Interview

Interview mit ARD-Korrespondent Schreiber Zwischen den Fronten: Schwarze Afrikaner in Libyen

Stand: 09.03.2011 20:42 Uhr

Schwarze Afrikaner in Libyen stehen dort unter Generalverdacht, als Söldner für Gaddafi zu kämpfen. Tatsächlich sind einige bei der gefürchteten Polizei im Einsatz, berichtet ARD-Korrespondent Peter Schreiber im tagesschau.de-Interview. Doch viele Gastarbeiter würden nun zu Unrecht schikaniert.

tagesschau.de: Gibt es tatsächlich Söldner aus Ländern südlich der Sahara, die auf Seiten Gaddafis kämpfen?

Schreiber: Es gibt ehemalige Armeeoffiziere aus Ländern südlich der Sahara, die seit Jahren als Berater und Ausbilder für Gaddafi arbeiten. Das sind häufig pensionierte Offiziere - unter anderem aus Kenia, Ghana, Mali - die die Infanterie und vor allem auch die Polizeieinheiten in Libyen trainiert haben.

tagesschau.de: Das sind aber nicht die Männer, die gegen die Aufständischen eingesetzt wurden.

Schreiber: Unter den libyschen Polizisten gibt es viele schwarze Afrikaner aus den Subsahara-Ländern. Sie sind untergebracht in Kasernen, sie sind schlecht bezahlt, sie machen einen Job, der für die meisten Libyer nicht sonderlich attraktiv ist. Zum Teil kommen die Polizisten aus dem schwarzen Süden Libyens oder sie wurden schon vor geraumer Zeit in den südlichen Nachbarländern - Tschad, Mali, Niger, also der Sahelzone - angeheuert.

Bei den Kämpfen - zum Beispiel in Bengasi im Osten Libyens - wurden vor allem diese schwarzen Polizeieinheiten eingesetzt. Sie sind für ihre sehr brutale Vorgehensweise berüchtigt. Und das hat viele Gastarbeiter mit schwarzer Hautfarbe dem Verdacht ausgesetzt, sie wären Teil dieser Polizeibataillone.

Aufständische führen diesen Mann aus dem Tschad ab.
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In Marj wird dieser Mann von Aufständischen abgeführt: Sie halten ihn für einen Kämpfer aus dem Tschad.

Ein Ghanaer beim Übertritt nach Tunesien
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Ein Ghanaer beim Übertritt nach Tunesien: Ohne Papiere - mit kaum Gepäck - erreichte er nach seiner Flucht die Grenze.

tagesschau.de: Seit wann werden diese Polizeikräfte bereits angeworben?

Schreiber: Ich habe keine genauen Zahlen dafür, aber die letzten fünf Jahre läuft das mit Sicherheit schon.

Alte Seilschaften zwischen Tuareg und Gaddafi

tagesschau.de: Stimmt es, dass Tuareg aus Mali, Niger, Algerien und Burkina Faso in Libyen im Einsatz sind?

Schreiber: In der vergangenen Woche gab es Meldungen, Gaddafi habe 800 Tuareg aus dem Norden der Sahelzone angeheuert. Ich habe mit vielen Leuten in der Region gesprochen - mit Regierungsbeamten, Botschaftsangestellten und anderen, die sich gut auskennen - und habe keine Bestätigung für diese Angaben erhalten.

Flüchtlinge aus Libyen
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Schwarzafrikaner zwischen den Fronten: Sie wollen Libyen möglichst schnell verlassen.

Aber: Es ist durchaus möglich. Die Tuareg in Algerien und Mali zum Beispiel haben jahrelang um größere Selbstständigkeit gekämpft und sind damals von Gaddafi unterstützt worden, auch mit Waffenlieferungen. Es könnte also sein, dass sie trotz Friedensschluss und teilweiser Entwaffnung heute wieder für Gaddafi aktiv sind.

Doch selbst wenn das so ist, ist der Einsatz der Tuareg in Libyen bestimmt nicht kriegsentscheidend. Gaddafi verlässt sich bei den Angriffen auf die Aufständischen auf seine Luftwaffe und Eliteeinheiten.

tagesschau.de: Wie könnte das Rekrutieren der Tuareg denn abgelaufen sein?

Schreiber: Zwischen Libyen, Niger, Algerien und Mali gibt es keine regulären Grenzen. Die Tuareg bewegen sich frei zwischen diesen Ländern hin und her und natürlich gibt es Kontakte und Beziehungen über die Landesgrenzen hinweg.

Karte: Afrika
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Karte: Afrika

Hexenjagd auf Schwarzafrikaner

tagesschau.de: Sie sagten ja bereits, dass Schwarzafrikaner in Libyen besonders harten Repressionen ausgesetzt seien. Wie ist die Situation der schwarzafrikanischen Flüchtlinge in Libyen?

Schreiber: Die schwarzafrikanischen Flüchtlinge stehen unter Generalverdacht, dass sie zu den Polizei-Kohorten Gaddafis gehören. Zum Beispiel in Städten wie Bengasi, in denen die Aufständischen das Sagen haben, waren sie einer regelrechten Hexenjagd ausgesetzt, hat man mir gesagt.

tagesschau.de: Wer hat Ihnen das gesagt?

Schreiber: Rückkehrer haben erzählt, dass sie tagelang nicht das Haus verlassen konnten, dass sie das Trinkwasser  in Satellitenschüsseln sammeln mussten, weil sie sonst verdurstet wären, dass sie beschimpft, bespuckt und mit Steinen beworfen wurden.

Diejenigen, denen die Flucht geglückt ist, haben praktisch alles verloren. Sie erzählen, wie die Aufständischen ihnen all ihr Geld und sonstige Habseligkeiten abgenommen haben. An den Straßensperren von Gaddafis Leuten ist ihnen das Gleiche passiert. Das heißt die Schwarzafrikaner in Libyen stehen zwischen allen Fronten, und Zehntausende befinden sich immer noch im Land und kommen nicht raus.

Afrikanische Union wartet ab

tagesschau.de: Können Sie die Haltung in den schwarzafrikanischen Ländern gegenüber Gaddafis Regierung einschätzen?

Schreiber: Die sind sehr vorsichtig, Stellung zu beziehen. Gaddafi hat sich, nachdem sich die arabische Welt von ihm abgewandt hat, auf die Länder südlich der Sahara konzentriert. Er ist der große Geldgeber und Gönner. Ohne ihn wäre auch die Afrikanische Union, der Zusammenschluss aller afrikanischen Länder, praktisch zahlungsunfähig. Deshalb halten sich die Regierungschefs in den schwarzafrikanischen Ländern zurück und warten erst einmal ab, wie der Machtkampf in Libyen ausgeht.

Das Interview führte Nea Matzen, tagesschau.de

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