Inés Madigral  | Bildquelle: AFP

Spanien Das "geraubte Baby", das keines war

Stand: 11.07.2019 22:20 Uhr

Inés Madrigal galt als das berühmteste "geraubte Baby" Spaniens. Sie soll während der Franco-Diktatur ihrer Mutter abgenommen und verkauft worden sein. Nun stellt sich heraus: Sie wurde gar nicht geraubt.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Inés Madrigal spricht von der "besten Nachricht", die jemand in ihrer Situation bekommen kann: Sie hat durch einen DNS-Test ihre biologische Familie wiedergefunden, 32 Jahre nachdem sie erfahren hatte, bei einer anderen Familie aufgewachsen zu sein.

"Meine biologische Mutter lebt nicht mehr", berichtet sie. "Sie hieß Pilar und starb 2013 mit 73 Jahren. Ich habe vier Brüder, die ich schon kennenlernen durfte." Und die haben ihr berichtet, dass die heute 50-Jährige kein "bebé robado" war, kein "geraubtes Baby".

Ihre Mutter habe schon vor der Geburt gewusst, dass sie ihr Kind nicht behalten werde. Madrigals Geschichte bricht damit wie ein Kartenhaus zusammen. Die Geschichte der Frau, die eine Art Vorkämpferin für Hunderte Spanier war, die sich selbst für "geraubte Babys" halten.

Demonstration vor Gericht in Madrid | Bildquelle: AFP
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Bis zu 300.000 "geraubte Kinder" soll es gegeben haben - Inès Madrigal gehört nicht dazu.

"Als würde man einem Kind einen Hundewelpen schenken"

Hunderttausende Kinder sollen während der Franco-Diktatur ihren Eltern abgenommen und verkauft worden sein. Madrigals Fall hatte es als erster vor ein Gericht geschafft. Und die Richter erklärten sie tatsächlich zu einem "bebé robado", sahen den angeklagten Dr. Eduardo Vela als Schuldigen. Er soll den Säugling der Mutter 1969 weggenommen haben. Das Gericht verurteilte den Frauenarzt allerdings nicht, weil der Fall als verjährt galt.

Die Madrider Staatsanwaltschaft bestätigt nun die neuen Erkenntnisse und schreibt in einer Presseerklärung: Madrigal sei freiwillig zur Adoption freigegeben worden. Doch Adoption klinge viel transparenter als das, was geschehen sei, sagt Madrigal. Sie macht Dr. Vela weiterhin schwere Vorwürfe.

"Ich war ein Gefallen, den Dr. Vela jemandem tat. Als würde man einem Kind einen Hundewelpen schenken. Er hat die damaligen Gesetze umgangen, wonach ich einer Behörde hätte übergeben werden müssen, um eine rechtmäßige Adoption einzuleiten."

Gerichte werden genauer hinschauen

Die neuen Entwicklungen stellen die Geschichte der geraubten Babys in Spanien nicht grundsätzlich in Frage. Es dürfte etliche Fälle gegeben haben, das legen Zeugenaussagen und Dokumente nahe. Opferorganisationen sprechen sogar von bis zu 300.000 Fällen in fünf Jahrzehnten. Den Müttern soll häufig erzählt worden sein, ihre Kinder seien nach der Geburt gestorben. In Wahrheit wurden sie weiter verkauft - oft an Familien, die dem Franco-Regime treu waren.

Nun ist klar: Das bisher prominenteste "bebé robado" war gar keines. Sollte es zu weiteren Prozessen gegen Ärzte oder Kliniken kommen, dürften die Richter genauer hinschauen, mehr Beweisstücke einfordern. Beobachter gehen davon aus, dass es Kläger damit schwerer haben könnten, als "geraubtes Baby" anerkannt zu werden.

Spaniens bekanntestes "geraubtes Baby" wurde gar nicht geraubt
Oliver Neuroth, ARD Madrid
11.07.2019 21:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Juli 2019 um 11:51 Uhr und 13:50 Uhr.

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