Rehabilitationszentrum für ehemalige Al-Shabaab-Kämpfer | Bildquelle: Hoffmann/WDR

Somalia Zweite Chance für Ex-Terroristen

Stand: 15.08.2019 11:58 Uhr

Weite Teile Somalias werden von der Terrororganisation Al-Shabaab beherrscht. Aussteiger riskieren ihr Leben. Ein Rehabilitationszentrum soll ihnen helfen, wieder in die Gesellschaft zurückzukehren.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Ein Haus, irgendwo in Somalia. Wo genau, darf nicht verraten werden - es ist zu gefährlich für die Männer, die in diesem Haus leben. Sie erhalten hier eine Berufsausbildung und sollen wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Die Männer waren Terroristen. Sie haben die islamistische Terrorgruppe Al-Shabaab verlassen und hoffen auf eine zweite Chance.

Ahmed im Rehabilitationszentrum für ehemalige Al-Shabaab-Kämpfer | Bildquelle: Hoffmann/WDR
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Acht Jahre war er bei Al-Shabaab, dann floh er. Ahmed hofft nun auf eine zweite Chance.

Ein neues Leben anfangen

Acht Jahre war Ahmed ein Kämpfer bei Al-Shabaab. Jetzt, mit 24 Jahren, will er ein neues Leben anfangen und für seine Familie sorgen können. Eigentlich heißt er nicht Ahmed, sein richtiger Name, auch ein Bild von seinem Gesicht, sind tabu, zu groß ist die Angst vor einem Vergeltungsschlag der Terrorgruppe.

Flucht ins Rehabilitierungszentrum

"Ich sah, dass sich Al-Shabaab auch gegen die eigenen Leute richtete, und sie töteten Muslime", erzählt er. "Einer stirbt hier, der andere dort. Aber es sind doch meine Leute, mein Volk. Als ich sie sterben sah, entschied ich, niemanden so verletzen zu wollen." Er floh, so wie die 86 anderen Männer ins Rehabilitierungszentrum.

Wiedereingliederung somalischer Ex-Terroristen in die Gesellschaft
Mittagsmagazin, 15.08.2019, Caroline Hoffmann, ARD Nairobi

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Ahmed hat heute Unterricht in Elektrotechnik. Alle Schüler tragen blaue Arbeitsanzüge. Wie funktioniert eine Sicherung? Was brauche ich, damit eine Glühbirne leuchtet? Im Klassenzimmer steht eine einfache Holzwand - an der schrauben und arbeiten die neun Männer mit ihrem Lehrer. Mit dem Teppichmesser zerschneidet Ahmed ein Kabel, um eine Lampe anzuschließen.

Die Ausbildung soll ihm ermöglichen, später diesen Beruf zu ergreifen oder vielleicht einen kleinen Laden zu eröffnen. "Das Wichtigste, was ich lernen muss, ist, wie ich wieder in meiner Gesellschaft leben kann. Hier zeigt man mir, wie ich für mich selbst sorgen kann", erzählt er. 

Rehabilitationszentrum für ehemalige Al-Shabaab-Kämpfer: Wäsche hängt im Hof | Bildquelle: Hoffmann/WDR
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Im Rehabilitationszentrum wollen die Ex-Terroristen lernen, wieder in der Geselschaft zu leben.

Al-Shabaab - seit Jahren in Somalia aktiv

Seit mehr als zehn Jahren ist die Terrorgruppe Al-Shabaab in Somalia aktiv. Sie wollen einen sogenannten Gottesstaat errichten. Immer wieder verüben sie Anschläge, auf die Bevölkerung, die Regierung oder die ausländischen Truppen im Land. Im Juli starben mindestens 17 Menschen bei einem Anschlag in der Hauptstadt Mogadischu, auch der Bürgermeister wurde getötet. Zehn Tage zuvor tötete Al-Shabaab 29 Menschen in der Hafenstadt Kismayo.

Somalia gilt als gescheiterter Staat und ist von Einheit und Frieden weit entfernt. Die radikalislamische Terrorgruppe kontrolliert große Teile im Süden des Landes. In den anderen Teilen haben oft Clans und Warlords das Sagen. Die Afrikanische Union hat Truppen im Land stationiert, die für Sicherheit sorgen sollen, doch das gelingt kaum. Die offizielle Regierung hat nur wenig Macht im Land.

Unnachgiebige Terrorgruppe

"Al-Shabaab bleibt eine große Bedrohung für Somalia“, sagt Rashid Abdi, unabhängiger Analyst für das Horn von Afrika.

"Sie verlieren zwar Territorium und werden verstärkt von den USA mit Drohnen attackiert, aber die Gruppe bleibt unnachgiebig. Sie passt sich an und ist tödlicher denn je. Al-Shabaab schafft es, Clans zur Unterstützung zu zwingen, erhebt eigene Steuern in den Städten, auch in denjenigen, die von der Regierung kontrolliert werden."

Al-Shabaab heißt übersetzt die "Jugend". Ahmed schloss sich aus religiösen Gründen an, sagt er. "Der Grund war mein Glaube. Als ich jung war, studierte ich intensiv meine Religion und wollte nichts anderes." Eine Studie des UN-Entwicklungsprogramms von 2017 kommt zum dem Schluss, dass vor allem die Armut und die Chancenlosigkeit im eigenen Land junge Männer in die Arme der Terrorgruppen treibt. Al-Shabaab gibt ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl - und die Gruppe zahlt ihnen Lohn.

"Nie wieder auf den falschen Weg gelangen"

Im Rehabilitierungszentrum rollt am Nachmittag der Ball. Nicht auf staubigem Boden, sondern dafür gibt es sogar einen Platz mit Kunstrasen. Die Männer sind begeistert dabei. Neben Kenntnissen in Elektrotechnik lernen die ehemaligen Kämpfer auch Häuser zu bauen, oder zu nähen. Außerdem bekommen sie psychologische Unterstützung. Aber vor allem die Gemeinschaft sei es, die ihnen helfe, ihr Trauma zu überwinden. "Wir können gemeinsam über unsere vielen Fehler sprechen“, erzählt Isa (Name geändert). Er war fünf Jahre bei Al-Shabaab. "Wir können uns gegenseitig beraten, wie wir nie wieder auf den falschen Weg gelangen."

Nähklasse im Rehabilitationszentrum für ehemalige Al-Shabaab-Kämpfer | Bildquelle: Hoffmann/WDR
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Die ehemaligen Kämpfer lernen in den Zentrum auch zu nähen.

Rehabilitierung mit Risiken?

Doch wollen die ehemaligen Kämpfer die Terrorgruppe wirklich verlassen, oder geben sie es nur vor? Rashid Abdi warnt, Rehabilitierung habe grundsätzlich auch Risiken. "Die Sicherheitskrise in Somalias Hauptstadt Mogadishu ist in Teilen auch darauf zurückzuführen, auf welch ungeordnete Weise Ex-Kämpfer in offizielle Sicherheitsorgane aufgenommen wurden“, erklärt er.

Wie ist es in diesem Zentrum? Damit es kein Risiko gebe, würden die Männer für dieses Programm überprüft, erklärt Matthew DeCristofano von der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Die IOM unterstützt das Rehabilitierungszentrum:

"Es gibt Kämpfer, von denen ein hohes Risiko ausgeht und welche, mit niedrigem Risiko. Sie alle werden von den Sicherheitskräften individuell überprüft. So wie diese jungen Männer, die geflohen sind. Für sie gibt es eine Amnestie und sie bekommen hier Hilfe."

Und die Frage der Integration der ehemaligen Kämpfer sei auch unerlässlich für einen zukünftigen Frieden im Land. "Diese jungen Männer haben sich der Regierung ausgeliefert", sagt DeCristofano. "Sie suchen eine zweite Chance. Diese Programme sind entscheidend, damit es eine Grundlage für einen Friedensprozess, eine Aussöhnung und Stabilität im Land gibt."

Im Unterricht bringt die Gruppe der ehemaligen Kämpfer gerade den Lichtschalter an. Ein Klick. Erleichterung. Die Glühbirne brennt. Auch Ahmed hofft, dass sein Land einen Weg zum Frieden findet:

"Für Somalia hoffe ich auf eine einheitliche Regierung. Und für mich wünsche ich mir, etwas für mein Land und meine Leute tun zu können.“

Ahmed ist fest entschlossen, aber vor ihm und den anderen liegt noch ein schwieriger Weg.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Oktober 2015 um 18:40 Uhr.

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