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Regierung will über Rechte aufklären Sexuelle Belästigung ist Arbeitsalltag

Stand: 03.03.2015 18:55 Uhr

Etwa die Hälfte aller Beschäftigten ist schon einmal am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden. Über Ansprechpartner für derartige Fälle wissen die wenigsten Bescheid. Die Bundesregierung befürchtet zudem eine hohe Dunkelziffer bei Belästigungen.

Von Julia Barth, WDR, ARD-Hauptstadtstudio

Nach Beispielen für sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz muss Christine Lüders nicht lange suchen. Erst vor ein paar Wochen erreichte die Antidiskriminierungsbeauftragte der Bundesregierung die Geschichte einer jungen Frau, noch in der Probezeit, die wiederholt von ihrem Chef belästigt wurde. "Im Gespräch mit Kolleginnen hatte sie dann herausgefunden: Sie ist nicht allein", erzählt Lüders. "'Der hat auch mich schon mehrfach angetatscht', sagte sie. Es gäbe da nur ein Problem: Der Mann ist im Vorstand und einer der mächtigsten Männer im Betrieb. Da traut sich niemand gegen ihn vorzugehen."

Hohe Dunkelziffer vermutet

Die Angst vor Konsequenzen ist ein Grund, warum Lüders beim Thema sexuelle Belästigung mit einer hohen Dunkelziffer rechnet. Bedenklich findet sie aber vor allem die Ergebnisse der aktuellen Umfrage. Zweideutige Kommentare, unangemessene Fragen zum Privatleben, unerwünschten Körperkontakt - hält man den Befragten konkrete Situationen vor, die laut Gesetz als sexuelle Belästigung gelten, gibt die Hälfte der Befragten an, diese selber schon einmal erlebt zu haben.

Nach ihrem eigenem Begriffsverständnis sagen das deutlich weniger - nämlich gerade einmal 17 Prozent der Frauen und lediglich sieben Prozent der Männer. "Dies bedeutet eine erhebliche Unkenntnis in Bezug auf die gesetzliche Begriffsbildung, das heißt, das eigene Verständnis unterscheidet sich maßgeblich vom Verständnis des Gesetzgebers", sagt Frank Faulbaum von der Uni Duisburg-Essen, der die Umfrage durchgeführt hat.

Arbeitgeber ignorieren Verpflichtung

Unkenntnis haben die Sozialwissenschaftler auch beim Umgang mit sexueller Belästigung feststellen müssen. 70 Prozent der Befragten wissen gar nicht, an welche Person im Unternehmen sie sich wenden können, wenn sie sexuell belästigt wurden. "Eine Ansprechperson, die niemand kennt, kann keine wirkliche Hilfe sein. Was nützt einem der Notausgang, wenn man nicht weiß, wo er ist", ärgert sich Lüders über die Informationspolitik der Arbeitgeber. Die sind nämlich gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Mitarbeiter vor sexueller Belästigung zu schützen und sie entsprechend zu informieren. Von dieser Pflicht weiß aber gerade mal ein Fünftel der Befragten. Die Hälfte ist sich nicht mal im Klaren darüber, dass sie das Recht haben, wegen sexueller Belästigung zu klagen.

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"Wir wissen auch, wenn Unwissen bei den Personalverantwortlichen dazu führt, dass Belästigungen folgenlos bleiben oder bagatellisiert werden, dann müssen wir uns fragen, wie öffentliche und private Arbeitgeber ihren Informationspflichten besser nachgehen können", so Lüders. Auf den Prüfstand soll dann auch die Frist kommen, innerhalb derer Betroffene eine sexuelle Belästigung anzeigen müssen. Die ist mit momentan zwei Monaten nach Meinung vieler nämlich deutlich zu kurz.

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