In Negombo werden Opfer des Anschlags bestattet. | Bildquelle: AFP

Sri Lanka Trauer, Zweifel und viele Fragen

Stand: 23.04.2019 15:57 Uhr

Nach den Anschlägen von Sri Lanka bleibt weiterhin vieles im Unklaren. Die Regierung spricht von einem "Vergeltungsakt" für Christchurch, die Terrormiliz IS reklamiert die Taten für sich.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Nonnen singen in der Kirche in Negombo, nördlich der Hauptstadt Colombo. Nach und nach tragen Männer Särge auf ihren Schultern hinein. Es ist ein Massenbegräbnis.

Im ganzen Land haben sich am Morgen die Menschen versammelt. Mit drei Schweigeminuten gedenken die Menschen in Sri Lanka der Opfer der Anschläge vom Ostersonntag. Sie halten Kerzen in den Händen und trauern um Freunde, Bekannte, Familienmitglieder.

So wie Sudesh Kolonne. Der Familienvater hat seine Frau verloren und seine Tochter, die fünf Jahre alt war. "Meine Tochter und meine Frau hatten sich so auf die Ostermesse gefreut", erzählt er mit Tränen in den Augen. Kurz vor dem Ende der Zeremonie habe er die Kirche verlassen. "Dann hörte ich diesen lauten Knall. Ich bin wieder rein. Meine Tochter lag da auf dem Boden. Daneben meine Frau", schildert er. "Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Sie lagen einfach da. Beide tot. Das ist das Ende der Geschichte."

Hinweise auf IS-Beteiligung bei Anschlägen von Sri Lanka
tagesschau 20:00 Uhr, 23.04.2019, Sibylle Licht, ARD Neu Delhi

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Ein Land im Schockzustand

So wie Familienvater Kolonne ist das ganze Land im Schockzustand. Dann kommt das mutmaßliche Bekennerschreiben der Terrorgruppe "Islamischer Staat". Die Angreifer seien ihre Kämpfer gewesen, schreiben sie auf ihrer Propagandaseite "Amaq".

Der Vize-Verteidigungsminister von Sri Lanka hatte zuvor im Parlament mitgeteilt, dass die vorläufigen Untersuchungen ergeben hätten, dass es sich bei den Attentaten um "Vergeltung" wegen der Angriffe auf Muslime in einer Moschee vor wenigen Wochen in Neuseeland gehandelt habe. Ein australischer Rechtsextremist hatte in Christchurch 50 Moscheebesucher getötet.

In Sri Lanka sind mittlerweile 40 Menschen von der Polizei festgenommen worden. Sie alle sollen der radikal-islamischen Gruppe National Thowheeth Jama'ath (NTJ) angehören, die bislang kaum in Sri Lanka in Erscheinung getreten war. Die Regierung macht diese Gruppe offiziell für die Anschläge verantwortlich. Die Regierung in Sri Lanka ist davon überzeugt, dass die Täter Hilfe aus dem Ausland hatten.

Vize-Verteidigungsminister Ruwan Wijewarden sprach von Verbindungen zu einer Organisation in Indien, die JMI heißt. Auch die ist bisher kaum bekannt, sie soll im letzten Jahr gegründet worden sein.

Zweifel bei Terrorismusexperten

Der Terrorismusexperte Ajai Sahni hält einige Erklärungen der Regierung in Sri Lanka für nicht ganz schlüssig. Er leitet das Institut für Konfliktmanagement in Neu-Delhi. "Sie sagen, sie hätten auch die Führer der radikalen NTJ festgenommen, ich frage mich, warum die noch in aller Ruhe in Sri Lanka sitzen sollten", sagt er. "Wenn die wussten, was da vor sich geht, wären die doch wohl geflohen." Viele Fragen seien nicht beantwortet. "Aber ganz sicher ist, dass die Selbstmordattentäter aus Sri Lanka selbst stammen, das konnten wir auf Bildern von Sicherheitskameras sehen."

Sahni forscht über Terrorismus in Südasien und ist wie viele Terrorexperten völlig überrascht davon, dass solche islamistischen Terrorakte in Sri Lanka haben stattfinden können:

"Über diese Gruppe NTJ gibt es so gut wie kaum Informationen. Jetzt hören wir, sie seien vielleicht eine Splittergruppe von einer anderen extremistischen Gruppe in Sri Lanka. Aber die NTJ hatte noch nie etwas mit Terror zu tun. Allerdings wissen wir, dass sie radikal sind, eine fundamentalistische Lehre verbreiten und mit Hassreden gegen Buddhisten gehetzt haben."

Die Menschen in Sri Lanka wollen zwar auch Antworten, warum und wie es zu den Taten kam, doch heute steht vor allem die Trauer im Vordergrund. Mehr als 300 Menschen starben bei den Anschlägen.

Vermutlich konnten noch weitere Opfer verhindert werden: Auch ein viertes Hotel war nach Angaben des Premierministers Ranil Wickremesinghe Ziel der Anschläge - dort misslang das Attentat jedoch.

Sri Lanka: Trauer, Zweifel und viele Fragen
Silke Diettrich, WDR Neu-Delhi
23.04.2019 15:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. April 2019 um 14:00 Uhr.

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