab", bilanziert er. "Die großen Investitionsprojekte machen seit mehr als zehn Jahren Verluste."

Zu den neuen Kreditgebern gehörten China und Indien. Diese Länder seien nicht an notwendigen Kontrollen interessiert. Ihr Interesse sei geopolitisch, sagt der Ökonom. Es gehe um ihren Einfluss. So nehme Sri Lanka laufend Kredite auf, um die Darlehen zurückzuzahlen.

Tourismus kam zum Erliegen

Die Selbstmordanschläge auf Hotels und Kirchen im Jahr 2019 und die Covid-19-Pandemie seit 2020 haben die wirtschaftliche Lage Sri Lankas zusätzlich dramatisch verschärft. Durch die Selbstmordanschläge am Ostersonntag 2019 erlebte Sri Lanka einen starken Rückgang des Tourismus, der bis dahin mehr als zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitrug und der drittgrößte Devisenbringer des Landes war. Die Branche kam erst durch die Anschläge und dann durch die Corona-Pandemie fast vollständig zum Erliegen.

Garwin Murray, Direktor des Reiseunternehmens Detroves Travel in Colombo, sah 2019 seinem vielleicht wirtschaftlich besten Jahr entgegen. Seitdem kämpft er um sein Unternehmen. Er hofft, dass seine Kunden wieder auf die Insel kommen: "Für die kommenden Monate sehen wir eine steigende Zahl von Anfragen und Buchungen", erzählt er.

Ein Mann sitzt in einer leerne Markthalle, die wegen eines Corona-Lockdowns in Sri Lankas Hauptstadt Colombo geschlossen hat (Foto vom 10.09.2021). | EPA

Der Faktor Corona: Wegen eines Lockdowns bis weit in den September hinein konnten in Sri Lankas Hauptstadt Colombo viele Geschäfte nicht öffnen - auch diese Markthalle nicht. Bild: EPA

Risiko: Die Macht des Militärs

Die Vereinten Nationen sind wegen des wirtschaftlichen Notstands im Land und der sich verschärfenden Rezession noch aus einem anderen Grund besorgt: Das Militär könnte seinen Einfluss weiter ausbauen, befürchtet die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet. Sie sorgt sich um dessen Einflussnahme auf demokratische Institutionen.

Im Rahmen des Notstands hat Präsident Rajapaksa weitaus mehr Befugnisse: Er kann direkt und ohne Zustimmung des Parlaments in wirtschaftliche und politische Vorgänge eingreifen. Der Ökonom Muttukrishna Sarvananthan teilt die Besorgnis der UN: "Die Gefahr besteht darin, dass für diesen Notstand keine zeitliche Begrenzung vorgesehen ist."

Über dieses Thema berichtete das Erste im "ARD-Mittagsmagazin" am 20. Oktober 2021 um 13:00 Uhr.