Premierministerin Theresa May | Bildquelle: REUTERS

Fall Skripal Eine beispiellose Gemeinschaftsaktion

Stand: 27.03.2018 00:49 Uhr

Mehr als 20 Staaten haben russische Diplomaten ausgewiesen. Die Länder sehen Moskau hinter dem Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Skripal in Großbritannien. Russland reagierte empört und drohte mit Vergeltung.

Die britische Premierministerin Theresa May hat sich zufrieden über die Unterstützung aus dem Ausland nach dem Giftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal gezeigt. Nach den Ankündigungen von 20 Ländern, ebenfalls russische Diplomaten auszuweisen, sagte May im britischen Parlament:

"Zusammen haben wir die Botschaft gesendet, dass wir Russlands fortgesetzte Versuche, sich über internationales Recht hinwegzusetzen und unsere Werte zu unterminieren, nicht tolerieren."

In einer bislang beispiellosen Gemeinschaftsaktion wurden mehr als 100 russische Diplomaten und Geheimdienstmitarbeiter ausgewiesen. Innerhalb von sieben Tagen müssen sie das jeweilige Land verlassen. May stellte fest, es handle sich um die größte Aktion dieser Art in der Geschichte. Zuvor hatte Großbritanniens Außenminister Boris Johnson von einer "außergewöhnlichen internationalen Reaktion unserer Verbündeten" gesprochen.

Ausweisungen russischer Diplomaten im Fall Skripal
tagesthemen 22:15 Uhr , 26.03.2018, Uli Meerkamm, ARD Berlin

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16 EU-Länder beteiligt

Auf ihrem Gipfel am Freitag hatten die EU-Staaten Russland als Verantwortlichen für den Giftanschlag in Südengland benannt. Die 28 EU-Regierungen verurteilten in einer Erklärung den Anschlag "in schärfster Weise". Nun entschlossen sich 16 EU-Länder, russische Diplomaten auszuweisen, zuletzt auch Ungarn. Weitere Maßnahmen könnten folgen, erklärte EU-Ratspräsident Donald Tusk.

Deutschland entschied, vier russische Mitarbeiter nach Hause zu schicken. "Nach dem Giftanschlag von Salisbury trägt Russland noch immer nicht zur Aufklärung bei", begründete das Auswärtige Amt den Beschluss:

"Die Ausweisung der vier Diplomaten ist ein starkes Signal der Solidarität mit Großbritannien und signalisiert die Entschlossenheit der Bundesregierung, Angriffe auf unsere engsten Partner und Alliierten nicht unbeantwortet zu lassen."

Bundesaußenminister Heiko Maas hob hervor, die Entscheidung sei "nicht leichtfertig" getroffen worden. "Aber die Fakten und Indizien weisen nach Russland."

USA weisen 60 Diplomaten aus

Auch fünf Nicht-EU-Staaten schlossen sich an. Die USA allein verwiesen 60 russische Geheimdienstmitarbeiter des Landes. Zwölf von ihnen sind laut Weißem Haus bei den Vereinten Nationen in New York stationiert. Betroffen von den Ausweisungen seien russische Agenten, die in hohem Maße damit beschäftigt seien, "aggressiv Informationen zu sammeln", hieß es weiter vonseiten der US-Regierung.

Zudem verfügte US-Präsident Donald Trump die komplette Schließung des russischen Konsulats in Seattle. Dieses werde für Spionageaktivitäten gegen eine nahe gelegene U-Boot-Basis sowie gegen die Fabrik des Flugzeugherstellers Boeing genutzt, hieß es zur Begründung.

Diese Länder weisen russische Diplomaten aus

EU-Staaten:
Deutschland, Frankreich, Polen: 4
Litauen, Tschechien: je 3
Dänemark, Italien, Niederlande, Spanien: je 2
Estland, Finnland, Irland, Lettland, Kroatien, Schweden, Rumänien, Ungarn: je 1

Großbritannien hatte die Ausweisung von 23 Diplomaten angeordnet.

Staaten außerhalb der EU:
USA: 60
Kanada: 4
Ukraine: 13
Albanien, Australien: je 2
Georgien: 1
Norwegen: 1

Moskau denkt an Vergeltung

Die Giftattacke hatte bereits zu diplomatischen Verwerfungen zwischen Großbritannien und Russland geführt. Beide Länder ordneten bereits vor Tagen die Ausweisung von 23 Diplomaten des jeweils anderen Landes an.

Auf die solidarische Aktion der vielen anderen Länder reagierte Moskau nun empört. Der Sprecher von Kremlchef Wladimir Putin, Dmitri Peskow, kündigte Gegenmaßnahmen an. Russland werde voraussichtlich in gleichem Maße auf die Ausweisungen reagieren, sagte er. Das Außenministerium werde die Lage analysieren und Putin einen Vorschlag vorlegen. Beim Präsidenten liege dann das letzte Wort.

Das russische Außenministerium erklärte, die Verbündeten Großbritanniens folgten "blind dem Prinzip euro-atlantischer Solidarität". Dies widerspreche dem gesunden Menschenverstand und verstoße gegen die Normen zivilisierten internationalen Dialogs und gegen internationales Recht.

Die Ausweisungen haben erste wirtschaftliche Folgen. der Rubel geriet unter Druck. Der Eurokurs stieg auf bis auf 71,05 Rubel, nachdem er zuvor bei 70,70 Rubel notiert hatte. Auch der US-Dollar legte zu. Der russische Aktienmarkt gab etwas nach.

May: Möglicherweise 130 Menschen Nervengift ausgesetzt

Moskau wies bis jetzt jegliche Schuld an dem Angriff auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal zurück. Bei dem Anschlag im britischen Salisbury waren Skripal und seine Tochter am 4. März schwer vergiftet worden. Die Täter nutzten dabei nach derzeitigem Ermittlungsstand den in der früheren Sowjetunion entwickelten Kampfstoff Nowitschok. Beide befinden sich weiter im Koma. Ärzte bezeichnen ihren Zustand als ernst, aber stabil. Premierministerin May wies jedoch darauf hin, er sei "unwahrscheinlich, dass sich an deren Zustand in naher Zukunft etwas ändern wird, und es kann sein, dass sie sich nie vollständig erholen."

Durch den Gift-Anschlag könnten May zufolge mehr als 130 Menschen dem verwendeten Nervengift ausgesetzt worden sein. Demnach haben die britischen Behörden Informationen, wonach Russland in den vergangenen zehn Jahren Forschungen zum Einsatz von Nervengiften anstellte. Wahrscheinlich sei es dabei um Tötungen gegangen, sagte May.

Nervengift Nowitschok

Die Sowjetunion hat unter der Bezeichnung Nowitschok (zu deutsch Neuling) zwischen den 1970er- und 1980er-Jahren eine Serie neuartiger Nervenkampfstoffe entwickelt. Die rund 100 Varianten gehören zu den berüchtigsten Nervenkampfstoffen, die jemals hergestellt wurden. Sie können über die Haut und die Atmung in den Körper gelangen.

Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen der Opfer sind gering. Selbst übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten. Die englische Schreibweise der Kampfstoffe lautet Novichok.

In Salisbury soll noch in dieser Woche mit der Dekontamination einiger Gebäude begonnen werden. Davon sind auch das Restaurant und der Pub betroffen, in dem sich Skripal mit seiner Tochter Julia am Tag des Attentats aufgehalten hat, wie der Fernsehsender Sky News berichtete. Es handelt sich nach Angaben der Polizei um eine reine Vorsichtsmaßnahme; die Öffentlichkeit sei nicht in Gefahr.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. März 2018 um 20:00 Uhr.

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