Gedenkstätte in Sobibor | AP

Hintergrund Sobibor - der direkte Weg in den Tod

Stand: 30.11.2009 13:30 Uhr

Unberührtes Land, ein dichter Wald und weite Wiesen: Sobibor ist heute ein Naturparadies. Ein Spaziergang durch die vor drei Jahren angelegte Gedenkallee verrät nichts über die schrecklichen Nazi-Verbrechen, die hier begangen wurden. Die Allee rekonstruiert den Weg, den die Gefangenen von der Rampe am Bahnhof bis zu den Gaskammern gehen mussten.

Ludger Kazmierczak ARD-Studio Warschau

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Hörfunkstudio Warschau

Es war ein direkter Weg in den Tod, denn anders als in den Konzentrationslagern wurden in Sobibor so gut wie keine Arbeitskräfte gebraucht, erklärt der Historiker Marcin Urynowicz. "Die Leute kamen sofort in die Gaskammern und wurden ermordet. Nur ganz wenige ließ man nach den Selektionen als Arbeiter am Leben. Wie Tomasz Blatt, der jetzt als Zeuge im Demjanjuk-Prozess aussagen soll. Einer der Henker hat ihn aus der Menge herausgepickt, weil er so tüchtig aussah." 

Gedenkstätte in Sobibor | AP

Gedenkstätte in Sobibor Bild: AP

Tomasz Blatt hat als einer von wenigen die Hölle von Sobibor überlebt. Anders als seine Eltern und sein sechs Jahre jüngerer Bruder. "Wenn meine Mutter, mein Vater oder mein Bruder einen Tag vor dem Transport nach Sobibor ums Leben gekommen wären - warum auch immer - dann wäre das eine Tragödie für mich gewesen und ich hätte mich zu Tode geweint", sagt Blatt. In Sobibor habe er "innerhalb von einer Minute meine ganze Familie verloren, und ich habe nicht geweint".

In die Gaskammern getrieben

Trawniki-Männer hätten die Gefangenen mit Schlägen und Bajonettstichen in die Gaskammern getrieben, erinnert sich der 82-Jährige, der eigens für den Demjanjuk-Prozess aus seiner Wahlheimat Kalifornien nach München gereist ist. Trawniki, so wurden die Kriegsgefangenen aus Russland und der Ukraine genannt, die von der SS im gleichnamigen Dorf bei Lublin zu Wächtern für die Vernichtungslager ausgebildet wurden.

"Ja, sie waren Täter", sagt Marcin Urynowicz, doch zugleich seien sie als Gefangene auch Opfer der Deutschen gewesen. "Sie waren nur Werkzeuge in den Händen der Deutschen", so Urynowicz. "Sie hatten keine Möglichkeit, die Befehle zu verweigern. Denn dann wären sie selbst erschossen worden. Andererseits wurden sie nicht wie Häftlinge behandelt. Sie gehörten zur Belegschaft, sie besaßen sogar Waffen."

Adolf Eichmann (undatierte Aufname)

Adolf Eichmann war Leiter der Dienststelle "Endlösung der Judenfrage".

"Grausamkeiten dürfen nicht anonym bleiben"

John Demjanjuk ist nach Auffassung der Ankläger ein Trawniki-Mann gewesen. Es sei richtig und wichtig, dass ihm auch nach so vielen Jahren noch der Prozess gemacht wird, sagt Marek Bem, der Direktor des Sobibor-Museums, das nicht nur die Erinnerung an die Opfer wach hält, sondern auch wissenschaftliche Forschungsarbeit leistet.

"Die Grausamkeiten, die sich hier abgespielt haben, dürfen nicht anonym bleiben", fordert Bem. Deshalb sei "es gut, dass über Sobibor immer noch gesprochen wird. Im Fall Demjanjuk ist es ein Gerichtsprozess und es steht nicht in meiner Macht, ihn für schuldig oder unschuldig zu erklären. Ich kann nur die Tatsachen beisteuern. Und alles deutet darauf hin, dass es hier einen Mann namens Demjanjuk gegeben hat", sagt der Direktor. Aus den Dokumenten gehe "sogar eindeutig hervor, dass hier ein Iwan Demjanjuk der SS als Wachmann und Helfer gedient hat".

Prozess gegen Demjanjuk

Ein Mann zeigt vor dem Gerichtsgebäude in München ein Foto seiner Großeltern. Sie wurden im KZ Sobibor ermordet.

Holocaust-Leugner zum Schweigen bringen 

Demjanjuk müsse vor Gericht die Wahrheit sagen, sagt Tomasz Blatt. Es geht dem Sobibor-Überlebenden dabei weniger um eine Verurteilung des 89-jährigen Angeklagten, sondern darum, die Holocaust-Leugner zum Schweigen zu bringen. Blatt, der im Lager ein halbes Jahr lang zur Arbeit gezwungen wurde, kann über Demjanjuk konkret nichts sagen. Er sei ihm bewusst nie begegnet. Aber dass er ein Trawniki gewesen sei, sage genug über ihn aus, so der Zeitzeuge.

In seiner Erinnerung waren sie alle brutal und skrupellos. "Vielleicht war unsere Arbeit nicht besonders hart, aber der Terror war unvorstellbar", berichtet Blatt. "Für alles wurde man bestraft. Wenn du vor denen die Mütze nicht gezogen hast, dann wurdest du sofort erschossen. Das war ein potemkinsches Dorf, eine Falle." 

Von außen machte Sobibor tatsächlich nicht den Eindruck einer Hinrichtungsstätte. Die wenigsten Gefangenen gerieten in Panik, als sie das Lager erreichten. Alles wirkte hell und freundlich, sagt Marcin Urynowicz vom Institut für Nationales Gedenken in Warschau. "Es sah aus wie eine schöne Siedlung im Wald mit Wohnbaracken. Alles verlief ganz ruhig und zivilisiert", so Urynowicz. "Die Gefangenen wurden zumeist auch ganz anständig behandelt. Als sie sich ausziehen mussten hieß es, sie würden lediglich desinfiziert."

Dienstausweis von Iwan "John" Demjanjuk

Der Dienstausweis von Iwan "John" Demjanjuk, in dem u.a. eingetragen ist: "27.3.43 Sobibor": Das ist der Tag der Ankunft des Wachmannes Demjanjuk im Vernichtungslager Sobibor.

Nazis wollten alle Spuren beseitigen 

Vermutlich 250.000 Juden und Roma sind in Sobibor ermordet worden. Ihre Leichen wurden auf großen Stahlgerüsten verbrannt, die Asche wurde danach vergraben. Erst im Jahre 2001 sind diese Gruben entdeckt worden. Und vor zwei Wochen stießen die Archäologen bei Ausgrabungen auf Hinweise, die auf den genauen Standort der Gaskammern schließen lassen. Dabei hatten sich die Nazis bei der Zerstörung des Lagers bemüht, alle Spuren zu beseitigen. Sogar neue Bäume haben sie gepflanzt - dort, wo vorher die Baracken standen.

Die Deutschen seien mit viel Kalkül und System vorgegangen, sagt Urynowicz. Bei allem Verständnis für den Wirbel um Demjanjuk ärgert es den jungen Historiker daher, dass die meisten Hauptverantwortlichen für die Judenvernichtung glimpflich davon gekommen sind. "Die deutschen Besatzer, denen eine Beteiligung an der Ermordung Tausender Opfer nachgewiesen werden konnte, wurden von deutschen Gerichten häufig freigesprochen oder sie sind zu lächerlich geringen Haftstrafen von drei, vier oder maximal acht Jahren verurteilt worden, was juristisch natürlich eine Farce ist", sagt Urynowicz. "Wir kennen jetzt die ukrainischen Henker und vergessen die wahren Erfinder dieses Lagers, also die wahren Verbrecher. Natürlich haben sich die Trawniki mitschuldig gemacht, aber sie haben sich das nicht ausgedacht. Sie waren nur Teil des Systems."

Aufstand gegen die SS

Zur Auflösung des Camps kam es nach einem spektakulären Aufstand der Gefangenen am 14. Oktober 1943. Dabei gelang 365 Lagerinsassen die Flucht - unter ihnen Tomasz Blatt und Filip Bialowicz, der voraussichtlich im Januar als Zeuge im Demjanjuk-Prozess zu Wort kommen wird. Bialowicz erinnert sich: "An diesem Tag passierte ein Wunder. Ein Transport mit deutschen Juden war gerade angekommen und einer der Neuankömmlinge wurde zum Anführer des Aufstands bestimmt. Sie haben elf SS-Leute und auch ein paar Trawniki erschossen. In Sobibor habe ich damals für eine bessere Zukunft gekämpft."

Holocaust-Gedenkmarsch in Polen

Holocaust-Gedenkmarsch in Polen: "Wir wollen sie nicht vergessen"

"Wir wollen sie nicht vergessen"

"Wir wollen sie nicht vergessen", steht auf einer der Gedenktafeln im Wald von Sobibor. Dass die Erinnerung an diesen zentralen Schauplatz der systematischen Judenvernichtung nicht verblasst, haben sich Marek Bem und seine Museumsmitarbeiter zur Aufgabe gemacht. "Der Prozess gegen Demjanjuk wird unsere Arbeit unterstützen", sagt Bem, dem ein Urteil weniger wichtig ist als allein die Tatsache, das über Sobibor gesprochen wird.

"Unsere Mission war und ist es, der Welt mitzuteilen, was wir über Sobibor wissen", betont Bem. "Das war auch die Mission der Häftlinge, denen es gelang, zu überleben. Viele von ihnen haben ihr ganzes Leben damit verbracht, die Wahrheit über Sobibor zu verbreiten. Und einige tun das bis heute. Wir haben versucht, ihnen dabei zu helfen. Wir tun es auch, um der Opfer zu gedenken."