Der ägyptische Fotograf Shawkan blickt in die Kamera | Bildquelle: AP

UNESCO-Preis für Pressefreiheit In Ägypten in Haft - und ausgezeichnet

Stand: 03.05.2018 10:06 Uhr

Seit fünf Jahren sitzt der ägyptische Fotograf Shawkan im Gefängnis - weil er die Räumung eines Protestcamps in Kairo fotografierte. Nun erhält er den UNESCO-Preis für Pressefreiheit.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

Die Bilder von der Räumung gingen um die Welt. Am 14. August 2013 lösten ägyptische Sicherheitskräfte ein Protestcamp im Kairoer Stadtteil Medinet Nasr brutal auf. Mindestens 800 Menschen wurden dabei getötet, nach Angaben von Menschenrechtlern zumeist unbewaffnete Demonstranten. Wochenlang hatten Mursi-Anhänger dagegen protestiert, dass der erste frei gewählte Präsident Ägyptens und Muslimbruder Muhammed Mursi vom Militär entmachtet wurde.

Bei der Räumung dabei war der ägyptische Fotojournalist Shawkan. Sein Bruder Muhammed Abu Zeid erinnert sich, wie Shawkan zum Protestestlager fuhr und dort fotografierte. "Er war in Begleitung zweier westlicher Fotografen", erzählt er. "Sie befanden sich auf der Seite der Polizei, nicht auf jener der Demonstranten. Alle drei wurden festgenommen. Die beiden Ausländer kamen zwei Stunden später frei, aber Shawkan sitzt bis heute im Gefängnis, obwohl er als Journalist lediglich seine Arbeit getan hat."

Shawkan heißt mit bürgerlichem Namen Mahmoud Abu Zeid. Er fotografierte für die Agentur Demotix, die damals der US-amerikanischen Firma Corbis gehörte.

Eine Hand winkt hinter Drähten. | Bildquelle: AP
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Das Hochsicherheitsgefängnis Tora im Süden von Kairo gilt als problematisch. Haftbedingungen verstoßen laut Human Rights Watch gegen Mindeststandards zur Behandlung Gefangener.

Gründe für Inhaftierung unbekannt

Am 1. Dezember 2015 schrieb der 31-jährige Fotograf in einem Brief aus dem berüchtigten Kairoer Tora-Gefängnis: "Nach 850 Tagen in diesem schwarzen Loch der Ungerechtigkeit fühle ich mich verloren. Ich bin im Gefängnis, ohne zu wissen warum. Es tut mir leid, das zu sagen, aber aus mir ist ein Mensch voller Hoffnungslosigkeit geworden. Bitte, ruft es immer wieder: Journalismus ist kein Verbrechen."

Bis heute wüssten weder die Familie noch sein Anwalt, wieso Shawkan inhaftiert wurde, sagt sein Bruder. "Die Vorwürfe lauten: Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation, illegaler Waffenbesitz, Blockade einer öffentlichen Straße", erklärt er. "Aber für all das wurden nie Beweise vorgebracht. Im Gegenteil: Der Verteidiger reichte Papiere ein, die Shawkan entlasten, darunter der Arbeitsauftrag der Agentur Demotix."

Drei Jahre nach der Festnahme begann der Prozess gegen Shawkan, aber die Verhandlung wurde immer wieder verschoben, bis heute über 40 Mal. Das zeige, sagt Yehia al-Sherbini, einer von Shawkans besten Freunden, dass die Strafverfolger nichts gegen ihn in der Hand hätten. "Jeder weiß, dass er unschuldig ist. Wenn die Polizei Informationen über jemanden will, dann besorgt sie sich die doch innerhalb von ein, zwei Tagen", sagt er.

Aber Shawkan sitzt seit fast fünf Jahren im Gefängnis, ohne dass er verurteilt wurde. Seine Zelle müsse er sich mit rund einem Dutzend weiterer Häftlinge teilen, erzählt der Bruder.

"Shawkan leidet an Blutarmut, und er ist an Hepatitis C erkrankt. Auch sein psychischer Zustand hat sich durch die Haft natürlich stark verschlechtertet. Wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen. Einmal baten wir um die Erlaubnis, eine Blutprobe von ihm draußen testen zu lassen. Die Gefängnisleitung hat das abgelehnt. Mehrmals verlangte sein Anwalt, dass Shawkan in einem Krankenhaus außerhalb des Gefängnisses untersucht wird – ebenfalls abgelehnt."

Der ägyptische Fotograf Shawkan deutet einen Bildausschnitt an. | Bildquelle: AFP
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Der ägyptische Fotograf Shawkan sitzt seit fast fünf Jahren im Gefängnis, ohne dass er verurteilt wurde.

Ägyptisches Außenministerium empört über Preis

Shawkans Freund al-Sherbini richtete kurz nach der Festnahme die Facebook-Seite "Freedom for Shawkan" ein. "Auf der Seite schrieb ich, dass Shawkan mein Freund ist - ein Fotograf, der zu dem Protestcamp gegangen ist, um seine Arbeit zu machen, und der jetzt im Gefängnis sitzt", so al-Sherbini. "Ich traf mich mit Journalisten und schilderte ihnen alles. USA, Kanada, Deutschland, Norwegen, überall kennt man inzwischen Shawkans Fall - außer in Ägypten. Hier wird er totgeschwiegen."

Das änderte sich, als bekannt wurde, dass die UNESCO Shawkan mit ihrem Preis für Pressefreiheit auszeichnen  will. Das ägyptische Außenministerium reagierte empört. Die UNESCO würde, so heißt es in einer Erklärung, eine Person ehren, der Terrorakte vorgeworfen werden, inklusive Mord, Angriffe auf die Polizei und Zerstörung von öffentlichem Eigentum.

Aber auf eine Frage geht auch das Ministerium nicht ein, eine Frage, die sich viele stellen: Warum ist Shawkan dann nicht längst verurteilt worden? Gamal Eid, Leiter des Arabischen Netzwerks für Menschenrechte, hat eine Antwort. Shawkan sitze nicht im Gefängnis, weil er gewalttätig gewesen sei oder einer Extremistengruppe angehört habe, sagt er. Sein Fall sei ein Beispiel dafür, wie in Ägypten die Pressefreiheit angegriffen werde.

UNESCO-Tag der Pressefreiheit
morgenmagazin, 03.05.2018, Jenni Rieger, SWR

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Regierung weist Kritik zurück

Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" veröffentlichte jüngst ihre diesjährige Rangliste der Pressefreiheit. Ägypten landete weit hinten, auf Platz 161 von insgesamt 180 Plätzen. Mindestens 31 Journalisten seien im Land inhaftiert.

Die Behörden und die Regierung weisen jede Kritik zurück. Vor gut einem Jahr erklärte Präsident Abdelfattah al-Sisi in einem ARD-Interview: "Wenn Sie Ägypten und die Arbeit der Medien, der Fernsehkanäle, der Presse, der Zeitungen, der Zeitschriften eine Woche lang beobachten würden, dann würden Sie feststellen, wie frei die Menschen reden und Kritik üben. Und das frei und offen ohne jegliche Einmischung, egal ob wir vom Fernsehen sprechen oder von der Presse."

Den Journalisten, die staatlicher Willkür ausgesetzt sind oder die - wie Shawkan - inhaftiert wurden, nutzen Beteuerungen dieser Art überhaupt nichts. Muhammed erzählt, dass der UNESCO-Preis seinen Bruder wieder etwas aufgerichtet habe. "Seit Shawkan davon erfuhr, ist er wieder optimistisch. Der Preis hat ihn seelisch gestärkt und seine Moral verbessert."

Einmal pro Woche darf die Familie ihn im Gefängnis besuchen, für 45 Minuten. "Shawkan fragt uns immer, ob es Neuigkeiten in seinem Fall gibt", sagt sein Bruder. "Und ob die Leute draußen an ihn denken oder ob sie ihn längst vergessen haben. Ich erzähle dann, dass sich alle seine Freilassung wünschen und dass sie optimistisch sind. Das tut ihm gut."

Inhaftierter ägypt. Fotograf Shawkan erhält UNESCO-Preis für Pressefreiheit
Jürgen Stryjak, ARD Kairo
03.05.2018 08:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 03. Mai 2018 das ARD-Morgenmagazin um 05:40 Uhr und Deutschlandfunk um 08:37 Uhr.

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