Eine Medizinische Mitarbeiterin und ein medizinischer Mitarbeiter in Schutzausrüstung im Hospital del Mar in Barcelona, Spanien. | dpa

Pflegepersonal in Spanien Hohe Ansprüche, kaum Stabilität

Stand: 27.12.2021 06:30 Uhr

Durch die Pandemie sind in Spanien Krankenpfleger und -schwestern sehr gefragt. Doch ihre Arbeitsbedingungen sind schlecht. Niedrige Löhne, kaum Vertragssicherheit. Viele wandern aus.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Maria Moreno hat Spaß an ihrem Job. Sie kümmere sich gerne um Kranke, um Ältere, erzählt die 28-Jährige. Doch mit ihren Arbeitsbedingungen als Krankenschwester in Madrid ist sie alles andere als zufrieden.

Oliver Neuroth ARD-Studio Madrid

"Ich arbeite jetzt seit fünf Jahren in dem Job und hatte schon mehr als 25 Arbeitsverträge", sagt sie. "Mal bin ich eingesprungen, weil jemand in einer Klinik seine Arbeitszeit reduziert hat - mal gab es eine Stelle für drei Tage die Woche. Das ist normal im Gesundheitswesen in der Region Madrid. Aber so findet man als junger Mensch natürlich keine Sicherheit."

Ein eigenes Auto, eine eigene Wohnung - für junge Krankenschwestern und -pfleger in Spanien bleibt das oft jahrelang ein Traum. Maria wohnt zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester. "Ich würde gerne von zu Hause ausziehen und mit meinem Partner zusammenleben", so Moreno. "Aber das geht nicht. Sowohl er als auch ich haben Zeitverträge von zwei, drei oder vier Monaten, wenn es hochkommt. Da gibt einem kein Vermieter eine Wohnung."

Unbefristet? Unvorstellbar!

Unbefristete Arbeitsverträge sind für junge Spanierinnen und Spanier in der Krankenpflege unvorstellbar. Und das, obwohl sie für den Beruf eine Universitätsausbildung machen müssen, anders als in Deutschland. Angehende Schwestern und Pfleger studieren in Spanien drei Jahre Pflegewissenschaften, haben danach einen Bachelor und ein medizinisches Wissen, mit dem sie vielen ihrer deutschen Kollegen voraus sind.

"Es ist schon so, dass man manchmal Lust bekommt, Spanien zu verlassen, ins Ausland zu gehen, wo man bessere Verträge als Krankenschwester bekommt, ein besseres Leben hat, durch bessere Arbeitsbedingungen", sagt Moreno.

Die Abwanderung hat Folgen

Tausende spanische Pflegekräfte sind während der schweren Wirtschaftskrise ab 2008 nach Deutschland gegangen. Festanstellungen lockten, dazu Löhne von knapp 30.000 bis etwa 43.000 Euro brutto im Jahr. In Spanien ist das deutsche Einstiegsgehalt meistens schon das maximal mögliche nach vielen Jahren im Beruf. Neben Deutschland war in den vergangenen Jahren auch Großbritannien ein beliebtes Ziel von spanischem Pflegepersonal.

Das Abwandern dieser Fachkräfte macht sich in Spanien deutlich bemerkbar: Auf 1.000 Einwohner kommen nur sechs Krankenpfleger und -schwestern. Der europäische Durchschnitt liegt bei neun. José Luis Cobos, der Vizepräsident des Generalausschusses der Krankenpflegekräfte, nennt die Entwicklung dramatisch.

Er verweist auf Untersuchungen, wonach mehr Patienten in Krankenhäusern überleben, wenn die Quote der Pflegekräfte höher ist. Selbst die Corona-Pandemie hat den spanischen Staat kaum umdenken lassen. Obwohl die aktuelle Regierung aus Sozialisten und Linkspartei Podemos stets betont, das öffentliche Gesundheitssystem stärken zu wollen.

"Sehr schlechte Arbeitsbedingungen"

Immerhin, sagt Elena, auch eine Krankenschwester aus Madrid, gebe es nun Halbjahres-Verträge. Im Vergleich zu den Wochen- oder Monatsverträgen ein Fortschritt: "Die Covid-Verträge geben jetzt ein klein wenig Stabilität, zumindest für die Pandemie-Zeit. Aber grundsätzlich bleibt es dabei: Wir bekommen Horror-Befristungen, so geht man mit seinen Fachkräften nicht um. Es sind wirklich sehr schlechte Arbeitsbedingungen."

Auch die Vereinigung der Pflegekräfte SATSE bestätigt auf Anfrage: Die Lage der Schwestern und Pfleger in Spanien habe sich in den vergangenen Jahren eher noch verschlechtert als verbessert. Dabei habe die Pandemie gezeigt, wie wichtig und unverzichtbar dieser Beruf sei. Krankenschwester Elena befürchtet, dass Auswandern die einzige Möglichkeit bleibt, um im Pflegeberuf voran zu kommen.

Besserung in Sicht?

"Es ist einfach traurig. Ich erinnere mich noch, wie meine Großeltern erzählt haben, dass sie auswandern mussten, weil es in Spanien kaum gute Jobs gab. Und jetzt, 50 Jahre später, ist es eigentlich das gleiche. Das Gastarbeiter-Prinzip. Wirklich traurig."

Aber es könnte Bewegung in den spanischen Arbeitsmarkt kommen. Kurz vor Weihnachten hat sich die Regierung mit den Gewerkschaften auf eine grundlegende Arbeitsmarktreform geeinigt. Details sind bisher nicht bekannt. Aber ein zentrales Element soll sein, dass es weniger befristete Beschäftigungsverhältnisse gibt. So hatte es auch die Europäische Union von Spanien verlangt. Gerade junge Arbeitnehmer in Pflegeberufen können also Hoffnung haben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Dezember 2021 um 05:15 Uhr.