Straßenverkehr in Singapur | Bildquelle: imago/robertharding

Verkehrsplanung in Singapur Am besten gar keine Autos mehr

Stand: 04.12.2018 16:16 Uhr

Die U-Bahn ist blitzsauber - und wer die Rushhour meidet, bekommt einen Drink spendiert. Autofahren hingegen ist in Singapur extrem teuer - und das ist so gewollt.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

In Hamburg, Berlin oder Köln kann man sich nur schlecht vorstellen, dass ein Bürgermeister für die kommenden drei Jahre jede Neuzulassung von Autos verbietet. Vermutlich käme es einem politischem Selbstmord gleich.

In Singapur ist so etwas für einen Amtsträger ohne großartig negative Folgen möglich. Es gab nicht einmal Proteste, als die Regierung des Stadtstaates vor gut einem Jahr einen entsprechenden Zulassungsstopp verkündete. Nur wenn ein altes Fahrzeug stillgelegt wird, darf in Singapur ein neues Auto angemeldet werden.

Die Menschen in der Stadt sind hin- und hergerissen. Der Nahverkehr in Singapur dagegen ist ein Traum. Die U-Bahnhöfe bestehen aus Marmor, Glas und Edelstahl. Sie sind so sauber wie andernorts Operationssäle. Außerdem sind die öffentlichen Verkehrsmittel preiswert. Und Verspätungen meldet die Zeitung "Singapore Straight Times" am nächsten Tag auf der Titelseite, so selten kommen sie vor.

Metro in Singapur | Bildquelle: imago/Jan Huebner
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Blitzsauber und günstig: Die U-Bahn in Singapur ist das Rückgrat des städtischen Verkehrs.

Bis zu 80.000 Dollar für die Zulassung

Für alle Autofahrer lautet das Zauberwort "CoE": Certifikate of Entitelment - also Berechtigunsschein. Aber selbst wenn eine Zulassung frei werden sollte - der Stadtstaat appelliert permanent in TV-Spots an seine Bürger, das Auto öfter stehen zu lassen. "Brauchst du wirklich ein Auto? Fahr' doch Fahrrad oder U-Bahn. Oder geh' zu Fuß", lauten die Slogans im Fernsehen.

Verglichen mit anderen Weltmetropolen läuft der Verkehr in Singapur selbst zur Rushhour geradezu flüssig. Dabei sind die Einwohner Singapurs eigentlich verrückt nach Autos. Das sind sie aber vielleicht gerade, weil die Regierung es ihnen so schwer und so teuer macht, eines zu fahren.

Bis zu 80.000 Dollar kostet allein das Zulassungsdokument, die CoE. Sie gilt dann für zehn Jahre, und wer sie erneuern will, zahlt jedes Jahr einen Altautozuschlag von zehn Prozent. Das ist wohl der Hauptgrund, warum man auf Singapurs Straßen vorwiegend neue, teure, blitzende Autos sieht.

Maut je nach Straße und Tageszeit

Außerdem wird je nach Straße und Tageszeit noch eine Maut fällig. Sie wird elektronisch durch ein Lesegerät erfasst, das in der Windschutzscheibe jedes Fahrzeuges installiert ist. Mit der Vorrichtung kann man außerdem in Parkhäuser fahren, ohne die Scheibe öffnen und ein Ticket am Automaten ziehen zu müssen. Am Monatsende wird vom Konto abgebucht.

Einnahmen aus dem Autofahren gehen fast ausnahmslos in den öffentlichen Nahverkehr. Es sei ein "Weltklassenahverkehr", der das Auto gänzlich überflüssig machte, sagt Premierminister Lee Hsien Loong. "Unser Ziel ist nicht nur, mehr Busse und Züge einzusetzen. Wir wollen einen derart erstklassigen öffentlichen Nahverkehr in Singapur haben, dass die Menschen überhaupt kein Bedürfnis mehr haben, Auto zu fahren", so der Regierungschef. "Gleichzeitig verteuern wir das Autofahren durch hohe Zulassungsgebühren, Parkplatzkosten, Mautgebühren. Und wir wollen das Fahrrad fördern, das nicht nur billig ist, sondern umweltverträglich."

Straßenverkehr in Singapur | Bildquelle: imago stock&people
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In Singapur wird die Maut elektronisch berechnet. Je nach Tageszeit und Art des Autos kostet es mal mehr, mal weniger.

Autodichte in Deutschland fünfmal so hoch

Fast jeder Singapurer würde denn auch zustimmen, dass man in einem Stadtstaat mit 5,6 Millionen Einwohnern nicht unbedingt ein Auto braucht. Aber Autofahren ist nicht nur eine Frage von "Brauchen", sondern eine von "Status" und "Image". Was knapp und teuer ist, ist auch begehrenswert. Eine gute halbe Million Autos gibt es derzeit in Singapur. Das heißt, ein Fahrzeug kommt auf zehn Einwohner. In Deutschland ist die Autodichte etwa fünfmal so hoch.

"Es ist cool, kein Auto zu haben"

Durch den Zulassungsstopp soll der Bestand gewissermaßen eingefroren werden - möglichst sogar sinken. Um das zu erreichen, startete die Regierung unlängst Kampagnen für eine Imagekorrektur des Autos. Paul Barter, Infrastrukturexperte an der Universität Singapur, sagt, die Regierung verpflichte sich dem Motto "Auto light". "Es ist cool, kein Auto zu haben - das ist das neue Narrativ", so Barter. "Nicht: Ich kann mir kein Auto leisten. Sondern: Ich verzichte ganz bewusst." Das Auto solle nicht länger als Statussymbol dienen. "Im Gegenteil: Auto ist Stau, Stillstand, schmutzige Luft."

Singapurs langfristiges Ziel ist nicht nur, die Zahl der Autos zu reduzieren, es sollen am besten gar keine Autos mehr fahren - abgesehen von Taxis und dem Lieferverkehr. Und die Fahrzeuge sollen dann möglichst mit Elektromotoren angetrieben werden. Singapur sei ein lebendiges Labor, um smarte Ideen und smarte Konzepte zu entwickeln, sagt der Wissenschaftler James Pomeroy. "Zusammen mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich arbeiten die Experten der Regierung an Zukunftskonzepten."

Straßenverkehr in Singapur | Bildquelle: imago stock&people
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Von der rigiden Verkehrspolitik profitieren auch diejenigen, die trotzdem noch Auto fahren: Verglichen mit anderen Millionenstädten ist auf Singapurs Straßen wenig los.

Ein Drink, wenn man nicht zur Rushhour fährt

In der Republik Singapur regiert seit fast 60 Jahren dieselbe Partei. Die autoritäre Regierung kann anordnen, ohne Rücksicht auf Einsprüche nehmen zu müssen. Und sie kann sehr langfristig planen, ohne über Legislaturperioden nachzudenken. Kein Journalist etwa regt sich auf, die Autofahrer seien die Melkkühe des Staates oder der öffentliche Nahverkehr werde einseitig gefördert.

Seit kurzem gibt es eine Rushhour-App für die U-Bahnen, damit diese zu den Stoßzeiten nicht mehr nicht so voll sind. Wer außerhalb der Rushhour nach Hause fährt, dem spendieren die Verkehrsbetriebe für die Warteizeit einen Drink in einer Bar in seiner Nähe. Und wer das öfter macht, der erhält irgendwann sogar ein Abendessen für zwei Personen.

Singapur will Autozulassungen regulieren
Holger Senzel, ARD Singapur
04.12.2018 11:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 04. Dezember 2018 um 18:30 Uhr.

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