San Juan de Gaztelugatxe | Bildquelle: Oliver Neuroth

Drehorte in Spanien "Game of Thrones" lockt Touristen an

Stand: 14.04.2019 11:32 Uhr

Millionen Menschen reisen inzwischen an Drehorte. Ein lukrativer Markt - gerade in Spanien: Hier befinden sich zum Beispiel etliche Drehorte der Serie "Game of Thrones", deren letzte Staffel jetzt startet.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Eine graue Mauer schlängelt sich durchs Meer. Sie verbindet die kleine Insel San Juan de Gaztelugatxe mit der Küste. Von weitem sieht die Mauer fast so aus wie der Schwanz eines Drachens, der im Wasser liegt. Fans von "Game of Thrones" brauchen für diesen Vergleich nicht viel Fantasie; denn in der Serie ist die Insel schließlich "Dragonstone", der Familiensitz der Targaryens.

Qi Chuan ist extra hierher gereist, um den berühmten Drehort aus der Nähe zu sehen. Der Chinese studiert in Deutschland, macht aber gerade ein Auslandssemester in Madrid. "Das ist auch eine spezielle Erfahrung, dass man einmal in der Szene ist, die man aus der Serie kennt", freut er sich.

Eine knappe Stunde dauert der Fußmarsch vom Parkplatz runter zur Küste. Es geht über die graue Mauer zur Insel und dort rund 240 Treppenstufen hinauf. Alles wirke hier deutlich kleiner als in "Game of Thrones", sagt Qi. Die großen Bauten, die in der Serie auf der Insel stehen, sind nur Computeranimationen: "Es gibt ein sehr großes Schloss auf der Insel. Aber jetzt sieht man nur eine kleine Kirche. Trotzdem ist es sehr schön hier."

Als hätten die Namensgeber der Insel schon geahnt, dass hier einmal Szenen der erfolgreichsten Fernsehserie der Welt entstehen würden. Das baskische Wort "Gaztelugatxe" heißt nämlich "Burg auf dem Felsen".

San Juan de Gaztelugatxe | Bildquelle: Oliver Neuroth
galerie

In Wirklichkeit steht auf San Juan de Gaztelugatxe nur eine kleine Kapelle. In "Game of Thrones" thront "Dragonstone" auf der Insel.

"Es ist unglaublich!"

Wer an der Glocke der kleinen Kapelle dreimal läutet, darf sich etwas wünschen; außerdem werden böse Geister vertrieben. So eine Sage. Álvaro und Maria sind aus Málaga in Südspanien angereist, um diesen Ort zu besuchen.Sie seien große Fans der Serie und wollten immer schon mal nach "Dragonstone". "Ich finde es toll hier, weil es gerade auch nicht so überfüllt ist. So können wir dieses Erlebnis ganz in Ruhe genießen, es ist unglaublich!"

Tatsächlich kommen im Frühjahr eher wenige Urlauber nach San Juan de Gaztelugatxe, was auch am unberechenbaren Wetter an der spanischen Atlantikküste liegt.

Voller wird es im Sommer. Es sind Zahlen im Umlauf, wonach vor dem "Game of Thrones"-Hype etwa 2000 Besucher im Jahr zu der kleinen Insel kamen; nach den Dreharbeiten 2017 waren es demnach rund 150.000.

Begona Gangoiti | Bildquelle: Oliver Neuroth
galerie

Das Baskenland sei bei Touristen auch ohne "Game of Thrones" immer beliebter geworden, meint Begoña Gangoiti.

Irritation über die Instagramerin

Begoña Gangoiti leitet das Tourismusbüro in Bermeo, der Gemeinde, zu der die Insel gehört. Sie sieht die Filmtouristen kritisch. Vor zwei Wochen habe sie in San Juan de Gaztelugatxe ein junges Mädchen getroffen, "eine Instagramerin wahrscheinlich". Die habe gerufen: "'Oh, schau' mal, da ist Dragonstone!' Ich drehte mich um und sagte: 'Nein, nein! Das ist San Juan de Gaztelugatxe, wo 'Dragonstone' gedreht wurde.' Die Leute müssen lernen, was Fiktion und Realität ist."

Begoña glaubt, dass die gestiegenen Besucherzahlen nicht nur auf "Game of Thrones" zurückzuführen seien. Das Baskenland sei schon seit längerem für Urlauber interessant, erst recht seitdem die Terrororganisation ETA 2011 die Waffen niedergelegt und sich im vergangenen Jahr aufgelöst hat. Wer zum Beispiel das berühmte Guggenheim-Museum in Bilbao besuche, mache auch gerne einen Ausflug an die baskische Küste mit einem Stopp in San Juan de Gaztelugatxe.

Der Küstenort Bermeo hat sich auf die "Game of Thrones"-Gäste eingestellt. Die Wirte im Ort witterten nach den Dreharbeiten ein Geschäft und versuchten, die Serie mit der berühmten Küche der Region zu verbinden, mit Pintxos, den baskischen Tapas.

Die "Game of Thrones"-Darsteller Kit Harington und Emilia Clarke in der achten Staffel | Bildquelle: dpa
galerie

Die achte und letzte Staffel der preisgekrönten Fantasy-Saga wird ab heute in den USA ausgestrahlt. Ab morgen läuft sie auch in Deutschland.

Kneipentour zum Staffelstart

Als 2017 die siebte Staffel der Serie veröffentlicht wurde, starteten die Barbesitzer eine "Game of Thrones"-Pintxos-Route durch den Ort. In jedem Laden gab es eine andere Pintxo, die immer auf einen Charakter der Serie zugeschnitten war. Aus Sicht von Stefan Roesch haben die Menschen in Bermeo alles richtig gemacht, indem sie sich Aktivitäten für die Fans von "Game of Thrones" überlegt haben. Roesch ist Fachmann für Tourismus rund um Serien und Filme. Der Deutsche hat mehrere Bücher zu dem Thema geschrieben und einen Doktortitel in Filmtourismus.

Es reiche nicht aus, ein Reiseziel durch einen Film oder eine Serie zu vermarkten, meint er. Wenn die Fans kommen, wollten sie ein Erlebnis haben, das irgendwie mit der Filmwelt zu tun habe: "Es geht um Produkte, um Erlebnisse vor Ort, die man den Fans bieten kann." Das fehle meistens.

Zum Beispiel Führungen an den Drehorten – idealerweise mit Insidern, die an der Filmproduktion beteiligt waren und erzählen können, was hinter den Kulissen passiert ist. Solche Angebote gibt es zum Beispiel in der katalanischen Stadt Girona und in Sevilla in Andalusien, wo ebenfalls "Game of Thrones"-Szenen gedreht wurden.

Die "Game of Thrones"-Darsteller Maisie Williams, Kit Harington, Sophie Turner und Isaac Hempstead (von links) | Bildquelle: AP
galerie

Maisie Williams, Kit Harington, Sophie Turner und Isaac Hempstead (von links) spielen seit der ersten Folge mit.

"Eine Chance, die Spanien hat"

Spanien habe sich inzwischen gut auf Filmtouristen eingestellt, meint Experte Eugeni Osácar aus Barcelona: "Es ist eine Herausforderung und eine Chance, die Spanien hat. Nämlich ein abwechslungsreiches Angebot für Filmtouristen zu schaffen - und zwar für alle diese Urlauber." Denn nicht jeder erwarte das selbe: Einige wollten allgemein die Stadt sehen, in der ein Film gedreht wurde - andere wollten die Drehorte besuchen und dort Selfies machen, um diese dann in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen.

Im Filmtourismus steckt viel Potenzial. Zusätzliche Gäste können an Orte gelockt werden, die für den klassischen Strandurlauber weniger interessant sind. Für Stefan Roesch sieht der typische Filmtourist so aus: zwischen 19 und 59 Jahren, hohes Einkommen, um an entfernte Orte reisen zu können, kulturell sehr interessiert. Filmtouristen kämen  in ein Land, um es kennenzulernen, und die Drehorte seien sozusagen der Bonus. "Das ist natürlich etwas Emotionales. Das Land wird besucht, die Drehorte individuell bereist. Die Leute haben natürlich eine hohe Affinität zu Filmen und TV-Shows."

Reiseveranstalter bieten aber auch Pauschalpakete für Filmtouristen an, vor allem für "Game of Thrones"-Fans - mit Stopps an allen spanischen Drehorten der Serie. Im Baskenland ist das neben der Insel San Juan de Gaztelugatxe auch die Küste bei Zumaia.

Der Strand Itzurun ist für seine spektakulären Steinformationen berühmt, den sogenannten Flysch: Meterhohe Felswände, die in den verschiedensten Farben schimmern. Die Deutsch-Baskin Jone Karres ist Touristenführerin in der Region und trifft immer wieder auf Serien-Fans. "Game of Thrones"-Fans seien vor allem junge Leute, hauptsächlich Asiaten. "Auch Amerikaner, Australier, eben aus allen Ländern." Und das kam zu lustigen Situationen, weil die Leute sich auch teilweise entsprechend gekleidet haben, um Selfies hier machen zu können. Das war schon spektakulär."

Strand von Zumaia | Bildquelle: Oliver Neuroth
galerie

Auch am Strand von Itzurun wurde gedreht.

"Ein Lotteriegewinn für uns"

An solche Momente erinnert sich auch der Bürgermeister von Zumaia, Oier Korta. An Besuchergruppen aus China oder Südkorea, die gemeinsam in "Game of Thrones"-Verkleidungen den Strand der Gemeinde ablaufen: "Wir müssen schon zugeben, dass der Dreh dieser weltberühmten Serie uns als Ort sehr bekannt gemacht hat. Das war so eine Art Lautsprecher." Klar, das sehe man positiv. "Es war quasi ein Lotteriegewinn für uns, dass die Produzenten Zumaia als Drehort für "Game of Thrones" ausgewählt haben."

So etwas wie kostenlose Werbung. Denn im Internet oder in Prospekten hebt die Stadt nicht hervor, dass an ihrem Strand "Game of Thrones" gedreht wurde. Das Tourismusbüro konzentriert sich ausschließlich auf den Naturpark mit seinen seltenen Steinwänden. "Wer Zumaia nicht kennt, könnte meinen, wir seien ziemlich dumm. Aber wenn Du siehst, was wir hier zu bieten haben, verstehst Du schnell, warum wir diese Strategie fahren." Die Bedeutung dieses Geoparks wolle man  einfach hervorheben.

Die Menschen in den baskischen Orte Zumaia und Bermeo wissen, was sie dem Filmtourismus zu verdanken haben – doch sie wollen nicht darauf reduziert werden. Ihnen ist bewusst, dass Filme und Serien Modeerscheinungen sein können: In 20 oder 30 Jahren redet möglicherweise niemand mehr über "Game of Thrones". Über die Schönheiten der baskischen Küste dagegen wohl schon.

"Game of Thrones" lockt Besucher an
Oliver Neuroth, ARD Madrid
14.04.2019 11:35 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. April 2019 um 07:50 Uhr.

Darstellung: