Tenor Rickard Söderberg

Ungewöhnliche Aktion in Schweden Singen gegen Schwulenhetze

Stand: 02.06.2018 12:40 Uhr

Wie kann man dumpfer Homophobie in hasserfüllten Zuschriften begegnen? Das Konzerthaus im schwedischen Helsingborg fand eine sarkastische Antwort: Der Text eines Briefes wird als Kantate aufgeführt.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

So ganz ohne Räuspern geht es dann doch nicht. Kein Wunder bei dem Text: "Warum darf das Kulturhaus Dunkers uns diesen Schwulenkram aufzwingen?" Es singt der schillernde Rickard Söderberg, in Schweden ein Startenor und nicht nur nebenbei auch Aktivist der Bewegung für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen (LGBT). Söderberg probt die Kantate "Schwulenzug". Die Worte sind aus einem Brief voller Hass auf Homosexuelle, den ein anonymer Schreiber an das Konzerthaus in Helsingborg geschickt hatte.

Beschwerde über "Schwulenkram"

Der Brief war ein für das grundliberale Schweden komplett unmöglicher Protest gegen ein Konzert, bei dem das Helsingborger Symphonieorchester nur Werke von LGBT-Komponisten gespielt hatte.

Fredrik Österling, Leiter des Konzerthauses in Helsingborg
galerie

Fredrik Österling, Leiter des Konzerthauses in Helsingborg, war mit der anonymen Beschimpfung zunächst überfordert.

Fredrik Österling leitet das Konzerthaus und ist auch Komponist. In einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender "Sveriges Radio" verriet er, wie es zur ungewöhnlichen und in der Presse jetzt heftig bejubelten Antwort auf die anonyme Beschimpfung kam: "Ich erhielt also diesen Hassbrief, der voller Abscheu für Menschen war, die sich lieben. Ich wusste nicht so richtig, was ich damit machen sollte. Bis Rickard Söderberg die brilliante Idee hatte: Mensch Fredrik, kannst Du das nicht vertonen? Lass uns eine kleine Kantate daraus machen!"

Die beiden lasen sich den Brief durch, wieder und wieder, in dem auch beschrieben wird, wie er zustande kam: "Der Verfasser des Briefes sitzt im Kulturhaus Dunkers und isst fein zu Abend, als sein Blick auf ein Werbeposter fällt, auf dem sich ein Paar küsst. Er glaubt, es seien zwei Männer. Da lässt er sich lautstark über den 'Schwulenkram' aus. Das ist schon fast wie in der Oper, dass jemand hasserfüllt ausrastet und wild über alle herzieht, die anders denken als er."

Das Land lacht

"Ich könnte kotzen", steht in dem Brief neben dem Vorwurf, dass das Orchester jetzt auch auf den "Schwulen- oder Schwuchtelzug" aufspringe, der ja schon lange durch ganz Schweden fahre. Auf Schwedisch heißt dieser Zug "Bögtåget" und das ist dann auch der Titel der Kantate.

Schwedischer Startenor Rickard Söderberg | Bildquelle: picture alliance / Pacific Press
galerie

Startenor Rickard Söderberg engagiert sich für LGBT-Rechte.

Österling verstand die Sätze als Libretto und als Ausdruck der Gefühle des unbekannten Schreibers, wie er sagte. Sie zu vertonen sei doch genau das, was eine Einrichtung wie das Konzerthaus tun solle, so Österling. Es gehe darum, unserer Zeit, wohl eher unserem Zeitgeist oder dem Zeitgeist einiger, einen künstlerischen Ausdruck zu geben.

Das Publikum erhält Gelegenheit, darüber nachzudenken und wohl auch die Chance, darüber zu lachen. Denn das befreit bekanntlich. Österling jedenfalls nimmt die Sache mit Humor. Das Land freut sich über eine gelungene, weil herrlich intelligente Art, mit dumpfer Homophobie umzugehen.

"Der Brief ist ja die exakte Vorlage für den Text. Die Person ist also, ohne es zu wissen, Autor geworden, und so stellt sich auch noch eine kniffelige Honorarfrage. Es wäre cool, wenn er sich zu erkennen geben würde. Dann erhält er mindestens eine kostenlose Eintrittskarte."

Die erste Aufführung von "Bögtåget" hat er oder sie allerdings wohl verpasst. Denn bisher bekannte sich niemand öffentlich zur ätzenden Schwulenhetze, die Österling und Söderberg so wunderbar sarkastisch veredelt, oder besser - veräppelt haben.

Singen gegen Schwulenhetze: Helsingborgs Symphonieorchester vertont Hassmail
Carsten Schmiester, ARD Stockholm
01.06.2018 21:20 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Juni 2018 um 07:50 Uhr.

Darstellung: