Eine Frau in der Gedenkstätte Potocari in der Nähe von Srebrenica. | EPA

Projekt zum Srebrenica-Massaker Damit niemand mehr den Tätern zujubelt

Stand: 11.07.2021 15:27 Uhr

Auch 26 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica gibt es noch Menschen, die die Gräueltaten leugnen oder relativieren. Eine Sommerschule in der Gedenkstätte Potocari will zur Aufarbeitung beitragen.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Die Gedenkstätte Potocari in der Nähe von Srebrenica. 50 junge Frauen und Männer diskutieren über einen Vortrag, den sie gerade gehört haben. Sie stammen unter anderem aus Bosnien, Serbien, Kroatien und Montenegro. Unter dem Motto: "Wahrheit, Gerechtigkeit, Prävention" reden sie in einer Sommerschule vier Tage mit Experten über den Völkermord von Srebrenica, das schlimmste Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Srdjan Govedarica ARD-Studio Wien

Das jüngste Opfer war ein Neugeborenes

Der 17-jährige Ilija Djuricic aus dem serbischen Bor ist zum ersten Mal in Bosnien: "Ich weiß die grundlegenden Dinge über Srebrenica, die in Serbien nahezu jeder kennt. Ich bin gerade deswegen hier, um mich etwas breiter und detaillierter zu informieren", sagt er.

Die damalige UN-Schutzzone Srebrenica wird im Juli 1995 von serbisch-bosnischen Truppen eingenommen. In den Folgetagen ermorden diese unter Führung von Ratko Mladic mehr als 8000 Bosniaken. Das älteste bekannte Opfer ist ein 94-jähriger Mann, dass jüngste ein neugeborenes Mädchen.

"Diese Menschen haben eine serbische Uniform getragen, mit der serbischen Flagge und unser Staat Serbien hat sie dabei unterstützt und damit tragen wir eine kollektive Verantwortung", sagt der junge Serbe Ilija Djuricic über die Täter. "Mit tut es sehr leid, dass unsere jetzige Regierung hinter dem steht, was sie aber keinesfalls tun dürfte."

"Zweck der Sommerschule ist Vorbeugung"

Velma Saric hat die ungewöhnliche Sommerschule in Srebrenica mitorganisiert. Die 42-Jährige leitet das "Post conflict research center" - eine NGO, die sich mit der Aufarbeitung des Krieges beschäftigt: "Sinn und Zweck der Sommerschule ist Vorbeugung", sagt sie. Es gehe darum, "junge Menschen zu einer Gruppe zusammenzuführen, die davon überzeugt ist, dass es wichtig ist, künftige Verbrechen und Völkermorde zu verhindern - genauso wie die Gefahr, dass es wieder zum Konflikt kommt".

8372 Menschen wurden ermordet, doch nur 58 Täter wurden bislang deswegen verurteilt, ergab eine Untersuchung der NGO von Velma Saric. Die meisten von ihnen vom Jugoslawientribunal in Den Haag. Darunter die Hauptverantwortlichen Radovan Karadzic und Ratko Mladic. Das Tribunal hat seine Arbeit inzwischen eingestellt.

56 Verfahren, die mit dem Kriegsverbrechen zu tun haben

Seit 2013 werden auch vor dem Obersten Gericht in Bosnien und Herzegowina Prozesse wegen Kriegsverbrechen geführt. Ohne die umfangreiche Vorarbeit des Tribunal wäre das kaum möglich gewesen, sagt Mira Smajlovic, Richterin der Kammer für Kriegsverbrechen: "Wären diese Beweise nicht rechtzeitig gesammelt worden - also noch zu der Zeit, als die kriegerischen Handlungen stattgefunden haben - wären sie wahrscheinlich für immer verloren gegangen und hätten später auch nicht verwendet werden können bei Gerichtsverfahren gegen diejenigen, die Kriegsverbrechen begangen haben."

Im Moment arbeitet das Oberste Gericht an 56 Verfahren, die mit Kriegsverbrechen zu tun haben. Eine schwierige Aufgabe, unter anderem deshalb, weil viele Angeklagte auch die Staatsbürgerschaft Serbiens besitzen und sich oft kurz vor dem Urteil absetzten, sagt Richterin Smajlovic.

Eine Frau in der Gedenkstätte Potocari bei der Beisetzung von 19 jetzt erst identifizierten Opfern des Massakers.  | EPA

An diesem Wochenende wurde 19 Opfer des Massakers, die erst vor kurzem identifiziert werden konnten, in der Gedenkstätte beigesetzt. Bild: EPA

"Die Worte der Opfer hören"

Sie ist dennoch überzeugt, dass die verbliebenen Täter auch von Srebrenica vor bosnisch-herzegowinische Gerichte gehören: "An diesen Gerichtsverfahren in Bosnien und Herzegowina kann auch die allgemeine Öffentlichkeit teilnehmen. Ich meine damit vor allem Bürger, die zu den Verfahren kommen und den Aussagen der Zeugen zuhören können. Und so können sie sich selbst überzeugen und unmittelbar die Worte der Opfer hören."

Auch Alek Barovic aus Podgorica hat die Opfer im Sinn. In einer Pause zwischen zwei Vorträgen der Sommerschule in Srebrenica sagt der junge Montenegriner: "Wenn sie Mladics Opfer gefragt hätten, ob sie ihn lieber für 1000 Jahre im Gefängnis sehen würden oder ob sie es lieber hätten, dass diejenigen, die ihm heute noch zujubeln, damit aufhören und etwas lernen - ich glaube sie würden Zweiteres bevorzugen, weil das viel wichtiger ist."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Juli 2021 um 05:21 Uhr.