Ein Polizist läuft an der zerstörten Zionkirche in Batticaloa vorbei. | Bildquelle: AFP

Anschläge in Sri Lanka Wie plausibel sind Spekulationen über IS?

Stand: 22.04.2019 07:30 Uhr

Bislang gibt es nur Spekulationen darüber, wer für die Anschläge in Sri Lanka verantwortlich ist. Eine davon: Es könne sich um zurückgekehrte IS-Kämpfer handeln. Wie plausibel ist das?

Eine Analyse von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu Delhi

Trauer, Wut und Entsetzen, aber auch Fassungslosigkeit über das Ausmaß und die Grausamkeit dieser Anschlagsserie am Ostersonntag in Sri Lanka. So lässt sich die Stimmungslage zusammenfassen - in Sri Lanka selbst, aber auch in der ganzen Welt. Es gab Solidaritätserklärungen und Beileidsbekundungen aus vielen Hauptstädten rund um den Globus.

Christliche Minderheit und Tourismus im Visier

Rund 290 Tote und mehr als 450 Verletzte hat es gegeben bei der Serie von Bombenanschlägen auf voll besetzte Kirchen während der Ostermesse und auf mehrere Luxushotels in Colombo und außerhalb von Sri Lankas Hauptstadt. Die Täter hatten es ganz offensichtlich darauf abgesehen, möglichst viele Menschen zu töten, und sie hatten bei ihrem Vorhaben ganz offensichtlich die christliche Minderheit in Sri Lanka sowie eine der wichtigsten Branchen des Landes im Visier: den Tourismus.

Wer für die Anschläge verantwortlich war, steht noch nicht fest. Noch gibt es keine offiziellen Hinweise auf die Täter, auch wenn es bereits erste Verhaftungen gegeben hat. Aber es gibt viele Spekulationen.

Ein Mann hält sich die Hand vor die Augen und weint. | Bildquelle: REUTERS
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Die Menschen in Sri Lanka stehen nach den Anschlägen unter Schock. Christen standen bisher kaum im Fokus der Gewalt.

Islamistischer Terror spielte bislang kaum eine Rolle

Eine Spekulation führt in den Bereich islamistischer Terroristen. Es könne sich um IS-Kämpfer gehandelt haben, die nach dem Ende des Krieges in Syrien nach Sri Lanka zurückgekehrt seien, berichteten verschiedene Medien des Landes. Da nach bisherigen Erkenntnissen mindestens zwei der Explosionen von Selbstmordattentätern verursacht wurden, erhält zumindest diese Spekulation eine gewisse Plausibilität.

Islamistischer Terror hat in der Vergangenheit kaum eine Rolle in Sri Lanka gespielt. Möglicherweise hatten die Sicherheitsbehörden diese Gefahr deshalb nicht auf dem Radar. Dabei hat das Land eine lange Geschichte blutiger Gewalt gegen und zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen und Religionsgemeinschaften. Der jahrzehntelange Bürgerkrieg, der im Jahr 2009 zu Ende ging, war geprägt von gegenseitigem Hass zwischen der tamilischen Minderheit und der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit.

Christen oft in einer Art Vermittlerrolle

Seit Jahren heizen radikale buddhistische Mönche immer wieder den Hass auf muslimische und auch christliche Minderheiten an. Im vergangenen Jahr gab eine Welle von Gewalt gegen Moscheen und muslimische Geschäfte.

Die kleine Minderheit der Christen in Sri Lanka war hingegen bislang nie im Mittelpunkt solcher Exzesse. Da die Christen sowohl bei den Tamilen als auch bei den Singhalesen vertreten sind, konnten sie in der Vergangenheit oftmals eine Art Vermittlerrolle einnehmen. Bis heute, bis sie im Mittelpunkt einer der schwersten Anschlagsserie standen, die das Land seit Jahren erlebt hat.

Politik zu lange mit Machtspielen beschäftigt

Sollte sich die Spur zu islamistischem Terror bewahrheiten, dann wäre die Anschlagsserie in Sri Lanka ein Warnsignal für viele andere Länder, in die jetzt ehemalige IS-Kämpfer aus Syrien zurückkehren. Die Gefahr, die von diesen kampferprobten und von Terror geprägten Fanatikern ausgeht, kann leicht unterschätzt werden, nicht nur in Sri Lanka.

Die Regierung in Colombo hat sich in den vergangenen Jahren mehr mit eigenen Machtspielen und der Bekämpfung der politischen Gegner befasst statt mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, der Aufarbeitung des jahrzehntelangen Bürgerkriegs und der Lösung gesellschaftlicher Probleme. Islamistischer Terror wäre ein weiteres Problem, das von heute an ganz oben auf der Tagesordnung der Regierung von Sri Lanka stehen dürfte.

Analyse zu Sri Lanka: Schlimmste Gewalt seit Jahren
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
21.04.2019 18:01 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. April 2019 um 17:08 Uhr.

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