Jean-Jacques Sempé

Französischer Zeichner Sempé feiert 80. Geburtstag Kleiner Junge - großer Zeichner

Stand: 17.08.2012 11:07 Uhr

Typen, Dinge, Alltagsszenen: Die kleinen Gesten liegen dem französischen Zeichner Jean-Jacques Sempé mehr als politische Karikaturen. Ein Schuljunge machte ihn schließlich auch über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt. Nun wird der Schöpfer des "kleinen Nick" 80 Jahre alt.

Von Daniela Junghans, WDR-Hörfunkstudio Paris

Jean-Jacques Sempé ist ein außergewöhnlicher Mensch. Schon in den ersten Monaten seines Lebens sorgte er für Aufsehen: Für eine Werbekampagne wurde er zum schönsten Baby seiner Heimatstadt Bordeaux erklärt. In einem Interview mit dem Radiosender "France Culture" ist ihm das heute ein wenig peinlich: "Ich habe keine Erinnerungen mehr an diese prunkvolle Zeit. Ich war ein kleiner Junge, viel zu dick, mit einer zu fetten Milch gefüttert. Je dicker und hässlicher ein Baby damals war, umso schöner fand man es. Das waren abstoßende kleine Wesen - dick, voller Speck und gelblich. Die schönen Babys damals sahen schrecklich aus."

Bilder mit einer Idee dahinter

Der Sohn eines Lebensmittelhändlers wuchs in einfachen Verhältnissen auf, doch schon früh zeigte sich seine große Begabung fürs Zeichnen. Mit 14 Jahren gehörte es fest zu seinem Alltag, doch Sempé suchte noch nach Inhalten und einem eigenen Stil: "Eines Tages habe ich mich gezwungen, nach Ideen für meine Bilder zu suchen. Das verdanke ich einem Maler aus Bordeaux, der meine Bilder angesehen hat und sagte: 'So kannst Du nicht weitermachen. Du zeichnest Leute, die laufen, Fußballspieler oder Musiker. Das ist alles sehr schön, aber jetzt malst Du mal Bilder mit einer Idee dahinter und einem kleinen Text unter dem Bild.'"

Jean-Jacques Sempé

Er zeichnet das Leben: Jean-Jacques Sempé in seinem Atelier

Am Anfang habe er Angst gehabt, dass ihm keine Geschichten einfallen könnten, erinnert sich Sempé. Doch das habe sich schnell geändert, denn ihm fiel immer mehr ein, was er aufs Papier bringen konnte und wollte. Schnell machte er sich schnell einen Namen mit seinen kleinen Zeichnungen, die vor allem in französischen Zeitschriften erschienen und den Leser fast immer zum Schmunzeln brachten.

Der Blick hinter die menschliche Fassade

Über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt machte ihn spätestens der kleine Nick: "Le petit Nicolas", wie die Kinderbuchreihe im Original heißt, besteht aus kurzen Geschichten aus dem Alltag eines ganz normalen kleinen Jungen. Sempé hat das Buch gemeinsam mit seinem Freund, dem Asterix-Erfinder René Goscinny, geschrieben und dabei auf seine Kindheitserinnerungen zurückgegriffen.

Zeichnungen von "Der kleine Nick" (Foto: dpa)

Sempés Vermächtnis: "Der kleine Nick" hält seine Familie auf Trab. (Foto: dpa)

Aktuelle, politische Karikaturen seien dagegen nicht sein Ding, sagt Sempé. Stattdessen blickt er lieber hinter die menschliche Fassade. Genau das mache seine Zeichnungen so einzigartig, sagt sein deutscher Kollege Til Mette: "Sempe ist sofort erkennbar, sein Thema: Liebe zum Individuum."

Dabei gibt es ein Thema, das besonders oft ins seinen Zeichnungen auftaucht - die Musik. Oder besser: die Musiker. Seit er in seiner Jugend den Jazz entdeckte, schwärmt er vor allem für Duke Ellington: "Ich fand, dass er ein extrem eleganter Mann war", sagt Sempé. "Er war sehr höflich, sprach sehr sanft und hatte im Zusammenspiel mit seinem Orchester sehr elegante Gesten."

Mit Musik durch die Nacht

Die Liebe zu Ellington verfolgte den Franzosen bis tief in seine Träume: "Ich bin in einem Haus und warte auf meinen Freund Duke Ellington. Der fragt, was ich gerade tue - auf Englisch, was ich perfekt verstehe. Und ich antworte auf Französisch, das von allein zu Englisch wird. Ich sage: 'Ich spiele ein wenig auf dem Klavier'. Da sagt er: 'Los gehts'. Und ich spiele gemeinsam mit ihm. In diesem Traum spiele ich gar nicht so schlecht."

Sempé kann im wirklichen Leben nicht Klavier spielen - auch wenn er es gern gelernt hätte. Doch das stört den 80-Jährigen nicht, denn mit seinen Zeichnungen hat er ähnlich viel Freude.