Soldaten der Roten Armee bei der Schlacht um Stalingrad.

Deutscher Überfall auf Sowjetunion vor 75 Jahren Der dunkle Schatten bleibt

Stand: 22.06.2016 14:52 Uhr

Vor 75 Jahren startete die Wehrmacht ihren Überfall auf die Sowjetunion. Stalingrad wurde zum Symbol dieses mörderischen Krieges. Im heutigen Wolgograd sind die dunklen Schatten des Kampfes noch heute zu finden.

Von Bernd Großheim, ARD Studio Moskau

Der 22. Juni 1941 ist ein Tag, an den sich Anatoli Kozlow auch nach 75 Jahren noch erinnert. Erwartet hatten den Krieg alle, sagt er, aber niemand wusste, wann er kommen würde.

Bernd Großheim ARD-Studio Moskau

26 Millionen sowjetische Opfer

Anatoli ist heute 93 und trägt stolz seine mit Orden behängte Uniformjacke. Es scheint, als sei sie in den Jahren größer geworden, als versänke Anatoli in dem Stoff. Die Finger des Veteranen sind schief und krumm, der Vollbart ordentlich gestutzt, der Blick hellwach. Vom deutschen Angriff erfuhr er als 18-Jähriger in der Reifenfabrik, in der er arbeitete.

Göring, Hitler und Keitel über einer Karte zum Russlandfeldzug 1942.

Mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion begann ein neues Kapitel des Zweiten Weltkriegs.

Der Krieg begann an einem Sonntag. Um 3 Uhr startete das "Unternehmen Barbarossa". Bereits wenige Stunden später meldete sich der sowjetische Außenminister Molotow mit einer Botschaft des Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Josef Stalin:

Bürger und Bürgerinnen der Sowjetunion, schließt Eure Reihen noch enger um unsere glorreiche bolschewistische Partei, um unsere sowjetische Regierung, um unseren großen Führer, den Genossen Stalin. Unsere Sache ist gerecht, der Feind wird niedergeschlagen, der Sieg wird unser sein!

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion wird am Ende 26 Millionen Sowjetbürger das Leben kosten. Die Rote Armee und Stalin schienen den deutschen Überfall im Sommer 1941 nicht erwartet zu haben, meint der russische Historiker Alexej Issajew. "Hätte die Sowjetführung etwas gewusst, hätte man mit vielen Militärprogrammen gar nicht erst angefangen, etwa mit der Umrüstung der Armee oder dem Umbau von Flughäfen." Heute ist klar: Es gab Warnungen der sowjetischen Agenten in Berlin, aber Stalin schlug sie in den Wind.

Anatoli Kozlow kämpfte in Stalingrad, für Deutsche und Russen gleichermaßen Symbol dieses mörderischen Krieges. In der Stadt, die heute Wolgograd heißt, wurde um jeden Hauseingang erbittert gekämpft.

Hoffnung zu überleben

40 Kilometer vor den Toren Wolgograds, hat Sergej Beljanski in einem kleinen Häuschen ein Museum eingerichtet. Auch 75 Jahre nach Kriegsbeginn finden er und seine Helfer immer wieder Überreste von Soldaten und Kriegsmaterial. Einen Opel Blitz, die Motorhaube eines Mercedes-Lkw und immer wieder Dominosteine haben sie gefunden. Beljanski konnte sich nicht erklären, warum viele sowjetische Soldaten einen Dominostein in der Tasche hatten. "Dann haben es uns die Veteranen erläutert: Sie haben den Stein mit an die Front genommen, um nach dem Krieg zurückzukehren und das Spiel zu Ende zu spielen", sagt der Museumsleiter.

Soldatenfriedhof Rossoschka bei Wolgograd (Archivbild)

Hunderttausende Soldaten kamen bei der Schlacht um Stalingrad ums Leben.

Neben dem Museum von Beljanski sind zwei Soldatenfriedhöfe. Einer ist sowjetisch. 18.000 gefallene Rotarmisten liegen dort. Auf der anderen Straßenseite ist die deutsche Kriegsgräberstätte. Auf der Mauer rund um einen Grabhügel stehen die Namen von mehr als 55.000 Wehrmachtssoldaten. Direkt daneben sind auf großen Steinwürfeln weitere 120.000 Namen eingraviert. Diese Menschen werden vermisst. Im Tod sind die einstigen Feinde vereint, 75 Jahre nach Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Juni 2016 um 14:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Adelante 22.06.2016 • 21:46 Uhr

@ um 18:08 von Anderson

"Klar sollte man das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen nicht aus den Augen verlieren. Aber die Wertigkeit an der alles hängt, ist nun mal dass wir angegriffen haben." Eben diese 'Wertigkeit' führt dahin, dass es anscheinend Opfer erster und Opfer zweiter Klasse gibt. Der russischen (sowjetischen) Opfer wird vorbehaltlos gedacht, ein sehr wichtiger Gedenktag ist dieser 22. Juni. Damit hätte ich an sich kein Problem. Indes finde ich es problematisch, dass den deutschen Opfern (es ging im anderen Thread um die Kriegsgefangenen) unter Vorbehalt gedacht wird, sie werden sofort in den Kontext 'NS-Diktatur' gestellt. Ausserdem gibt es, im Gegensatz zu Russland u.v.a. Staaten, in Deutschland keinen einzigen Tag, an dem explizit der deutschen soldatischen Opfer der Weltkriege gedacht wird. Auch am dafür vorgesehen Volktrauertag wird definitiv der Zusammenhang mit den Opfern der "Gewaltherrschaft' hergestellt.