Mitarbeiter des Gesundheitswesens in einem Wohngebiet im Bezirk Jing'an in Shanghai, China | AFP
Reportage

Corona-Lockdown in Shanghai "Wollen das einfach nur noch überleben"

Stand: 25.04.2022 10:54 Uhr

Leere Straßen, eingesperrte Menschen, schlechte Versorgung: In Shanghai ist von Corona-Lockerungen nichts zu spüren - im Gegenteil. Die Anspannung nimmt zu. Bewohner rufen verzweifelt nach Essen.

Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

Die Menschen schreien aus ihren Fenstern, nutzen Töpfe und Pfannen, um zu protestieren. Das sind Szenen vom vergangenen Wochenende im Shanghaier Stadtteil Huangpu, mitten im Zentrum der internationalen Metropole. Sie haben Hunger.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Die Lebensmittel, die sie von der Regierung erhalten, seien teilweise verrottet, sagt eine Familie dem ARD-Hörfunk. Ein Mann aus einem anderen Stadtviertel im Osten Shanghais sagt:

Ich fürchte, bevor die Dinge besser werden, werden sie noch viel schlimmer. Einige staatliche Lieferungen haben das Verfallsdatum überschritten und stammen aus unklaren Quellen.

In China gibt es keine Presse- und Meinungsfreiheit. Aus Schutzgründen nennen wir in diesem Beitrag mit regierungskritischen Stimmen die Namen unserer Gesprächspartner nicht.

Lebensmittel: Teuer und nur online

Die meisten Menschen versuchen derzeit, überteuerte Lebensmittel online zu bestellen. Doch immer noch gibt es zu wenige Lieferanten, die auch unter harten Bedingungen auf den abgeriegelten Straßen arbeiten. Die meisten Dinge sind ausverkauft. Die Mindestbestellwerte sind hoch, weshalb Nachbarn sich zusammentun, um Gruppenbestellungen zu machen.

Nach einer so langen Abriegelung seien ihnen die hohen Preise völlig egal, sagt eine Frau. "Wir wollen das einfach nur noch überleben. Aber wenn das vorbei ist, denke ich, dass wir Bewohner in Shanghai uns alle zusammenschließen und die Regierung für all das Leid unserer älteren Menschen und unserer Kinder verklagen sollten." Sie müssten sich dann für ihre Fehler entschuldigen.

Lage immer angespannter

In manchen Straßen Shanghais und vor einigen Wohnhäusern haben die Behörden in den vergangenen Tagen hohe grüne Zäune angebracht. Entgegen der angekündigten Lockerungen spannt sich die Lage weiter an. Bis auf die Helfer in weißen Schutzanzügen und Polizei sind die Straßen weitgehend leer. Ein Mann sagt im Interview:

Die Behörden haben uns bisher nichts darüber gesagt, wie viele Fälle wir in unserem Wohnblock hatten, wie viele Menschen weggebracht wurden und wenn ja, wo sie sind. Wir verlassen uns nur auf Gerüchte unter Nachbarn.

Mit jedem weiteren Fall im Haus verlängert sich die Abriegelung für die Bewohner um 14 Tage. In Shanghai leben Menschen auf engstem Raum. In einem Wohnblock mit mehreren Hochhäusern leben so viele Menschen wie in einer deutschen Kleinstadt.

Angst vor Isolationszentren

Das Virus verbreitet sich: weiterhin fast 20.000 Fälle täglich. Die Angst der Menschen, in eine staatliche Isolationseinrichtung zu müssen, ist groß.

In diesen Massenunterkünften stehen Betten dicht an dicht, es sind Feldbetten, manchmal gar Holzpritschen. Betroffene berichten, dass sie nicht einmal fiebersenkende Mittel oder andere medizinische Versorgung erhalten. Selbst Kinder, Säuglinge und ältere Menschen im Rollstuhl, die positiv getestet werden, müssen dorthin.

Ein Mann erzählt uns, dass Kinder 50 Kilometer laufen mussten, um allein nach Hause zu kommen, nachdem sie aus der Isolation entlassen wurden. Er habe das Gefühl, dass die Menschlichkeit durch die besessene Umsetzung der dynamischen Null-Covid-Politik auf der Strecke geblieben sei.

Ein anderer Mann sagt:

Ich habe einen Freund. Seine Großmutter ist 94 Jahre alt und ist positiv. Sie wollten sie in die Isolationseinrichtung bringen. Am Ende haben sie sie in ein Krankenhaus gebracht, aber sie kann nur auf dem Flur bleiben. Sie ist alt und krank, deshalb ist es sehr beunruhigend.

Schlechte Notfallversorgung

Viele Menschen machen sich Sorgen um kranke Verwandte. Nicht nur wegen Covid-19. 138 Menschen sind nach offiziellen Angaben der Stadt innerhalb der vergangenen Woche im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben. Doch auch bevor diese Todesfälle gemeldet wurden, sind in Shanghai während des Lockdowns bereits Menschen gestorben: Krebskranke, Dialysepatienten und Asthmakranke zum Beispiel, weil sie nicht an medizinische Versorgung kamen.

In den ersten Wochen des Lockdowns waren Notfallambulanzen geschlossen, das medizinische Personal war in die Massentests und die Pandemiebekämpfung eingebunden. Mittlerweile gibt es Sondergenehmigungen für Schwerkranke und Notfälle, sodass sie ihre Häuser verlassen dürfen, um ins Krankenhaus zu gehen.

Doch selbst die Frage, wie sie in einer abgeriegelten Stadt ohne öffentlichen Nahverkehr und sehr wenigen überteuerten Taxis dorthin gelangen, bringt viele Unsicherheiten mit sich. Auch berichten Menschen in Shanghai zunehmend darüber, dass Nachbarn sich aus Verzweiflung das Leben genommen hätten.

Kein Wort in den Staatsmedien - deshalb "Shanghai 404"

In den chinesischen Staatsmedien wird nicht über die Missstände in Shanghai berichtet. Viele Menschen in anderen Landesteilen außerhalb Shanghais bekommen nur am Rande mit, was in der 25-Millionen-Finanzmetropole passiert. Das, was durchsickert, führt in der Hauptstadt Peking nun zu Hamsterkäufen, nach dem in einem Stadtteil ein kleinerer Ausbruch gemeldet wurde.

Die Menschen in Shanghai suchen ihre Stimme. Sie posten Bilder und Videos in den Sozialen Netzwerken - immer wieder. Vor allem das Video "Sound of April". "Die Stimmen des Aprils" ist ein Zusammenschnitt von Telefonaten, Eindrücken und aufgezeichneten Gesprächen in den vergangenen Wochen und wurde innerhalb weniger Stunden immer wieder sehr hartnäckig geteilt.

Ein Wettlauf gegen die Internetzensoren, die es immer wieder löschen. Bis es am Ende nicht mehr zu sehen ist. Statt des Videos erscheint die Fehlermeldung "404". Eine Zahl, die manche nun stattdessen teilen - als Sinnbild und als Protest gegen die Zensur.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 25. April 2022 um 09:49 Uhr.