Migranten verlassen in Decken gehüllt ein Rettungsboot | Bildquelle: picture alliance / Carlos Gil/SO

Fluchtroute nach Spanien Marokkos zweifelhafte Methoden

Stand: 10.07.2019 12:54 Uhr

Im Auftrag der EU erschwert Marokko die Flucht übers Mittelmeer nach Spanien. Tatsächlich nimmt die Zahl der Flüchtlinge ab. Doch der Deal hat fatale Folgen für die Migranten, sagen Menschenrechtler.

Von Marc-Dugge, ARD-Studio Madrid

"Wenn man uns nur lassen würde, wir könnten viel mehr retten", sagt Manuel Capa. Der Gewerkschafter arbeitet für die Seenotrettung im spanischen Valencia. Wenn Marokko oder Spanien in Sachen Migration einen neuen Kurs einschlagen, bekommt er das unmittelbar zu spüren. Und der neue Kurs der spanischen Regierung gefällt ihm überhaupt nicht.  

Laut Seerecht müsse jeder Kapitän Schiffbrüchige aufnehmen, wenn er dazu in der Lage ist, führt Capa aus. Unabhängig davon, in wessen Seegebiet er sich befände.

"Wenn also ein Schiffbrüchiger in der marokkanischen Seenotrettungszone war und Marokko sich nicht um ihn kümmerte, weil es an Mitteln oder vielleicht auch am Willen fehlte, dann haben die Marokkaner es uns erlaubt, in ihre Gewässer zu fahren und den Menschen zu retten."

Das hat sich geändert. Ein neues Protokoll schreibt vor, dass Marokko für seine Zone ausschließlich selbst verantwortlich ist. Die spanische Retter müssen oft außen vor bleiben. Gewerkschafter Capa sagt, was mit den Menschen geschehe, die in marokkanischen Gewässern schiffbrüchig werden, sei nicht nachzuvollziehen. Es bleibe offen, ob sie gerettet und wenn ja, wohin sie verbracht würden.

Nimmt die Regierung Tote in Kauf?

Helena Maleno von der Nichtregierungsorganisation "Caminando Fronteras" geht noch weiter. Sie wirft der spanischen Regierung ein zynisches Spiel vor:

"Wir machen doch im Grunde dasselbe wie Salvini: Wir ziehen uns zurück. Allerdings nicht so offensichtlich. Sicher, wir können die Seenotrettung nicht aus dem Meer abziehen, aber wir nehmen mit den neuen Maßnahmen ein gewisses Risiko in Kauf."

Spanien handle nach dem Motto, diese Route zu schließen, koste was es wolle. Maleno unterstellt der Regierung das Kalkül, dass keiner wegen der Toten protestieren werde.

140 Millionen Euro Hilfsgelder

Die spanische Seenotrettung weist die Anschuldigungen zurück. Im ersten Halbjahr sei die Zahl der registrierten Toten deutlich gesunken. Aktuell sind es 81 Menschen, die es nicht lebend nach Spanien geschafft haben. Im vergangenen Jahr waren es mit 151 noch fast doppelt so viele. 

Tatsache ist, dass Spanien und Marokko in Sachen Migration wieder stärker zusammenarbeiten. Spaniens Regierungschef Sánchez hat sich etwa dafür eingesetzt, dass die Europäische Union Marokko in Sachen Grenzschutz stärker unterstützt. Mit Erfolg: Die EU hat Marokko im Januar insgesamt 140 Millionen Euro an Hilfen dafür zugesagt.

Die Flüchtlinge werden ins Landesinnere verbracht

Und Marokko hat geliefert. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls ein internes Papier der EU-Kommission, das der spanischen Zeitung "El País" vorliegt. Die Unterstützung für Marokko, sowohl von Spanien als auch von der EU-Kommission, seien die Grundlage für die abnehmende Tendenz der Ankünfte, heißt es da. Die marokkanische Regierung stellt ihre Erfolge auch nicht in den Schatten: Die Behörden hätten in diesem Jahr bisher 25.000 Menschen daran gehindert, auf dem Seeweg illegal Spanien zu erreichen, heißt es von offizieller marokkanischer Seite.

Oft geschehe das allerdings mit zweifelhaften Methoden, sagt Said Tbel, Migrationsbeauftragter der Menschenrechtsorganisation Association marocaine des droits humains (AMDH) in Rabat:

"Seit dem vergangenen Sommer hat Marokko wieder auf Methoden zurückgegriffen, die die Rechte der Migranten verletzen."

So wurden viele Migranten an der Küste im Norden Marokkos aufgegriffen und in den Süden verbracht. Es sei für die Menschen immer schwieriger geworden, Marokko in Richtung Spanien zu verlassen. Viele Boote seien gekentert, es gebe seitdem viele Vermisste und Tote. Der Menschenrechtler glaubt, dass sich die Lage mittelfristig noch verschärfen wird. Das marokkanische Innenministerium war für ein Interview kurzfristig nicht zu erreichen.

Marokko, Spanien und die Seenotrettung
Marc Dugge, ARD Madrid
10.07.2019 09:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Juli 2019 um 06:25 Uhr.

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